«Ich will dieses Risiko eingehen»

Daniel Hellmann über sein Stück «Traumboy» und das Berufsleben als Sexarbeiter.

Daniel Hellmann setzt sich in seinem Solo-Stück «Traumboy» mit Sexarbeit auseinander.

Daniel Hellmann setzt sich in seinem Solo-Stück «Traumboy» mit Sexarbeit auseinander. Bild: zvg

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Sie setzten sich in Ihrem Solo-Stück «Traumboy» mit Sexarbeit auseinander. Führt dieses Thema an den Rand der Gesellschaft oder in deren Mitte?
Sowohl als auch, denn beides liegt in unmittelbarer Nähe. Sexarbeit und Sexualität vereinen elementare Themen in sich: Intimität, Beziehungen, Geld, Macht, Begehren, soziale Ungerechtigkeit, Selbstbestimmung, Freiheit. Aber auch die Doppelmoral und die soziale Kontrolle.

In «Traumboy» begegnen wir dem Sexarbeiter Daniel. Sind das Sie?
Er hat denselben Namen wie ich und auch andere Ähnlichkeiten. Diese Figur basiert darauf, wer ich bin und was ich erlebt habe. Als Theaterschaffender präsentiere ich das natürlich in zugespitzter Form. Wenn ich über mein Leben spreche oder über meine Biografie, treffe ich immer gewisse Entscheidungen: Ich betone einzelne Dinge, lasse anderes aus. Aber der Daniel im Stück ist eindeutig eine Bühnenfigur.

Diese spricht sich offen für bezahlten Sex aus. Den eigenen Nebenjob hielt sie aber lange Zeit über geheim. Kostete es Sie Überwindung, über solche Dinge zu sprechen?
Die meisten Probleme liegen nicht in der Sexarbeit selber, sondern in der gesellschaftlichen Diskriminierung und Stigmatisierung. Oder in der besonderen Unsicherheit aufgrund fehlender Aufenthaltsbewilligungen. Ich habe mich entschieden, darüber auf der Bühne zu sprechen, und exponiere mich dadurch. Gleichzeitig ist der Theaterrahmen auch ein Schutz. Natürlich habe ich darüber nachgedacht, was das für mich bedeutet oder für meine Familie. Aber ich will dieses Risiko eingehen, gerade auch weil ich es mir leisten kann. Viele andere können das nicht, weil sie sonst ihre Stelle verlieren, ausgewiesen werden oder Angst haben, dass ihnen die Behörden die Kinder wegnehmen.

Wo verschwimmt die Grenze zwischen Daniels Privatkunden und den Zuschauern Ihrer Performance?
Der Kontext ist ganz unterschiedlich, aber ein privater Kunde oder eine private Kundin könnte ja auch Zuschauer werden und umgekehrt. Letztlich sind beides Gruppen von Menschen, die sich irgendwie für mich interessieren, die mich sehen und eine gewisse Erfahrung mit mir teilen wollen und dafür auch Geld zahlen. Und bei beiden findet sehr viel im Kopf statt. Sie projizieren Dinge auf mich, die mit mir nur beschränkt zu tun haben. Damit kann ich spielerisch umgehen.

Wäre Ihre Performance ähnlich denkbar, wenn Sie weiblichen Geschlechts wären?
Das würde ich sehr gerne mal ausprobieren. Leider ist es immer noch so, dass die meisten Leute es einer Frau nicht zutrauen, genauso selbstbestimmt über ihren Körper, ihre Sexualität und ihre Lust zu verfügen wie einem Mann. Die Perspektive eines männlichen Sexarbeiters hilft vor allem dabei, sich von dem herkömmlichen Erklärungsmodell zu losen, worin nur Platz für «böse Männer» und «arme Frauen» ist. In Frankreich wurde jetzt ein Gesetz verabschiedet, welches das Kaufen von Sex strafbar macht. Dadurch sollen ebendiese «bösen Männer» bestraft und die «armen Frauen» beschützt werden. Das ist aber absoluter Schwachsinn, und alle Sexworker-Organisationen haben sich dagegen ausgesprochen. (Der Bund)

Erstellt: 13.05.2016, 07:45 Uhr

Daniel Hellmann

Zwischen Musik, Tanz und Theater bewegen sich die Produktionen des 30-jährigen Zürchers Daniel Hellmann. In der von ihm gegründeten 3art3 Company beschäftigte er sich mit dem Asylwesen oder dem menschlichem Körper und seinen Funktionen. Er studierte klassischen Gesang, Philosophie, Theater und Performance in Zürich, Lausanne und Bern und kommt nun mit seinem Solo-Stück «Traumboy» ans Theaterfestival Auawirleben. Es schildert das Berufsleben eines Sexarbeiters und trägt biografische Züge des Performers. Zu sehen ist es am Mi, 18. 5., und am Do, 19. 5., um jeweils 20 Uhr im Schlachthaus-Theater.

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