«Ich bin das Orchester»

Ab Freitag wird der Gurten wieder beschauspielt: «Paradies» widmet sich dem Mikrokosmos Schrebergarten. Mit der Musik betraut wurde der Berner Christian Brantschen.

Im richtigen Leben spielt er bei Patent Ochsner oder vertont Lesungen von Pedro Lenz: Christian Brantschen.

Im richtigen Leben spielt er bei Patent Ochsner oder vertont Lesungen von Pedro Lenz: Christian Brantschen. Bild: zvg

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Eigentlich habe er ja mit der Idee seines Musiker-Freundes Hank Shizzoe geliebäugelt, 2014 mal frei zu machen. Verdient hätte er es, der Berner Musiker Christian Brantschen, der im letzten Jahr unermüdlich an diversen Projekten mitgewirkt hat. Brantschen hat für zwei Dokumentarfilme Filmmusik geschrieben, ein Kindertheaterstück vertont, war als Multiinstrumentalist mit Patent Ochsner unterwegs und hat mit seinem Spiel diverse Literaten der Gruppe «Bern ist überall» begleitet – eine beachtliche Arbeitsbilanz also. Hank Shizzoe hatte bei der erwähnten Arbeitspause allerdings nur an sich selber und nicht an Brantschen gedacht, zumal er diesen mit einem Projekt des Theaters Gurten zu verkuppeln gedachte. «So traf ich mich mit der Theater-Regisseurin Livia Anne Richard, um über meine Teilnahme bei ‹Paradies› zu diskutieren», erzählt Brantschen. «Paradies» ist ein Stück, das frei auf Mano Khalils preisgekröntem Dokumentarfilm «Unser Garten Eden – Geschichten aus dem Schrebergarten» basiert und das Aufeinanderprallen unterschiedlichster Lebensweisen, Ansichten und Traditionen thematisiert. Während besagter Verhandlung über die Teilnahme hörte sich Brantschen plötzlich selber sagen: «De wotti aber de o äs Schrebergarte-Hüsli», und realisierte, dass er schon mittendrin in einem neuen Projekt steckte. Das Einmann-Streichorchester

Den Film von Mano Khalil habe er sich absichtlich nicht noch einmal angeschaut, erklärt Brantschen. Schliesslich handle es sich bei der Theaterversion um eine eigenständige Produktion, bei der auch nicht die gleichen Leute involviert seien. Vielmehr hat der 54-jährige Lockenkopf die Wände seines Ateliers im Progr mit Skizzen zu Szenen-Inhalten tapeziert und dazu Überlegungen angestellt: «Wo braucht es zwingend Musik, wo unterstütze ich das Gespielte, wo kontrastiere ich es und wo braucht es ganz bestimmt keine Musik?» Regisseurin Richard liess ihm bei der Vertonung komplett freie Hand, was einerseits von grosser Offenheit zeugt, anderseits Brantschen beachtliche Verantwortung auflud. Diese Pflicht nahm er aber gerne in Kauf: «Eine Herausforderung sondergleichen, denn schliesslich bin ich mit meinem Akkordeon das ganze Orchester.» Brantschen steht zwar selber auf der Bühne – das Schrebergarten-Häuschen wurde ihm gewährt – sieht sich aber nicht als Schauspieler. «Ich bin ein Beobachter und gebe das Geschehen in meiner eigenen Interpretation wieder, liefere somit eine weitere Facette, also quasi den musikalischen Senf.» Dabei erklingt Brantschens Akkordeon mal französisch walzerisch, mal wehmütig arabesk und untermalt so das Geschehene, «als wäre es ein Streichorchester in einem Filmstudio».

Kalte Finger

Wenn Brantschen bei Lesungen von Pedro Lenz, Arno Camenisch, Antoine Jaccoud oder anderen Literaten die Begleitmusik beisteuert, wird meistens erst am Nachmittag bestimmt, welche Texte am Abend gelesen werden. Das Begleitspiel wird also nicht von langer Hand geplant, und manchmal muss Brantschen gar kurzfristig improvisieren, etwa wenn Lenz spontan entscheide, einen anderen Text zu lesen, ohne ihn davon in Kenntnis zu setzen, erzählt Brantschen lachend. Hochrisiko sei so was für ihn. «Eine Extremsituation mit Puls 180.» Vor solch spontanen Umstellungen ist er beim Gurten-Theater «Paradies» zumindest gefeit. Allerdings gilt es auch hier, das Geschehen genau im Auge zu behalten, denn «schliesslich laufen die Schauspieler nicht immer gleich schnell über die Bühne, und das Publikum reagiert nicht immer wie im Vorfeld erwartet. Ich greife auf, was ich sehe, und dafür muss ich natürlich enorm präsent sein.» Die grösste Herausforderung sieht Brantschen aber im launischen Wetter auf dem 858 m ü. M. gelegenen Gurten: «Spiel mal Akkordeon mit kalten Fingern, gopf.»

«Paradies» wird ab Freitag, 27. Juni, bis am 21. August 31 Mal auf dem Gurten aufgeführt. www.theatergurten.ch. Inhaber der Espace-Card profitieren von vergünstigten Tickets. www.espacecard.ch (Der Bund)

Erstellt: 26.06.2014, 09:36 Uhr

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