Im Lauf der Unerbittlichkeit

Kleists Novelle «Das Erdbeben von Chili» formuliert die richtigen Fragen. Ulrich Rasches Stadttheaterinszenierung verzichtet auf Antworten. Zum Glück.

Regisseur Ulrich Rasche stellt die Figuren in seiner dröhnenden, schmerzhaften Inszenierung auf das Rad des Schicksals.

Regisseur Ulrich Rasche stellt die Figuren in seiner dröhnenden, schmerzhaften Inszenierung auf das Rad des Schicksals. Bild: Philipp Zinniker

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Ein Lynchmord, eine rachsüchtige Kirche, eine Naturkatastrophe und eine verbotene Liebesgeschichte: Ganze 20 Seiten brauchte Heinrich von Kleist (1777–1811), um aus diesen Themen, die Stoff für einen dicken Roman hergäben, eine verstörende Novelle zu komponieren. Eine ganze Reihe zentraler Fragen zur menschlichen Existenz wirft diese auf, kann sie aber nicht beantworten. Vier Jahre vor seinem frühen Tod durch die eigene Hand schrieb Kleist «Das Erdbeben in Chili» – auch nachher hat er keine Antworten gefunden, die ihm, dem Getriebenen, ein Überleben ermöglicht hätten.

Nicht weniger dicht als Kleists Novelle ist die Inszenierung von Ulrich Rasche, der sie sehr textgetreu für Konzert Theater Bern in der grossen Vidmarhalle auf die Bühne bringt. Tragisch wie so manche grosse Liebesgeschichte der Weltliteratur ist die Story von Josephe, der Tochter aus gutem Hause, die ihren Privatlehrer Jeronimo liebt. Alles riskieren die beiden für ihre verbotene Leidenschaft und fordern dabei das Schicksal gewaltig heraus. Sogar im Garten des Klosters, in das Josephe vom wütenden Vater verbannt worden ist, überkommt die beiden die Lust. Ein himmlischer Frevel mit höllischen Folgen: Schafott für sie, Kerker für ihn.

Nur ist das Schicksal offenbar damit nicht ganz einverstanden. Denn unmittelbar vor der öffentlichen Enthauptung zerstört ein Erdbeben St. Jago. Die junge Frau kommt in den Wirren frei, und ähnlich gut meint es die unsichtbare Macht mit ihrem Liebsten, dem ausgerechnet jene Säule das Leben rettet, an der er sich erhängen wollte. Und als wären der Wunder nicht genug, hauen die Götter noch einen drauf: Die beiden Liebenden finden im grossen Chaos nicht nur einander, sondern auch noch ihren kleinen Sohn. Doch so grenzenlos und überraschend dieses Glück ist, so unerbittlich grausam sind die weiteren Fügungen, die das Paar einem rachsüchtigen Bischof und dem Mob ausliefern.

Dissonanz im schwarzen Loch

Was will Gott und was der Mensch, und wer zieht da zuletzt die Fäden? Kleist klagt weder an, noch stellt er einen der beiden an den Pranger. Er, der mit allen Philosophiestudien Gewaschene, hält vielmehr die Dissonanz aus.

Eine Dissonanz, die Rasche im grossen schwarzen Loch der Bühne in ihrer ganzen Schmerzlichkeit und Unerträglichkeit sichtbar macht. Schnörkellos und sprachgewaltig ist Kleists Text, aber auch von irritierender Sachlichkeit. Kleist, der Dramatiker, zeigt sich hier als nüchterner Beobachter.

Auf eine Dramatisierung verzichtet auch Rasche, der sich als Regisseur vor allem mit seinen Chorprojekten einen Namen gemacht hat. Er horcht vielmehr tief in den Text hinein, schürft seinen Rhythmus frei, der den Lauf der Unerbittlichkeit vorgibt. Wie unbestechliche Zeugen lässt er die beiden Schauspielerinnen (Deleila Piasko, Kornelia Lüdorff) und die drei Schauspieler (Nico Delpy, Sebastian Schneider, Toni Jessen) auftreten. Woher kommen sie? Aus dem Unterbewusstsein? Aus dem Jenseits? Man weiss es nicht. Obwohl die Rollen der Protagonisten der Novelle nicht auf die Schauspieler verteilt werden, schimmern manchmal doch ganz kurz Empfindungen auf in Kleists langen Sätzen, für die der Komponist Ari Benjamin Meyers eine bedrohliche Sound-Wolke komponiert hat.

Denn so wichtig wie der fünfköpfige Chor ist in Rasches Inszenierung das Musikerpaar (Thomsen Merkel, Katelyn King,) das mit Bass und Marimbaphon eine beklemmende, dröhnende Klanglandschaft schafft, die sich im Laufe der 90-minütigen Aufführung immer mehr verdüstert. Produziert wird so eine Stimmung von intensiver Drastik, die stellenweise kaum zum Aushalten ist. Denn da wird nicht geflüstert, die Sätze hämmern sich vielmehr mit den Musikschlägen direkt ins Gehirn des Publikums.

Faszinierend und ermüdend

Dass da kein Entrinnen mehr sein soll, illustriert Rasche in der Leere der tiefschwarzen, schrägen Bühne zudem mit einer Drehscheibe, die praktisch nie stillsteht. Den ganzen Abend müssen die Spieler laufen, um nicht weggeschleudert zu werden. Wie die Figuren eines Musikautomaten wirken sie manchmal, aufgezogen von unsichtbarer Hand. Das Rad des Schicksals, es lässt sich durch nichts und niemandem stoppen: So faszinierend dieses Bild, so ermüdend ist es aber auf die Dauer auch.

Aber Kleist, dieser Marathondenker, zaubert in diesem Tunnel der Unmenschlichkeit zu guter Letzt ganz überraschend einen Fluchtweg aus dem Ärmel. Mit einem letzten Satz, und der gehört weder Josephe noch Jeronimo, sondern Don Fernando, dem Edelmann, der die beiden Liebenden zu schützen suchte. Sein Mut hat seinen kleinen Sohn das Leben gekostet, nur Josephes Kind hat überlebt, seiner nimmt sich Don Fernando nun an. Und er hadert nicht mit der Vorstellung, dass das Waisenkind ihn für alle Zeiten an seinen verlorenen Sohn erinnern wird. Im Gegenteil. «Ihm war fast, als müsste er sich freuen», schreibt Kleist.

Dass ein Leben auch unter allertraurigsten Bedingungen seinen Sinn bewahrt, solange einen der Mut nicht verlässt – das hätte sich Kleist wohl auch für sich gewünscht.

Aufführungen bis 15. Januar 2016, Vidmarhallen. (Der Bund)

Erstellt: 05.10.2015, 11:21 Uhr

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