Von wegen verknöchert!

Emmentaler Krimi und Romane aus Konfliktgebieten: Die zweite Ausgabe des Berner Lesefests Aprillen bietet eine breite Palette an sprachlichen Erzeugnissen und drei Taufen.

Performance mit breitem Klangspektrum: Melinda Nadj Abonji und Juczok 1001.

Performance mit breitem Klangspektrum: Melinda Nadj Abonji und Juczok 1001.

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«Jetzt reden Sie Chinesisch. Und zwar mit Akzent», so kürzlich der Kommentar eines Schülers, als die Schreibende versuchte, einer Schulklasse die Kunst der Lyrik näherzubringen. Gedichte sind fürwahr nicht jedermanns Sache, traditionelle Reim-Schemata und Metren zu bestimmen wird als antiquiert abgetan und klingende Ausdrücke wie «Assonanz», «Alliteration» oder «Anapher» locken höchstens noch eine verknöcherte Deutschlehrerin hinter dem Ofen hervor – so die gängige Ansicht in Schulstuben.

Dabei ist Lyrik doch zeitgenössischer denn je, zumal verdichtete Sprache, die allerlei Assoziationen zulässt, die geeignetste Ausdrucksform zu sein scheint, um den unüberschaubaren und ambivalenten Verhältnissen der Jetztzeit beizukommen. Dieser Meinung sind auch die Kuratorinnen des Berner Lesefests Aprillen, Sandra Künzi und Tabea Steiner. «Aus unserer Sicht ist Lyrik eine völlig unterschätze Form», erklärt Künzi, weswegen beim vier Tage dauernden Lesefest im Berner Schlachthaus-Theater nebst vielerlei anderen literarischen Gebilden auch der Dichtkunst, besser gesagt lyrischen Dialogen, ein täglicher Block eingeräumt wird.

Lyrische Dialoge

Die Bezeichnung «Lyrische Dialoge» verrät es bereits: In dieser Reihe werden nicht einfach Gedichte vorgetragen, die abgeschottet im stillen Kämmerchen entstanden sind, sondern das Resultat einer dialogischen Ergründung soll im Zentrum stehen. Dafür haben immer zwei Dichter oder Dichterinnen im letzten halben Jahr wechselseitig Korrespondenz geführt, sich also gegenseitig Gedichte geschickt und auf diese auch wieder in Gedichtform geantwortet. Zum Teil sei dabei auf bestehende Texte zurückgegriffen worden, zum Teil sei aber auch neue Wortkunst entstanden, so Künzi.

Die Tatsache, dass die Duos teilweise von sehr unterschiedlichen Lyrikern gebildet werden, dürfte bei den Dialogen für attraktive Vielfalt sorgen. Spannend wird es sein, zu hören, wie die intensiven sprachlichen Verdichtungen der 68-jährigen Li Mollet mit denjenigen des 1972 geborenen Nico Bleutges interagieren, dessen grosses Form­bewusstsein seinen Werken auch schon mal den Vergleich zu Caspar David Friedrichs Gemälden eingetragen hat.

ür den zweiten Lyrik-Dialog sind zwei gebürtige Romands zuständig, weswegen dieser Austausch denn auch in französischer Sprache stattfinden wird. «Es geht bei Gedichten ja nicht nur um den Inhalt, sondern auch um Klang, Melodie und Rhythmus. Gedichte in anderer Sprache als der Muttersprache verweisen meist mehr auf diese klangästhetische Ebene», erklärt Tabea Steiner die Wahl von Eric Duvoisin und der jungen Gaia Grandin als zweites Korrespondenten-Paar.

Die Mitstreiter der dritten Paarung wiederum könnten unterschiedlicher nicht sein. Zum einen wäre da der Gottfried-Keller- und Friedrich-Hölderlin-Preisträger Klaus Merz, der sich in seinen Gedichten gerne mit dem Unspektakulären beschäftigt. Der Ton seiner Werke ist meist ein ruhiger, leiser und klarer. Die Lyrik seiner Korrespondenz-Partnerin Judith Zander hingegen ist überraschend, fantasievoll und oft musikgeschichtlich oder von der Ästhetik der Natur inspiriert. So hat die 35-Jährige in ihrem letzten Band «cactaceae» insgesamt 26 Kakteenpflanzen als Folterinstrument und Wasserspeicher in poetisch-botanischen Porträts vorgestellt.

Die Taufen

Nebst der Lyrik finden bei Aprillen auch zahlreiche andere literarische Spielformen Platz, wobei das Berner Lesefest mit insgesamt drei Taufen aufwartet. So wird Gerhard Meisters Hörspiel «Im bewohnten Gebiet der Schädelhöhle» getauft, worin sich der gebürtige Emmentaler und Salzburger-Stier-Preisträger mit Gehirnforschung und der Frage nach dem menschlichen Bewusstsein beschäftigt.

Ebenfalls aus einem kleinen Dorf im Emmental stammt Trix Niederhauser. Die 46-Jährige hat mit «Die Liebsten» gerade ihr viertes Buch und den zweiten Krimi herausgegeben. Im Zentrum von Niederhausers Kriminalroman steht ein gemeinnütziger Frauenverein, in dessen Dunstkreis plötzlich mysteriöse Todesfälle geschehen, wobei eine ältere Dame namens Martha die Miss Marple gibt und bei ihren Ermittlungen Erstaunliches ans Licht zerrt. Regional verankert ist auch der Debüt-Roman «Scheinwerfen» des jungen Berner Autors Giuliano Musio, in welchem ein einigermassen ungewöhnlicher Familienbetrieb in Bern dank übersinnlicher Begabungen mit den Erinnerungen anderer Leute Geschäfte macht.

Kombinationen

Die dritte Reihe, mit welcher Aprillen aufwartet, wurde kurz und bündig mit «Kombinationen» benamst, wobei in dieser Kategorie die Grenzen bzw. das Zusammenspiel von Wort, Bild und Klängen ausgelotet werden. Da wäre zum einen das Frauen-Trio Gerster Ulrich Nüssli, welches gleichzeitig zum Textvortrag live Illustrationen entstehen lässt. Da Lika Nüssli, zuständig fürs Zeichnen, nicht nur Illustratorin, sondern auch Performerin ist, kann ein Auftritt von Gerster Ulrich Nüssli durchaus auch mal den Charakter eines vergnüglichen Live-Comics haben.

Einer der zwischendurch ebenfalls gerne die Grenzzone von Komödiantischem, wenn auch in melancholischer Form, durchforstet, ist der Zürcher Beatboxer und Rap-Poet Jurczok 1001. Er wird an Aprillen zusammen mit Melinda Nadj Abonji auftreten, deren «Tauben fliegen auf» vor fünf Jahren sowohl den Deutschen als auch den Schweizer Buchpreis einheimste. Mithilfe von Loop-Gerät, elektrischer Geige und den von Jurczok 1001 beigesteuerten Beats bringt das wortgewandte Duo trotz minimaler Besetzung die Klangbreite eines Orchesters auf die Bühne.

«Erschreckend aktuell, aber nicht verkitscht», so beurteilt Kuratorin Tabea Steiner das Schaffen des kurdisch­stämmigen Chamisso-Preisträgers Sherko Fatah. Dieser hat immer wieder längere Zeit in Kurdistan verbracht und befasst sich in seinen Romanen mit dem Spannungsfeld zwischen arabischer und westlicher Welt. Fatah wird bei Aprillen mit einem anderen Autor aus einem Konfliktgebiet in Dialog treten und zwar mit dem momentan wichtigsten Dramatiker aus dem Kosovo: Jeton Neziraj. Mithilfe einer Übersetzerin werden die beiden Literaten Aspekte, Hintergründe und Probleme künstlerischen Schaffens in Krisengebieten ausleuchten.

Zu später Stunde steht dann wiederum die Lyrik im Zentrum und zwar mit jungen Vertretern aus den vier Nationen Deutschland, Österreich, Lichtenstein und der Schweiz. Michael Fehr wird auf der Schlachthaus-Bühne durch die Late-Night-Show führen, bei der insgesamt 23 Stimmen aus Babelsprech, dem internationalen Forum für junge deutschsprachige Lyrik, zum Zuge kommen. Von wegen Lyrik lockt nur verknöcherte Deutschlehrerinnen hinter dem Ofen hervor. Ha!

(Der Bund)

Erstellt: 09.04.2015, 07:56 Uhr

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Im Netz

www.aprillen.ch

Agenda

Donnerstag 9. April 2015


  • 18 Uhr: Li Mollet & Nico Bleutge


  • 19 Uhr: Gerhard Meister


  • 20.30 Uhr: Sherko Fatah & Jeton Neziraj




Freitag 10. April 2015


  • 18 Uhr: Eric Duvoisin & Gaia Grandin


  • 19 Uhr: Trix Niederhauser


  • 20.30 Uhr: Gerster Ulrich Nüssli


  • 22 Uhr: Late-Night-Show: Babelsprech




Samstag, 11. April 2015


  • 18 Uhr: Klaus Merz & Judith Zander


  • 19 Uhr: Giuliano Musio


  • 20.30 Uhr: Melinda Nadj Abonji & Jurczok 1001


  • 22 Uhr: Late-Night-Show: Babelsprech

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