Wie man den Blues abhängt

Nun ist sie da, die Überführung des Romans von Pedro Lenz auf die Leinwand: «Der Goalie bin ig» ist ein Film zum Gernhaben. Das ist aber gerade das Problem.

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Regula Fuchs

Er ist nur einen halben Schritt dem Blues voraus, aber immerhin. Der Typ, der in der Eröffnungssequenz auf einer dunklen Strasse einen Kieselstein über den feuchten Asphalt kickt, ist wieder draussen – nach einem Jahr Gefängnis. Der Wohnungsschlüssel geht zwar noch, die Glühbirne im Gang hat aber ihren Dienst quittiert, und das Einzige, was auf ihn, den alle nur Goalie nennen, wartet, ist eine angebrochene Flasche Hochprozentiges im Kühlschrank.

Anfangen tut sie gut, Sabine Boss’ Verfilmung des Romans von Pedro Lenz, der 2010 damit einen Markstein in der Schweizer Mundartliteratur gesetzt hat. Der Sound von «Der Goalie bin ig», diese Sprache zwischen Gossenslang und Beizengefasel, hat im Film Spuren hinterlassen und liegt Hauptdarsteller Marcus Signer äusserst gut im Mund. «I würd di heinäh und verruume. I miech di glücklich», sagt er in den Spiegel und zwinkert sich lässig zu.

Gemeint ist Regula (Sonja Riesen), die Kellnerin im Maison, die es ihm angetan hat und mit der er die «Giftgschichte» gern vergessen würde, die ihn nach Witzwil gebracht haben. Nur – Regula gehört schon einem anderen: einem, der lauthals den Hardrock aus dem Autoradio mitkräht und in der Freizeit Modellflieger bastelt.

Schräge Kleinstadtvögel

Regisseurin Sabine Boss («Ernstfall in Havanna») hat nicht nur der Hauptfigur, sondern auch dem übrigen Personal des Romans auf der Leinwand sorgsam Leben eingehaucht. Es sind äusserlich prägnante Charaktere, die sich da im imaginären Ort Schummertal vor allem in den Spelunken und trüben Ecken herumtreiben – wie etwa Ueli (Pascal Ulli), Goalies bester Freund aus Kindertagen, der mit der ungesunden Nervosität des Junkies ausgestattet ist. Oder Stoferli (Thomas U. Hostettler), der Pfau unter den schrägen Kleinstadtvögeln, mit seiner miesen Spleenigkeit. Oder der Wirt Pesche (Michael Neuenschwander), stets offensiv brummig. Sie alle passen hervorragend in den assortierten Achtzigerjahre-Anti-Chic des Films.

Auch Goalie, der Ex-Drögeler, der sich mit seiner Gassen-Eloquenz durchs Leben mischelt und nach dem Jahr hinter Gittern einen Neuanfang wagt. Er ist im Film hundertprozentig der «liebe Siech» des Romans: ein Antiheld wie aus dem Lehrbuch, dem man beim heiteren Scheitern gerne zusieht. Marcus Signers angeraute Oberfläche, seine markante Stimme und die Art, wie er raucht (die den jahrelangen Routinier verrät), füllen die Figur vollkommen aus: Das Spiel des 49-jährigen Berners in seiner ersten Hauptrolle gibt dem Film Atmosphäre, Tonart und einen schön kaputten Charme.

Schade allerdings, dass Sabine Boss der Tragkraft ihrer Charaktere nicht restlos vertraut – und dem Hang zum lückenlosen Ausdeutschen und Bebildern erliegt. Rückblenden beispielsweise werden säuberlich als solche kenntlich gemacht; wie etwa die lichtgetränkten Szenen aus Goalies Kindheit auf dem Fussballplatz, in denen klar wird, warum Goalie Goalie heisst, auch wenn er nie im Tor stand. Oder die Freundschaft mit Ueli, die im Roman erst allmählich Löcher bekommt: Im Film erscheint sie von Anfang an und überdeutlich angefault – von einer Seite her, jedenfalls.

Kommt dazu, dass Boss im Laufe von «Der Goalie bin ig» ein immenses Aufheben darum macht, von wem Goalie betrogen wurde und warum er unverschuldet im Gefängnis landete. Die Regisseurin müht sich ab, die Fäden des Komplotts zu entwirren, was den Rhythmus ins Stocken bringt: Hier weicht das elegant-besonnene Offensivspiel einem drögen Mittelfeldgeplänkel. An eine Vertiefung der Charaktere ist unter diesen Umständen nicht zu denken.

Immer wieder ein Augenzwinkern

Bei aller Manöverkritik aber: «Der Goalie bin ig» wirkt noch auf einer zweiten Ebene – der betriebsinternen, sozusagen. Denn diese Produktion ist durchzogen von augenzwinkernden Verweisen und Doppelbödigkeiten. Vor allem, was die Besetzung angeht: Da stapft aufs Mal der 400asa-Begründer Samuel Schwarz als bornierter Lagerist ins Bild – ausgerechnet jener kulturpolitisch geräuschvolle Theater- und Filmregisseur («Mary & Johnny»), der wiederholt die Mutlosigkeit des Schweizer Mainstream-Kinos beklagt hat, zu dem «Der Goalie bin ig» durchaus gehört.

Oder dann steigt Pedro Lenz persönlich im speckigen Ledermantel aus einem Dealer-Mercedes, um Goalie überhaupt erst in die Bredouille zu bringen (was Lenz als Autor und Erfinder dieser Figur ja tatsächlich tut). Und wo es um sympathische Verlierer geht, da ist auch das Schaffen von Züri West nicht weit, der Band, die schon immer ein Herz für die vom Leben Geplagten hatte und den Titelsong zum Film beisteuert.

Kein Stachel im Gemüt

So viel Selbstbezüglichkeit und Berner Touch – «Der Goalie bin ig» fühlt sich an wie ein Film unter Freunden, ein Film zum Gernhaben. Die Krux dabei: Das Sympathisch-Anheimelnde der ganzen Unternehmung übertüncht das, was einem von dieser Geschichte um einen tragisch Betrogenen als Stachel im Gemüt und als starker Eindruck im Gedächtnis bleiben könnte. Goalies Scheitern ist einen Tick zu heiter, die Attitüde etwas zu cool, die verpuffte Liebesgeschichte ein wenig zu leicht verdaulich, sein Schicksal insgesamt zu ungetrübt.

Premiere an den Solothurner Filmtagen: Freitag, 24. Januar, 21 Uhr (weiter am 28. 1., 21 Uhr). Berner Premiere: 4. 2., 19 Uhr, Kino Bubenberg (Ticketverlosung: www.espacecard.ch). Ab 6. 2. im Kino.

Der Bund

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