«Ich bin halt ein Bastard»

Zum 100. Geburtstag des Berner Malers Ricco Wassmer zeigt das Kunstmuseum eine umfassende Retrospektive und legt gleichzeitig einen Werkkatalog vor.

        Marc-Joachim Wasmer. Ricco Wassmer 1915-1972, Catalogue raisonné der Gemälde und Objekte, Zürich 2015.

Marc-Joachim Wasmer. Ricco Wassmer 1915-1972, Catalogue raisonné der Gemälde und Objekte, Zürich 2015. Bild: zvg

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Als sich die Berner Kunstszene am 15. Oktober 1966 bei bestem Wetter zu ihrem legendären Malertag auf der Lueg traf, war einer dabei, der nicht genau wusste, ob er wirklich dazu gehörte. Während sich Meret Oppenheim als Kuh verkleidete, Peter von Wattenwyl ein Auto anmalte, Lilly Keller einen Lueg-Mann baute, Jimmy Schneider Pilze suchte und Willy Weber etwas in die Luft sprengte, alle immer darauf bedacht, von den Kameras des anwesenden Fernsehens gesehen zu werden, während dieses idyllischen Drunter-unddrübers also, sass Ricco Wassmer unter einem Baum und malte still einen weissen Schaukelschwan, so klein wie eine Kinderhand.

Das Werklein ging für 65 Rappen weg. Aber ums Geldverdienen ging es Ricco Wassmer ohnehin nie. Zwar hatte er oft zu wenig davon, weil er aber aus gutem Hause kam, musste er weder bürgerlich arbeiten, noch von seiner Kunst leben. Er bekam von zu Hause eine kleine Pension und schnorrte ansonsten seine Freunde und Förderer an. Und diesen Vorteil hat Ricco Wassmer noch heute.

Die Ausstellungen 1988 im Kunsthaus Aargau, 2002, 2009 und jetzt, hundert Jahre nach seiner Geburt, im Kunstmuseum Bern, sind dank des finanziellen Engagements der Familie zustande gekommen. Die aktuelle Schau, in der viele unbekannte Werke zu sehen sind, basiert auf der langjährigen und soeben abgeschlossenen Arbeit an einem Werkverzeichnis, ausgeführt durch den Kunsthistoriker Marc-Joachim Wasmer, nicht verwandt, bezahlt durch die Mäzene Ruedi A. und Franz Wassmer, verwandt. Die daraus resultierende Studie ist ein wesentlicher Beitrag zur Berner Kunstgeschichte. Symbolismus ohne Schleier

Dabei ist Riccos Platz in dieser eigentlich behördlich verbürgt, seit er mit dem Bild «Jean du carrousel» 1955 den Berner Kunstpreis gewann, was einen kleinen Kunststreit auslöste. Ricco war zwischen die Fronten der «Jungen» und der «Alten» geraten, den Informellen und den Gegenständlichen, wo er sich selbst doch in gar keiner der beiden Phalangen eingliedern mochte. Doch die Kunstkommission glaubte, mit der Auszeichnung für den Aussenstehenden, den Jungen eins auswischen zu können. Immerhin waren nur wenige Monate vergangen seit der aufwühlenden Ausstellung «Tendances actuelles III» in der Kunsthalle, als Arnold Rüdlinger Jackson Pollock und Sam Francis in Bern vorstellte. Solchen Wallungen galt es entgegenzutreten, ohne vollkommen ewiggestrig zu erscheinen. Noch wütender warfen die Berner Abstrakten wie Fedier, Vögeli oder Iseli fortan die Farben auf ihre Leinwände und Harald Szeemann machte eine Kabarettnummer aus der Farce. Nur Ricco wusste nicht so recht, wie ihm geschah.

Er hatte ja wirklich nichts zu tun mit der hodlerschen Gegenständlichkeit der alten Berner Schule. Vielmehr hätte er sich wenn schon der Neuen Sachlichkeit oder dem magischen Realismus zugehörig gefühlt, wie sie in der Zwischenkriegszeit von Deutschland her kamen, dem Ricco, sein Pseudonym verrät es, aber distanziert gegenüberstand. Noch weniger zu schaffen hatte er aber mit der Avantgarde seiner Zeit, die sich wie besessen mit der Form beschäftigte, bis sie als eine gebrauchsgrafisch reduzierte Form des Konstruktiven zur «nachhodlerischen Nationalkunst» verkam, wie der Kunsthistoriker Marcel Baumgartner schrieb. Riccos Interesse galt nicht der Form, sondern: «Das Motiv ist für mich der Anfang. Ich bin halt ein Bastard zwischen einem Schriftsteller und einem Maler.» Ricco verstand seine Bilder als Erzählung und lud sie mit Symbolen auf, was manchmal aussah, wie schlecht gemachte Renaissance, manchmal wie Surrealismus aus dem aufgeräumten Kinderzimmer: Symbolismus ohne Schleier. Und doch mit Geheimnis. Die Kindheit am Musenhof

Neben seiner Lieblingsfarbe Rosa tauchen bei Ricco viele Motive wiederkehrend auf, ohne dass sie ihre Bedeutung vollkommen erklären würden: der Picasso-Clown, Knaben mit Fahrrädern, der in einer Hand ruhende Kopf, die auf einer Schulter ruhende Hand. Neben einem überordentlichen Ästhetizismus spricht aus ihnen eine stille, distanzierte Melancholie und, der Grundton, das kindliche Gefühl, weder als Maler noch als Mensch zu genügen.

Dabei sehnte er sich nach dem Leben, scheint es. Nach Aufenthalten in Paris und München fuhr er als Hilfskoch zur See. Aus dieser Zeit stammen seine nautischen Motive, Schiffe, Leuchttürme, Hafenszenen und immer wieder Matrosen. Junge, schlanke Matrosen in Uniform oder halb nackt. Riccos Personal erinnert an dasjenige von Balthus, einfach in männlich. Der Umgang mit minderjährigen Modellen brachte Wassmer 1963 in Frankreich mehrere Monate ins Gefängnis.

Aufgewachsen war der 1915 geborene Ricco als Erich Hans, Sohn von Max Wassmer und Tilly Wassmer-Zurlinden, auf dem Schloss Bremgarten. Die reiche Industriellenfamilie inszenierte das Schloss als einen bernischen Musenhof und empfing Künstler, Schriftsteller und Komponisten. Hesse hat dieses Bremgarten in seiner Erzählung «Die Morgenlandfahrt» zu einem künstlerisch-spirituellen Arkadien stilisiert und als das blieb es Ricco zeitlebens in Erinnerung: Bis zuletzt ist der schwarz-weisse Karoboden der Vorhalle des Schlosses in seinen Bildern gegenwärtig. Hatte er nicht eines seiner ersten Bilder, eine Selbstporträt mit geschlossenen Augen, auf das Brett eines zerschlagenen Spiegels gemalt? Als sei sein Malen der Versuch, ein Bild zu machen von einem, der nicht da ist, ihn in eine Welt zu stellen, die es nicht mehr gibt.

Die Ausstellung im Kunstmuseum Bern «Ricco Wassmer 1915–1972» dauert bis 13. März 2016

(Der Bund)

Erstellt: 26.11.2015, 07:36 Uhr

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