«An jeder Steckdose spielen»

«Die geben genug für die Kamera her»: Der Berner Filmemacher Johannes Hartmann hat die Zürcher Hardcore-Band Vale Tudo bei ihrem Konzert-Trip nach Marokko begleitet.

Der Dokumentarfilm «A Trip, Not a Tour» zeigt, dass Freitagsgebete und Rock ’n’ Roll durchaus vereinbar sind.

Der Dokumentarfilm «A Trip, Not a Tour» zeigt, dass Freitagsgebete und Rock ’n’ Roll durchaus vereinbar sind. Bild: zvg

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«Casablanca tönt doch besser aus Bümpliz.» Das dachte sich auch die Zürcher Hardcore-Truppe Vale Tudo. Im Gegensatz zu den Helden im Züri-West-Song, die es nur beinahe nach Casablanca schaffen, bestiegen die fünf Mannen letzten Herbst aber tatsächlich ein Flugzeug nach Marokko. Mit im Gepäck hatten sie nebst Instrumenten, Adiletten und Sonnencreme auch den Berner Filmemacher Johannes Hartmann, der die geplante Konzerttournee filmen sollte. Moment. Marokko? Hardcore, diese Mischung aus Metal, Punk und Schreigesang? Konzerttournee? Fürwahr ist das nordwestafrikanische Land nicht gerade die erste Adresse, welche da vor dem geistigen Auge aufblitzt, wenn es um Musik der härteren Gangart geht.

Laute Stromgitarrenmusik hat im islamischen Königreich einen schweren Stand und wird von vielen als Teufelswerk angeprangert. Trotzdem gibt es in grösseren Städten wie Casablanca oder Meknes auch eine kleine, langsam wachsende Untergrundszene, die sich für diese Art von Musik interessiert. Das war auch Vale-Tudo-Gitarrist Rick während seines einjährigen Aufenthalts in Rabat aufgefallen. Zurück in helvetischen Gefilden, wurde im Bandraum spasseshalber diskutiert, ob man denn nicht mit Sack und Gitarrenpack Marokko einen Besuch abstatten wolle. Aus Spass wurde Ernst, und so landete kurze Zeit später ein Flugzeug in Casablanca, dessen Bauch Johannes Hartmann mit seiner Kamera und die Vale-Tudo-Mannschaft entstieg. Mission: innerhalb von zehn Tagen mindestens vier Konzerte spielen.

Brettharte Musik als Brücke

«Mir war von Anfang an klar, dass die Jungs für die Kamera genug hergeben», begründet Hartmann seine Beteiligung am Hardcore-Reisli. Hergeben tun sie fürwahr einiges, die fünf Vale Tudos, sind sie doch nicht zuletzt wegen ihrer flächendeckenden Tattoos durchaus imposante Erscheinungen. Eigentlich hatten sie sich von Hartmann nur einen kurzen Erinnerungsfilm erhofft. Aus den über 30 Stunden Filmmaterial hat dieser aber dann ein Tour-Tagebuch mit dokumentarischen Einschüben zusammengeschnitten, das auch bei einem breiteren, stromgitarrenaffinen Publikum Gefallen finden dürfte.

Die Qualität von Hartmanns Streifen erstaunt, wenn man bedenkt, dass er den Film quasi im Alleingang gedreht hat, sprich: Regisseur, Kameramann, Tonmeister und Produzent in einem war. «A Trip, not a Tour» ist ein kurzweiliger und unterhaltsamer Rock-’n’-Roll-Roadmovie. Kurzweilig ist der Film einerseits aufgrund Hartmanns dynamischer Kameraführung, andererseits aber auch wegen der erfrischend unkomplizierten und selbstironischen Art, mit der die Vale-Tudo-Riege verwirrenden Umständen begegnet und technischen Widrigkeiten trotzt wie grottenschlechter Soundqualität und fehlenden Schlagzeugteilen. Interviews mit marokkanischen Musikern gewähren ausserdem Einblick in die gesellschaftliche Stellung der Metal- und Hardcore-Subkultur und verdeutlichen, dass diese zwar noch in Kinderschuhen steckt, aber durchaus Interesse und Potenzial im Land vorhanden wären.

Hartmanns «A Trip, not a Tour» zeigt, wie brettharte Musik und die Faszination dafür eine Brücke schlagen über geografische, kulturelle und religiöse Hürden und dass Freitagsgebete und Rock ’n’ Roll durchaus vereinbar sind. Muss der Tourmanager zum Gebet, steht man halt einfach früher auf. Weiss er nicht, in welche Richtung er seinen Teppich ausrollen muss, guckt man halt einfach auf dem iPhone-Kompass nach. Nebst dieser unaufgeregten Demonstration von Toleranz und Akzeptanz kann Hartmanns Film auch als Lehrstück verstanden werden, was doch der eigentliche Antrieb fürs Musizieren sein sollte: «Menschen erreichen und verbinden, Leidenschaft nach aussen tragen und dafür im Notfall an jeder Steckdose spielen», so TC, einer der Frontmänner von Vale Tudo. Steckdosen gibts noch viele auf dieser Welt. Auf dass sie allesamt bespielt werden mögen.

(Der Bund)

Erstellt: 22.05.2014, 11:57 Uhr

Film und Konzert

Dachstock Fr, 23. Mai, 20 Uhr. Im Anschluss Konzerte von Promethee und Vale Tudo.

Trailer «A Trip...»

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