«Mich interessiert die Ästhetik der Hässlichkeit»

Die Berner Comic-Zeichnerin Karoline Schreiber hat ein Tagebuch aus Bildern gefertigt.

Comic-Zeichnerin Karoline Schreiber.

Comic-Zeichnerin Karoline Schreiber. Bild: zvg

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Sie machen mindestens eine Zeichnung pro Tag – und das seit fast zehn Jahren. Kann Ihnen ein weisses Blatt Papier noch Angst einjagen?
Meine Zeichnungen entstehen sehr intuitiv, manchmal innerhalb von fünf Minuten. Sie passieren mir. Darum nenne ich sie auch «automatische Zeichnungen». Ich muss dafür keine Disziplin aufbringen, es fühlt sich vielmehr an, als würde ich etwas notieren. Es ist meine Form von Eskapismus und trägt schon nur deshalb keine Komponente der Angst: Ich zeichne oft an Orten, wo es unangebracht ist, zum Beispiel in Sitzungen. Sobald ich den schwarzen Fineliner ansetze, kann alles entstehen. Diese Bilder sind aber nur ein Teil meiner Arbeit, viele meiner anderen Werke haben ein klares Konzept, und da kenne ich diese Angst durchaus.

Auf einer Ihrer über 3000 Zeichnungen trottet eine behäbige Figur über eine kreisförmige Zugschiene. Irgendwo dazwischen klemmt ihr buschiger Kopf – ein flüchtiger Albtraum auf Papier. In der Ecke steht: «And then it happened». Wie kamen Sie darauf?
Ich weiss im Vorfeld nie, was ich zeichnen will, die Bilder entstehen mit jeder neuen Linie. Sie bekommen ein Eigenleben, erzählen mir Dinge, überraschen mich. Ich weiss noch, dass der Text nach dem Bild kam, weil ich während des Zeichnens plötzlich gemerkt habe, dass da eine Köpfung stattfindet.

Sind Ihnen Ihre eigenen Bilder manchmal unheimlich?
Mir «passieren» immer wieder komische körperliche Auswüchse oder morbide Szenen. Mich interessiert die Ästhetik der Hässlichkeit. Unheimlich sind mir meine Zeichnungen nicht, ich finde es vielmehr faszinierend und paradox, wie etwas Hässliches eine ganz neue Qualität bekommen kann, wenn man daraus Kunst macht.

Der Titel Ihrer Ausstellung in der Stadtgalerie lautet «Ich bin doch kein Automat!». Zur Vernissage werden Sie blind zeichnen.
In meinen Bildern geht es um Unzulänglichkeiten, um menschliche Abgründe. Auch wenn sie quasi automatisch entstehen, zeigen sie, dass wir eben keine Automaten sind. In Paris, wo zeitgleich eine Einzelausstellung im Centre Culturel Suisse läuft, werde ich zusammen mit einem automatischen Staubsauger zeichnen, an dem ein Stift befestigt ist. Anstatt zu putzen, verziert er den Boden mit abstrakten und sich wiederholenden Liniengeflechten. Blind zu zeichnen, ist für mich hingegen eine schreckliche Vorstellung. Was würde ich bloss machen, wenn ich nicht mehr sehen könnte? Ich stelle also eine entsetzliche Situation her, und gleichzeitig kopple ich mich von der Vernissage aus, bin nicht ansprechbar, was eine ungewohnte Situation ist, denn als Künstlerin sollte man sich am Eröffnungsabend doch kommunikativ geben.

Haben die Preise Ihre persönliche Unsicherheit vertrieben?
Es bleibt eine Gratwanderung zwischen Grössenwahn und Versagensangst. Im Kunstbetrieb besteht ständig Ausrutschgefahr, das Scheitern lauert hinter jeder Ecke. Auch auf meinen automatischen Zeichnungen wimmelt es von Fehlern. Doch genau das macht sie aus. (Der Bund)

Erstellt: 25.02.2016, 11:04 Uhr

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