Musik in sämtlichen Aggregatszuständen

Strassenmusiker in Jakarta, dänische Spass-Rapper oder Liebhaber alter Computergeräusche: Am Filmfestival des Berner Musikblogs Norient wird die Musik mit dem Leben verknüpft.

Meneo aus Guatemala macht Musik mit einem Gameboy. Hier befindet er sich kurz vor dem womöglich ersten 8-Bit-Stagediving der Geschichte.

Meneo aus Guatemala macht Musik mit einem Gameboy. Hier befindet er sich kurz vor dem womöglich ersten 8-Bit-Stagediving der Geschichte. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Umstand, dass die Welt eine Kugel ist, hätte ja eigentlich eine Menge praktischer Vorteile. Es gibt kein Anfang und kein Ende, kein links und kein rechts, und alles ist gleich weit vom Zentrum entfernt. Leider hat sich diese Idee noch nicht auf unsere Köpfe übertragen. Und schon gar nicht auf die Musik.

Unsere Wahrnehmung von Musik ist zentriert auf die immer gleichen Hotspots der westlichen Welt. Hier wird die Innovation vermutet, hier sitzen die Meinungsmacher, hier üben die letzten Überlebenden einer serbelnden Industrie ihre Marktmacht aus.

Das von Bern aus gesponnene Journalisten-Netzwerk Norient hat einen etwas anderen Blick auf die Musikwelt. Es nimmt sie als rund wahr und beleuchtet Territorien, in denen der westliche Hörer noch nicht einmal Musik vermutet hätte.

Ein Abbild dieser Welt liefert das jährlich stattfindende Norient Musikfilmfestival. Und heuer wird hier nicht nur rare Musik auf fast sämtlichen Kontinenten aufgespürt, sie wird uns auch in allen denkbaren Aggregatszuständen zugetragen. Mal luftig leicht wie im Film «Unplugged» (So, 18. 1.) über den Laubblattbläser Josip, mal tonnenschwer wie in «Syrian Metal Is War» (Sa, 17. 1.) über die Unwägbarkeiten syrischer Starkstromgitarrenmusiker.

Unwägbar ist auch das Leben als Strassenmusiker in der indonesischen Hauptstadt Jakarta. Dies dokumentiert ganz eindrücklich der Film «Jalanan» (Sa, 17. 1.), in welchem die drei charismatischen Buskers Ho, Titi und Boni porträtiert werden. Einer von ihnen lebt in einer Art Höhle in einem Abwasserkanal, ein anderer erschreckt Busspassagiere mit selbst erfundenen Liedern, die ziemlich rabiat die politischen Missstände des Landes anprangern.

Um Musik geht es in diesem Film nur am Rande. Es geht ums pure Überleben. Um den täglichen Kampf in einer Stadt, die sich ihrer Randständigen zu entledigen trachtet. Lange hallt der Satz nach, mit dem der Strassenmusiker Ho seine Situation in Jakarta umreisst: «Geld findet man eigentlich überall – mit dem Glück ist es schon ein bisschen schwieriger.»

In geheizten Wohnungen sitzen dahingegen die Protagonisten des Films «Looking for the Perfect Beat» (Fr, 16. 1.). Ein Film, der 14 Heimarbeit-Musikern aus Los Angeles ein bisschen über die Schultern schaut. Und so sitzt man bald mittendrin in den Heimstudios von Leuten wie Daedelus, The Gaslamp Killer, Astronautica oder Edit, die schön ihre Arbeit am Computer verrichten und dazu interessante Gesichter formen.

Der Film wird dafür gerühmt, dass er eben nicht bloss irgendwelche MacBook-Bastler ablichtet, doch bei Lichte betrachtet tun die meisten nicht viel anderes, als vorprogrammierte Tracks abzuspielen und dazu ein paar Spuren zu verfremden. Da kann der Kameramann noch so im Studio herumturnen; das ist in etwa ähnlich interessant, wie einem Journalisten beim Schreiben zuzusehen.

Spass und Untergang

Eine wahre kleine Lebensweisheit produziert dafür der Dokumentarfilm «Kidd Life» (Sa, 17. 1.) über den dänischen Rapper Kidd. Nämlich diese: Die dänische Sprache wird sich aufgrund ihres ungünstigen phonetischen Klangs nicht als Weltsprache des Hip-Hop durchsetzen. «Kidd Life» ist eine intime Studie über einen jungen Rapper, der als Jux einen kleinen Film ins Internet stellt und sich acht Monate später als erfolgreichster Act Dänemarks wiederfindet.

Die Medien und die Fans sind ausser sich und feiern den übermütigen Sprechsänger als Gegenentwurf zu den keimfreien Popstars des Landes. Das Leben von Kidd wird zur grossen Sause, das Geld wird ihm bündelweise zugesteckt, die Frauen, die zuvor noch abspenstig waren, sind auf einmal willig. Doch der junge Mann verliert zuerst die Bodenhaftung, kurze Zeit darauf seine Unbeschwertheit und ein wenig später so ziemlich alles, was er in so kurzer Zeit erreicht hatte.

Aus einer Laune heraus beendet er seine Karriere, ihm steht der Sinn nach etwas Seriöserem als dem derben Spass-Rapper, der er war. Doch für einen Neustart hat er keinen Plan. Es folgen Komasaufen, Kreativkrise, Vaterschaft, Kokain, Obdachlosigkeit, Selbstzweifel und Depressionen, und überall ist die Kamera von Andreas Johnsen unmittelbar mit dabei. Das geht unter die Haut. Der junge verunsicherte Mann wird niemanden unberührt lassen.

Gleiches gilt für den Film «Sweet ­Dreams» (Do, 15. 1.). Er dokumentiert die Geschehnisse um eine Frauen-Trommelgruppe in Ruanda. Und auch hier geht es bald um mehr als nur um Musik. Das Trommeln ist für die Frauen ein Mittel zur Zurückeroberung von Hoffnung, Lebensfreude und Selbstbestimmung. Lange Jahre war das Trommeln für Frauen in Ruanda verboten. Nach dem Genozid im Jahr 1994, der mehr als eine Million Menschenleben kostete, sind die Frauen in Ruanda in der Mehrzahl und übernehmen die Verantwortung für das Land.

Der Film erzählt deren Schicksale und zeigt auf, wie Ruanda versucht, wieder zu einer Art von Normalität zu finden. Weil der Blick in die Vergangenheit zu schmerzvoll ist, richten die trommelnden Frauen ihr Augenmerk auf die Zukunft: Die Gruppe eröffnet im Laufe der Dreharbeiten einen Ice-Cream-Shop, der zehn Perkussionistinnen eine neue Lebensgrundlage bieten soll. Ob das Projekt gelingt? Wir verraten es nicht.

Freiheit und Sachzwänge

Dass Radiohören ein Leben verändern kann, ist eine der Botschaften des Streifens «Song from the Forest» (Do, 15. und Sa, 18. 1). Dank des Radios – und eines Senders, dessen Musikauffassung ein bisschen über die Hits aus den 80ern, 90ern und die Top­hits von heute herausreicht – stösst der amerikanische Musikforscher Louis Sarno auf Gesänge, die ihm spornstreichs den Kopf verdrehen. Wie ein von den Sirenen bezirzter Kapitän zieht er los, um deren Urheber zu suchen. Er landet in Zentralafrika bei den Bayaka-Pygmäen, die ihn in ihre Musik und Lebensart einweihen.

Louis Sarno bleibt, gründet eine Familie, kämpft mit dem Volk gegen die Abholzung ihres Paradieses und nimmt über 1000 Minuten Musik auf. Als er diese in seiner einstigen Heimatstadt New York zu verkaufen versucht, wird ihm bewusst, dass er zwischen zwei Welten geraten ist. Die Stadt ist ihm fremd, und die ökonomischen Sachzwänge, die sie an ihn stellt, rauben ihm den Schlaf. Im Gegensatz zu ihm arrangiert sich sein Sohn erstaunlich schnell mit der Konsumwelt. Und die Bayaka-Pygmäen haben ebenfalls eine neue Rolle für ihn vorgesehen . . .

Grundlegend andere Sorgen haben die Helden im Film «Europe in 8-Bits» (Fr, 16. 1.). Sie sind vernarrt in die Sounds, die ihre ersten Heimcomputer und Spielkonsolen in den Achtzigerjahren ausgespuckt haben. Aus diesem Fetisch ist eine ganze Musikszene entstanden, die zwar nicht mehr ganz frisch ist, aber offenbar immer noch Zuwachs findet.

Der Film stellt die Produzenten dahinter vor, die meisten von ihnen sind nostalgische Bastler, welche auf dem Pfad des rasanten Technologiefortschritts kehrtgemacht haben und sich auf die computertechnischen Urzellen zurückbesinnen. Einer von ihnen – Meneo aus Guatemala – hält diese nerdige und doch aufgekratzte Party-Szene mit lateinamerikanischem Temperament auf Trab.

Er zeichnet denn auch für eine der schönsten Szene des ganzen heurigen Norient-Festivals verantwortlich: Der Club ist voll, die Menge schwitzt, und Meneos Gameboy bringt den Saal zum Toben. Das enthusiasmiert den Mann dermassen, dass er sich bald seines Bühnenkostüms entledigt (später werden sämtliche Hüllen fallen) und mit seiner amoklaufenden Spielkonsole den wohl ersten 8-Bit-Stagedive der Geschichte vollführt.

Ja, es tun sich ungeahnte Welten auf, an diesem alternativen Musikfilmfestival. Und es wird den Blick auch in diesem Jahr weiten, auf diese bunte, reiche, von Spass und Tragik verhältnisgleich zerfurchte Musikwelt.

Kino der Reitschule: Do bis Sa, 15. bis 18. Jan.

(Der Bund)

Erstellt: 15.01.2015, 08:35 Uhr

Artikel zum Thema

Filme aus dem Norient

Schürfen im weltweiten musikalischen Untergrund: Das Berner Netzwerk Norient zeigt an vier Abenden Dokumentarfilme zu alternativer, experimenteller, populärer und neuer Musik in Afrika, Asien und Osteuropa. Mehr...

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Kommentare

Blogs

Mamablog Bei einer Trennung sollten beide Eltern ausziehen

Sweet Home Die Sache mit dem Holztisch

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Schattenspiel: Biathleten trainieren im österreichischen Hochfilzen für den 10km Sprint im Weltcup. (13.Dezember 2018)
(Bild: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images) Mehr...