«Unsere Sicherheit gründet auf Unrecht»

Ein Film dokumentiert den Aufstieg der südafrikanischen Band Fokofpolisiekar von der Punkband zur politischen Instanz, die schonungslos mit der Apartheid abrechnet.

Aufbruchstimmung in der afrikaansen Jugendkultur: die Gruppe Fokofpolisiekar im gleichnamigen Dokumentarfilm von Bryan Little. (zvg)

Aufbruchstimmung in der afrikaansen Jugendkultur: die Gruppe Fokofpolisiekar im gleichnamigen Dokumentarfilm von Bryan Little. (zvg)

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Es war eine geradezu surreale Szene: Auf der Bühne rockte eine Heavy-Metal-Band, im überfüllten Saal brüllten rund tausend junge Menschen sämtliche Texte mit Wut und Begeisterung mit. Surreal, ja gespenstisch war, dass dieses Konzert in Kapstadt stattfand, dass das Publikum – bis auf etwa ein Dutzend Ausnahmen – weiss war und dass die Band ihre Songs in Afrikaans, der Sprache der burischen Minderheit, sang. Ohne den Namen der Band, der genau das bedeutet, was man vermutet, und ohne die Beteuerungen meiner Freunde, Fokofpolisiekar seien eine eminent wichtige und subversive Band, hätte ich den unguten Eindruck gewinnen können, die weisse Jugend probe den Aufstand wider die im heutigen Südafrika herrschende Ordnung.

«Wir singen afrikaans, weil man nur in seiner Muttersprache authentisch und ehrlich sein kann», sagte Hunter Kennedy, der Gitarrist und Songschreiber von Fokofpolisiekar, zwei Tage später im Gespräch. «Zunächst wurden wir von der kommerziellen afrikaansen Musikszene trotz unseres Namens mit offenen Armen aufgenommen – bis sie unsere Texte verstanden. Eine Sprache steht nicht per se für ein politisches oder moralisches Weltbild – letztlich sind die Sprechenden für die Inhalte verantwortlich.»

Das Schweigen der Eltern

Die fünf Mitglieder von Fokofpolisiekar kamen in den frühen 1980er-Jahren zur Welt. Hunter war acht, als Nelson Mandela befreit wurde, er war zwölf, als die ersten freien Wahlen stattfanden. Die Apartheid hat ihn sozusagen nur gestreift, es wäre ein Leichtes für ihn, seine Hände in Unschuld zu waschen. Ausgelöst wurde seine Auseinandersetzung mit der Apartheid paradoxerweise durch das Schweigen seiner Eltern: «Kannst du dir vorstellen, dass ich die Gräuel der Apartheid erst lange nach ihrem Ende entdeckt habe? Dass meine Eltern auch später nie mit mir über die Vergangenheit sprechen wollten? Man kann aber nicht einfach in die Regenbogennation reinlatschen, als wäre nichts geschehen. Ich glaube an die unbedingte Ehrlichkeit. Gerade für Leute wie mich – jung, weiss, männlich und afrikaans sprechend – ist es extrem wichtig zu verstehen, was während der Apartheid geschah.»

Fokofpolisiekar stiften Unruhe innerhalb der burischen Minderheit. In ihren Texten nehmen sie Bezug auf die Vergangenheit, ihre fehlende Verarbeitung und das gegenwärtige Unbehagen der weissen Minderheit. «Weisse Kinder Afrikas / Seid dankbar, dass ihr noch lebt», singen sie etwa in «Brand Suid Afrika», «Was macht ihr hier / Und wo kommt ihr bloss her?» Und: «Landminen und Schuldgefühle / In einem KZ für jeden einzelnen / Du beklagst dich über den Zustand unseres Landes / Also, tu verdammt noch mal was / Brenn Südafrika nieder!» Dieser Text sei natürlich sarkastisch, sagte Hunter Kennedy, «aber das Publikum brüllt ihn mit. Und später werden die Leute über den Text nachdenken – und es sich hoffentlich zweimal überlegen, ob sie sich wieder leichtfertig über die Lage in Südafrika beklagen wollen.»

In ihren Videos arbeiten Fokofpolisiekar mit Symbolen der weissen Lebensweise und brechen gerne Tabus: Mit dem leidenschaftlichen Kuss zweier stämmiger burischer Männer im Video zu «Brand Suid Afrika» lösten sie einen Sturm der Entrüstung aus. Homosexualität ist im weissen Südafrika nach wie vor ein Tabu. In einem anderen Video zeigten sie Ausschnitte aus Super-Acht-Filmen aus dem privilegierten weissen Alltag der 70er- und 80er-Jahre. Angst, mit solchen Bildern nostalgische Gefühle zu wecken, haben Fokofpolisiekar nicht. «Es war ja alles sicher damals und hübsch und ordentlich, und alle Weissen waren reich. Das wollen wir gar nicht bestreiten. Diese Sicherheit gründete aber auf fundamentalem Unrecht. Dass bis heute nicht wenige Afrikaander den guten alten Zeiten nachhängen, ist völlig krank.»

Die Wagenburg im globalen Dorf

Über die Texte hinaus spiegeln Fokofpolisiekar auch die Aufbruchsstimmung in der afrikaansen Jugendkultur: Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bedeutet eine kulturelle Öffnung. «Wir wollen beweisen, dass Afrikaans nicht nur eine ignorante Bauernsprache ist», brachte es Hunter Kennedy auf den Punkt. «Afrikaans kann auch cool, scharf und sarkastisch sein. Während die anderen sich in ihre Wagenburg zurückziehen, wollen wir uns im globalen Dorf integrieren.» Über das internationale Potenzial von Fokofpolisiekar machte sich Hunter Kennedy indes keine Illusionen. Fokofpolisiekar sind eine Band von höchster lokaler Dringlichkeit, musikalisch aber zu wenig interessant für ein Publikum ausserhalb Südafrikas. Umso wichtiger sind sie in ihrer Heimat. Sie werfen Fragen auf, die viele betreffen – «aber wir geben keine Antworten», betonte Hunter, «wir benennen nur das Problem.» (Der Bund)

Erstellt: 07.01.2011, 13:57 Uhr

Filmtrailer

Im Kino

«Fokofpoliesikar» ist im Rahmen des 2. Norient Musikfilmfestivals im Kino Reitschule am Freitag, 14. Januar, 20 Uhr zu sehen. Mehr Infos: www.norient.com

Das Festivalprogramm

Das Berner Netzwerk Norient zeigt Dokumentarfilme zu alternativer, experimenteller, populärer und neuer Musik in Afrika, Asien und Osteuropa.

Am Mittwoch, 12. Jan., wird mit einem Dokumentarfilm und einer Audio-Performance in der Progr-Turnhalle auf die Arabesk-Musik fokussiert, die Subkultur der türkischen Landflüchtlinge in den 70er- und 80er-Jahren. Danach gibts psychedelische Tanzboden-Hits aus dem Iran vor der Revolution.

Am Donnerstag, 13. Jan., wird im Kino der Reitschule der Film «Muezzin» gezeigt, der der Frage nachgeht, ob die islamischen Gebetssänger wahre Künstler sind oder doch bloss Instrumente Gottes. Etwas ruppiger geht es im Streifen «Taqwacore: The Birth of Punk Islam» zu und her; er begleitet radikale muslimische Punkbands auf Tourneen durch die USA und nach Pakistan.

Im Film «Whose Is This Song», der am Freitag, 14. Jan., im Reitschulkino gezeigt wird, lässt sich beobachten, wie die Filmemacherin Adela Peeva auf einer Reise durch Osteuropa die Urheberschaft eines Liedes aufdecken will und dabei einen kleineren Volksaufstand provoziert. Im Anschluss an die Filme findet am Freitag im Bonsoir eine Clubnacht statt. Mit dabei das Münchner Kollektiv Schlachthofbronx.

Am Samstag, 15. Jan., steht im Kino der Reitschule der Film «Full Metal Village» auf dem Programm, der aus der Sicht der koreanischen Regisseurin Cho Sung-Hyung zeigt, wie die Bewohner des deutschen Dorfes Wacken sich mit dem alljährlich stattfindenden Metal-Festival arrangieren, während «We Don’t Care About Music Anyway . . .» die japanische Noise-Szene durchleuchtet.

Infos: norient.com

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