Couscous und Rösti

Schuhschachtelbauten und Multikulti: Sonja Mühlemann nähert sich in ihrem Film «Gyrischachen» einem Burgdorfer Quartier an.

Wo der kosovarische Adler neben dem Schweizerkreuz weht: Szene aus der Doku «Gyrischachen».

Wo der kosovarische Adler neben dem Schweizerkreuz weht: Szene aus der Doku «Gyrischachen».

(Bild: zvg)

Regula Fuchs

Für ihr Grosi war der Nachbar immer nur «dr Jugoslaw». Er habe Lärm gemacht, nachts geduscht, man habe sich gar nicht mehr daheim gefühlt in der Schweiz, und dass er Kaninchen auf dem Balkon hielt, das sei gar nicht gegangen. «Aber als er eines davon schlachtete und es meiner Grossmutter anbot, hat sie es gern genommen.» Die Filmemacherin Sonja Mühlemann erzählt diese kleine Episode aus dem Familienalbum am ­Anfang ihres Dokumentarfilms «Gyrischachen – von Sünden, Sofas und ­Cervelats».

Es ist eine exemplarische Erzählung, sie hätte sich auch in der Burgdorfer Hochhaussiedlung Gyrischachen abspielen können, die Mühlemann mit der Kamera abtastet: 2500 Menschen aus 42 Nationen leben in diesen Schuhschachtelbauten mit ihren uniformen Balkonwaben. Man habe alles hier, sagt der Abwart, dem sein Besen zum Körperteil geworden scheint – eine Beiz, eine Badi. Und sogar ein Lädeli, betrieben von einem Iraker, wo Couscous und Rösti, Schwinger-Magronen und Sesambällchen in bunter Eintracht nebeneinander im Regal stehen.

Adler neben Schweizerkreuz

Ein ruhiges Multikultiquartier, so scheint es tatsächlich, und neben dem ­T-Shirt mit Schweizerkreuz flattert friedlich der kosovarische Adler an der Wäscheleine. Interessant sei es hier, sagen die Schweizer, die schon lange hier wohnen, allerdings lauert oft ein Aber in ihren Sätzen, denn an die Parkplatz- und Abfallregelungen halten sich lange nicht alle. Ein christliches Ehepaar nimmt seine jugendlichen Schäfchen äusserst offensiv unter seine Fittiche. Und der freundliche Ladenbesitzer lässt eine ­Videoüberwachung montieren.

Schön, wie Sonja Mühlemann die kleinen Friktionen im Quartier subtil herausarbeitet. Allerdings kommen jene, die hier wirklich fremd sind, jene, die kein Deutsch sprechen und ihre durchgelegenen Matratzen zur Unzeit am Strassenrand deponieren, nicht vor. So richtig kantig wird «Gyrischachen» darum nicht. Das ist nicht unsympathisch, aber vielleicht allzu temperiert, zurückhaltend und ausgewogen. Schweizerisch halt.

Ab 6. Mai im Kino Rex Bern. Premiere: Freitag, 18 Uhr, in Anwesenheit der Regisseurin.

Der Bund

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