Ruhm, Sand und Ehre

Eine alte Fabrik verwandelt sich in den Rätselparcours «Mystodrom II». Dahinter steckt der fantastische Ingenieur Babu Wälti, der sich mit dem Œuvre von seiner Werkstatt verabschiedet.

«Konverteur» Babu Wälti bringt Licht ins Dunkel: Hier in das «Mystodrom»-Labyrinth, komplett mit Minotaurus.

«Konverteur» Babu Wälti bringt Licht ins Dunkel: Hier in das «Mystodrom»-Labyrinth, komplett mit Minotaurus.

(Bild: Adrian Moser)

Hanna Jordi

Ein paar Spatzen haben sich in die alten Fabrikhallen neben der Kehrichtverbrennungsanlage verirrt. Jetzt fliegen sie etwas konsterniert zwischen den Objekten hin und her, die jemand an der hohen Decke befestigt hat. Auch diese wirken etwas verloren vor dem ganzen kargen Mauerwerk: Es sind Kronleuchter. Allerdings nicht solche, wie man sie im Erlacherhof findet. Bei einem blinken die Lichter unter Plastikpuppenärmchen hervor, bei einem anderen prangen die Kristalltropfen an einem Weidekorb.

Was die Spatzen vermutlich nicht wissen: Die Kronleuchter sind nicht nur potenzielle Nistplätze. Sie bergen auch ein Geheimnis: Ihre Stromkreise sind auf perfide Art und Weise verbunden, sodass es fast unmöglich ist, sie mittels diverser Lichtschalter allesamt auszuknipsen. Und das innerhalb von nur sieben Minuten.

Die Kronleuchtermeile ist eine von 16 Stationen des «Mystodroms», wie sich der Rätselparcours durch die ehemalige Chocolat-Tobler-Fabrik an der Bahnstrasse 21 nennt. Im Siebenminutentakt werden die Besucher durch die Stationen gelotst. Dort erwarten sie Aufgaben, die sie innerhalb kurzer Zeit lösen müssen. Wer es schafft, oder dies zumindest eindrücklich versucht, wird mit etwas Sand belohnt. Es ist der Sand der Zeit, wie sich das für einen Parcours mit dem Untertitel «As Time Goes By» geziemt.

Schwanengesang der alten Fabrik

Es ist das zweite Mal, dass die Bernerinnen und Berner in den Genuss eines Mystodroms kommen. Zuletzt war das 2006 der Fall. Auch hinter der neuen Ausgabe steckt die Fata-Morgana-Crew um den Berner Spielentwickler Urs Hostettler. Als Erster Ingenieur amtet Babu Wälti. Seit 1992 unterhält er dort, wo Tobler bis Mitte der 80er-Jahre Nüsse geröstet und Kakao gelagert hat, seine Werkstatt. Unter illustren Nachbarn: Künstlerateliers waren hier zu finden, aber auch die Kinemathek Lichtspiel.

Die ist inzwischen ausgezogen, wie viele andere auch. Babu Wälti muss das Feld irgendwann zu Beginn des Jahres 2013 räumen. «Momentan verhandeln wir darüber, was ‹besenrein› bedeutet», sagt er in den Wust aus Drähten, Schrauben und Muttern hinein, die sich um ihn herum ausbreiten. Nächstes Jahr wird das Haus abgerissen, um Platz zu machen für die Überbauung am Warmbächliweg.

Recyclingvirtuose

Die Rölleli-Rutschbahn auf dem Münsterplatz, die aberwitzigen Fahrradkonstruktionen am Herzogstrassenfest oder der «Schreikasten» am Quartierfest im Murifeld – Wältis Objekte kamen weit herum. Über seinen Spielmaterialverleih, den er 20 Jahre lang von seiner Werkstatt aus betrieb, brachte er sie in Umlauf.

Damit soll nun Schluss sein. Babu Wälti nimmt den Auszug zum Anlass, einen Schlussstrich zu ziehen unter seine jahrelange Tätigkeit als Recyclingvirtuose oder «Konverteur», wie er es nennt. «Wenn man wie ich so lange Ghüder und Gerümpel zu etwas Brauchbarem oder noch besser – völlig Sinnlosem – verarbeitet hat, dann sammelt sich ein rechtes Puff an. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, Ordnung zu schaffen», sagt er. Das meiste wandert endgültig dahin, wo es schon mal lag: auf den Schrottplatz. Ein paar erlesene Gefährte gehen an Sonderschulen oder Spielplätze. Wälti wird dann, zum ersten Mal in seinem Leben, in seinem gelernten Beruf arbeiten. Als Sozialpädagoge an der heilpädagogischen Sonderschule in Olten.

Vorsicht, Förderband

Bevor es so weit ist, dürfen Wältis genial-abstruse Schöpfungen noch einmal im Rampenlicht stehen. Etwa der Minotaurus. Im «Mystodrom» empfängt er die Besucher als Gefährt mit Munikopf. Die Besucher müssen sich an ihm vorbei durch ein Labyrinth schmuggeln und – Vorsicht, gegenläufiges Förderband – den Ausgang finden.

Es locken: Ruhm, Ehre und Sand. Und die Einkehr in der «As Time Goes By»-Bar, wo sich die anderen Absolventen von Babu Wältis letztem Streich bereits zum Belohnungsumtrunk eingefunden haben.

Der Bund

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