«Körper können monströs und gleichzeitig intim sein»

Natascha Moschini lässt medizinisches Wissen über den menschlichen Körper in ihre Tanzproduktion einfliessen.

Hat auch Handbücher über Dermatologie gelesen: Natascha Moschini.

Hat auch Handbücher über Dermatologie gelesen: Natascha Moschini. Bild: Sanja Latinovic

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«Was wäre, wenn Hautmale immer weiter wüchsen, weil ihre Zellen aus Gesteinsplatten bestehen, die sich im Zu- und Auseinanderdriften wie Gebirge auffalteten?» Das fragten Sie in der ersten Ausgabe Ihrer Performance «Mama’s Body Is a Mountain». Was fasziniert Sie am Wachstum?
Es ist eine Mischung aus Faszination und Grusel. Als Tänzerin habe ich schon immer mit Vorstellungsbildern gearbeitet, um den Körper zum Ausdruck zu bringen. Jeder Mensch ist permanent mit seinem Körper und den Vorstellungen davon beschäftigt. Wenn sich dieser durch Verbrennungen oder andere Ausformungen radikal verändert, dann muss man mit der Wahrnehmung davon fertig werden. Oft nimmt man verschiedene Fiktionen zu Hilfe und verleiht der Veränderung einen Sinn. Diese Narrative will ich vergrössern. Ich nenne sie Anatomic Fictions.

Das normale Wachstum wird ja kaum selbst wahrgenommen, wenn es nicht abrupt geschieht.
Wenn auf einmal etwas anschwillt, empfinde ich das als sehr gewaltsam, auch, wenn es nicht durch Einwirkung von Gewalt geschieht. Die Kostümbildnerin Salome Egger und ich haben versucht, für diese Ausgabe der Reihe «Mama’s Body Is a Mountain» das nachzuempfinden. Wir haben viel mit verschiedenen Materialien und Formen experimentiert, etwa mit Gips, Latex und Silikon. Die Kostüme gehen sehr stark ein auf die Intimität zwischen Körper und Kleidung, körperlicher Deformation und den Blick darauf. Als ich sie anzog, wurde mir ganz seltsam, sie lösten ein starkes Gefühl in mir aus.

So wie es auch der Titel der Performance auslösen kann. Welche Mutter ist da gemeint, deren Körper als Berg beschrieben wird?
Der Titel war plötzlich da und gab die Richtung vor. Kindliche Sichten kommen vor, aber es geht nicht um eine bestimmte Mutter, sondern um einen weiblichen Körper, der gewaltig ist. So lautet zumindest die Behauptung, die ich aufstelle. Körper können manchmal monströs und gleichzeitig sehr intim sein. Im Titel steht das Wort Mama für die Intimität, der Berg für Monstrosität.

Was stellen Sie dann mit dieser Behauptung an?
Ich habe mich von ihr leiten lassen und recherchiert. Zum Beispiel in Handbüchern der operativen Dermatologie, der Medizingeschichte, oder im Volksaberglauben, der das fehlende Wissen über den Körper mit märchenhaften Mythen ersetzt. Die gesammelten Fetzen verwebe ich dann in zu einer assoziativen Collage.

Das ist also eine Art künstlerischer Chirurgie. Wie wird das mit der Musik vernäht?
Zusammen mit Rea Dubach haben wir viel improvisiert, um herauszufinden, wie sich körperliche Deformation mit Stimme und Klang verbinden lässt. Sie schafft mit ihren Klanglandschaften Raum für das Zusammenspiel von Kostümbild und Performance. Das gibt ihr eine übergeordnete Sicht auf das Geschehen. In den Proben haben wir immer gescherzt, sie sei der Mutterberg. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.10.2015, 07:30 Uhr

Zur Person

Die Stuttgarterin Natascha Moschini studierte zeitgenössischen Tanz und Performance-Studies in Antwerpen und Hamburg. In Bern absolvierte sie den Master in Contemporary Arts Practice an der HKB. In der Performance-Reihe «Mama’s Body Is a Mountain» lässt sie medizinisch fundiertes Körperwissen und subjektives Körpergefühl kollidieren. Mit der Sängerin und Komponistin Rea Dubach und der Kostümbildnerin Salome Egger erarbeitete sie den zweiten Teil der Reihe, der am Fr, 9.?10., und Sa, 10.?10., um jeweils 19.30 Uhr im Zeppelin in der Lorraine gezeigt wird.

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