Umweg: Aconcagua

Die Geschichte eines Schweizers, der auszog, einen der letzten weissen Flecke auf dem Globus zu vermessen: Robert Helbling im Alpinen Museum.

Ergebnis von Gipfelhunger und Hochtechnologie des frühen 20. Jahrhunderts: Helblings Karte aus den argentinisch-chilenischen Anden.

Ergebnis von Gipfelhunger und Hochtechnologie des frühen 20. Jahrhunderts: Helblings Karte aus den argentinisch-chilenischen Anden. Bild: zvg

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Was wäre wohl aus ihm geworden, wäre er hundert Jahre später auf die Welt gekommen? Vielleicht würde Robert Helbling auf einer Stufe stehen mit Star-Bergsteigern wie Messner oder Steck. Das Zeug dazu hätte er wohl gehabt: das Können, die Begeisterung, die Ausdauer und den Pioniergeist.

Doch Helbling lebte 1874 bis 1954. Sponsoren, Werbeauftritte, Multimediashow-Tourneen, kurz: Vom Sport zu leben – davon konnten Alpinisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur träumen. Auch Spitzenbergsteiger brauchten einen Brotjob. In der Geschichte des Robert Helbling ist das kein Missstand, im Gegenteil. Es ist vielmehr der Grund, warum man sich heute an ihn erinnert, warum sich das Alpine Museum in Bern mit ihm befasst und warum es temporär eine argentinische Flagge hisst.

Der höchste Berg Amerikas

«Tierra incógnita – Robert Helblings Kartenschatz aus Argentinien» heisst die Ausstellung im kleinen Schauraum, dem «Biwak». Zentral: die Karte, die Helbling vom schwer zugänglichen und bis dahin nahezu unerforschten Gebiet der Juncal-Tupungato-Gruppe im argentinisch-chilenischen Grenzgebiet der Anden erstellte. Es ist also weniger der Bergsteiger Helbling, um den sich die Ausstellung dreht. Wie aber kommt der Apothekersohn aus dem sankt-gallischen Rapperswil ins südamerikanische Niemandsland? Der Gipfelhunger war es. Vielleicht wäre Helbling darum auch nach Südamerika gegangen, wenn es dort keine Arbeit gegeben hätte für den Doktor in Geologie. Helbling zählte sich als Bergsteiger zu den «Führerlosen», einer Bewegung junger Alpinisten, die – entgegen den damaligen Gepflogenheiten – nach Möglichkeit auf lokale Führer verzichteten und Touren in eigener Verantwortung unternahmen. In Europa hatte er vor seinem 30. Geburtstag bereits 477 Berge gemeistert, 160 davon im Alleingang. 30 Gipfel der Schweizer Alpen bestieg er als Erster, und auch an der Erstbesteigung des damals «schwierigsten Bergs der Welt», des Uschba-Südgipfels im Kaukasus, war er beteiligt.

So nahm also Helbling, auf Vermittlung seines Bergfreunds Friederich Reichert, der als Chemiker für den argentinischen Staat und später als Professor arbeitete, 1905 eine Stelle in einer Kupfermine mitten in den Anden an. Alpinistische Herausforderungen bot das Gebiet zwischen dem Tupungato und dem Aconcagua – dem höchsten Gipfel beider Amerika – genug. Unter anderem gelang Helbling die Drittbesteigung des Aconcagua, alleine, in einer 24-stündigen Tour. Doch das Gebiet reizte auch den Wissenschaftler: In den Tälern der Gebirgskette flossen mächtige Gletscher – was der gängigen Lehrmeinung widersprach. Fasziniert von der Umgebung, beschlossen Helbling und Reichert, das Gebiet kartografisch zu erfassen. Es ist dieser Entscheid, welcher der Abenteurergeschichte eine Wendung gibt. Er macht aus dem Bergsteiger Helbling den Erneuerer der Schweizer Kartografie, den Mitbegründer einer Weltfirma, den Offizier mit über 1800 Dienstagen und den Ehrendoktor der Universität Zürich.

Vom Gelände ins Büro

Um das unzugängliche Gebiet abzubilden, schien Helbling nur ein Weg geeignet: die Stereofotogrammetrie. Bei der Schweizerischen Landestopografie, die bis dahin schon Spitzenleistungen erzielt hatte, betrachtete man die rechnerisch komplizierte und aufwendige Methode lange als unpraktikabel. Überhaupt waren Erfahrungen mit der Fotogrammetrie damals rar. Helbling aber erkannte ihr Potenzial. Bisher waren Karten zum grössten Teil im Feld entstanden – schwieriges Terrain, schlechtes Wetter oder Schnee verunmöglichten die Arbeit. Nun braucht es, um ein Gebiet zu kartografieren, nur noch zwei gegeneinander versetzte Fotografien desselben Ausschnitts. Mit einem Gerät zur Auswertung lässt sich dann daraus im Büro eine Karte zeichnen.

Die Fotografien, die zwischen 1909 und 1912 entstehen, lässt Helbling während fünf Jahren in seinem Vermessungsbüro in Flums auswerten. Er ist damals der Einzige in der Schweiz, der einen dazu nötigen Stereokomparator besitzt. Die letzten Zweifler gewinnt Helbling dann im Ersten Weltkrieg: Viel effizienter als der Landestopografie gelingen ihm genaue Karten für die Artillerie. Schliesslich erkennt auch der Bund das Potenzial der Methode, die mit neuen Geräten einfacher geworden ist, und zieht nach. Dazu muss er seine Leute in Helblings Büro ausbilden lassen. Der bringt sein Wissen auch in die Gründung der Firma Wild ein, die heute noch als Leica Geosystems besteht.Doch: Was ist nun mit den Karten Helblings aus den Anden? Der Erste Weltkrieg verhindert eine schnelle Publikation seiner Resultate. Warum aber die Probedrucke später nie veröffentlicht werden, ist bis heute ungeklärt. Und damit sie überhaupt den Weg von einer Mappe auf dem Dachboden eines Geologen am Zürichsee ins Alpine Museum fanden, war eine weitere Argentinien-Reise nötig.

Der verlorene Schatz

Mit seiner Frau reiste der Berner Antiquar Daniel Thierstein vor sieben Jahren in dasselbe Gebiet, in dem Helbling tätig war. Als Thierstein dann 2012 bei einem Berufskollegen in Zürich auf Helblings Werk stösst, ist für ihn klar: Diese Karte gibt ein ideales Geschenk für seine Frau her. Er kauft das Werk und zeigt es dem Helbling-Biografen Andreas Schellenberger. Der ist von dessen Existenz überrascht – und auch Thiersteins Frau, die mit ihrer eigenen Firma in der Denkmalpflege tätig ist, erkennt den Wert der Entdeckung. Und das Alpine Museum ist interessiert, sie auszustellen.

Herausgekommen ist eine facettenreiche Reise durch Helblings Leben und Werk mit viel Originalmaterial. Natürlich die Karte, aber auch Abzüge der technischen Aufnahmen bis hin zur dokumentierten Immatrikulation Helblings an der Uni Bern. Eine inhaltlich gelungene und grafisch ansprechende iPad-Applikation, präsentiert an vier Stationen, zeigt Helblings Vermächtnis in Bild und Ton. Dabei wird der Pionier auch menschlich fassbar: wenn er etwa in Briefen in die Heimat über seine Einsamkeit klagt oder als Firmenchef als bisweilen «sehr patriarchalisch» charakterisiert wird.

So erzählt der kurze Rundgang um den grossen Glaskubus im Biwak facettenreich die erstaunliche Geschichte des Alpinisten, der die Kartografie in der Schweiz revolutionierte. Und die argentinische Flagge, die hier bald auf dem Dach wehen soll, erinnert an den doppelten Umweg nach Südamerika, den es brauchte, bis alles so kam, wie es kam.

Bis 2. März 2014, www.alpinesmuseum.ch

(Der Bund)

Erstellt: 20.12.2013, 08:19 Uhr

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