Die unbekannte Seite der Albaner

Im Kornhaus Bern zeigt die Wanderausstellung «Besa» wie Albaner während des Zweiten Weltkrieges Juden gerettet haben. Lamjia Jaha war an der Eröffnung Ehrengast und hat ihre ganz eigene Geschichte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Albanien war das einzige von Hitler besetzte Land Europas, in dem nach dem Krieg mehr Juden lebten als davor: Einfache albanische Familien versteckten während der faschistischen Besatzung in Südosteuropa Tausende verfolgte Jüdinnen und Juden. In dem Akt von Menschlichkeit und Zivilcourage riskierten viele Albaner ihr eigenes Leben. Obwohl die meisten Albaner muslimisch waren, spielte für sie die Religion keine Rolle. Fast alle nach Albanien geflohenen Juden konnten gerettet werden.

In der Wanderausstellung «Besa» des Fotografen Norman H. Gershman werden seit gestern im Berner Kornhaus zwölf Porträts von Albanern gezeigt, die während des Zweiten Weltkrieges unter Lebensgefahr Juden retteten und ihnen zur Flucht verhalfen. Einer davon ist Dervis Korkut, der damalige Kurator des Nationalmuseums in Sarajevo.

Seine Tochter, Lamija Jaha, war an der Eröffnungsveranstaltung Ehrengast. Auch Jaha musste fliehen. Aber als Kosovo-Albanerin aus Pristina. Als der Balkan Ende der Neunzigerjahren in Flammen stand und Jahas Heimat am dritten Tag bombardiert wurde, ist sie zusammen mit ihrem Mann Vllazim Jaha bis an die südlichen Grenze zu Mazedonien geflohen. «In der nächtlichen Dunkelheit marschierten wir mit zwei Koffern elf Stunden im Niemandsland», sagt sie. Dann konnten die beiden die Grenze zu Mazedonien zusammen mit einer kleinen Gruppe von Flüchtlingen überqueren und kamen in ein Lager mit 150 000 Flüchtlingen. «Plötzlich waren wir in den Augen der Welt nur noch kosovarische Flüchtlinge.» In dem Moment habe sie realisiert, dass sie nicht nur ihre Wohnung zurückgelassen habe, sondern auch ihre Freunde und Verwandten.

In Skopje, der mazedonischen Hauptstadt, wendete sich Jaha an die jüdische Gemeinde. Diese half dem Ehepaar, in einem Flugzeug nach Israel zu gelangen. Die beiden Kinder von Jaha konnten bereits einige Tage zuvor unter falscher Identität über Budapest nach Israel fliehen.

Fünf Jahrzehnte früher war die Situation gerade umgekehrt. Als in Europa der Zweite Weltkrieg tobte, setzte Jahas Vater, Dervis Korkut, sein eigenes Leben aufs Spiel. Er versteckte Juden in seinem Haus und half ihnen bei der Flucht. So bewahrte er etwa die junge Jüdin Mira Bakovic vor dem Konzentrationslager, indem er sie als Hausangestellte aufnahm und ihr später zur Flucht verhalf. Wie viele andere Albaner auch orientierte sich Korkut an «Besa» – einem in der albanischen Kultur verankerten Versprechen, in Not Geratenen zu helfen. Für seine Zivilcourage erhielt er vom jüdischen Holocoust-Museum Yad Vashem den Ehrentitel «Gerechte unter den Völkern».

Doch der Krieg kam zurück

Als Lamija Jaha 1999 zusammen mit ihrem Ehemann nach der eigenen Flucht mit dem Flugzeug in Israel landete, schloss sich ein Kreis. «Davor Bakovis, der Sohn der Jüdin, die mein Vater während des Holocausts rettete, nahm uns in Empfang», sagt Jaha.

Die Familie blieb auch nach Ende des Krieges in Israel. Vor allem ihrer Kinder wegen, die zu studieren begonnen hatten. «Wir fühlten uns wie im Paradies. Keine Bomben mehr, keine Toten mehr.» Doch der Krieg kam zurück. Raketen schlugen in die Städte Israels ein. Deshalb verliessen Jahas erneut ihre Heimat und wanderten ins kanadische Toronto aus.

Leitstern für Bern

«Um den Ruf der Albaner in der Schweiz ist es nicht zum Besten bestellt», sagt Esther Hörnlimann, die Co-Projektleiterin der Ausstellung. Deshalb passe die Ausstellung gut nach Bern. Auch weil die Porträts eine bisher kaum bekannte Seite der Albaner zeige. Für FDP-Gemeinderat Alexandre Schmidt ist die Ausstellung «eine der eindrücklichsten der Stadt», wie er gestern an der Vernissage sagte. In der Eröffnungsrede forderte Schmidt, dass die «alles überragende Gastfreundschaft albanischer Familien gegenüber jüdischen Flüchtlingen auch in Bern Leitstern sein soll». Wenn der Staat Libanon Millionen syrischer Flüchtlinge aufnehmen könne, sei es in Bern das Minimum, Plätze für 100 Personen in der alten Feuerwehrkaserne zur Verfügung zu stellen. (Der Bund)

Erstellt: 10.12.2014, 10:17 Uhr

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Alpaka trifft Kuh: 131 Lamas und Alpakas ziehen von der Alp Gorneren und der Griesalp im Kientla zurück ins Tal und beschnuppern beim Vorbeigehen die einheimischen Arten (26. September 2017).
(Bild: Urs Flüeler) Mehr...