Gotthelf im Breitleinwand-Format

Dramatisch, temporeich und zugespitzt: Auf dem Ballenberg inszenieren die beiden Regisseurinnen Adam und Wurster den Roman «Uli der Knecht» als prächtige Seifenoper.

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Der Hofsegen hängt schief. Und gestritten wird sogar am Taufsonntag, und zwar heftig und laut. Nicht nur Ueli und seine Knechte beschimpfen sich aufs Übelste, auch zwischen Ueli und Vreneli fliegen die Fetzen. Dabei schien doch das Glück auf dem Glungge-Hof perfekt, als Ueli der Knecht und das uneheliche Vreneli sich nach allerlei Prüfungen endlich gefunden hatten und sich in eine rosige Zukunft verabschiedeten.

Mit einem Happy End hörte letztes Jahr die Ballenberg-Inszenierung «Ueli der Knecht» auf, eine Produktion, die bereits vor der Premiere restlos ausverkauft war. «Ueli der Pächter» – es sind auch schon alle Billette weg – zeigt nun die bittere Realität, mit der das junge Paar zu kämpfen hat. Überaus dramatisch ist diese, jagen sich doch die Tragödien wie in einem Hollywoodfilm: Heillos überfordert ist Ueli mit seiner neuen Rolle, was Vreneli zunehmend verärgert. Die gute Base, die immer ihre schützende Hand über das junge Paar gehalten hat, stirbt, Hagel zerstört die Ernte, und weil der Besitzer des Glungge-Hofs vom Schwiegersohn übers Ohr gehauen worden ist, wird der Hof versteigert.

Starke Gruppenszenen

Nach dem Erfolg der letzjährigen Aufführung haben nun die beiden Regisseurinnen Renate Adam und Regina Wurster Uelis Prüfungen und seinen Reifeprozess noch stärker konturiert. Und der deutsche Schriftsteller Tim Krohn, bereits 2015 für die Bühnenfassung verantwortlich, liefert dafür eine ideale Vorlage, hat er doch Gotthelfs grosse Lektion von 1849 zu knappen, prägnanten Szenen verarbeitet.

Temporeich und zugespitzt werden die Stationen von Uelis unaufhaltsamem Untergang inszeniert. Ganz verschwunden ist jene Langatmigkeit, die häufig in Aufführungen mit Laiendarstellerinnen und -darstellern kaum auszumerzen ist. Das liegt nicht nur daran, dass die über dreissig Beteiligten bereits letztes Jahr von der Partie waren und ihre Rollen nun vertiefen konnten. Präziser geworden ist die Regie: Das illustrieren vor allem die Gruppenszenen, die homogener und stärker als letztes Jahr choreografiert sind. Wenn zum Beispiel die Kinder ihren grossen Auftritt haben und mit beweglichen Scherenschnitten Uelis Kuhverkauf vorführen, oder wenn Metzgete gefeiert wird.

Umwerfendes Vreneli

Gesteigert haben sich weiter auch Bernhard Schneider und Aline Beetschen in den Hauptrollen. Schneider, Absolvent der Berner Hochschule der Künste und einziger Profi im Ensemble, ist als gestresster Ueli, der betrügt und das Hofgesinde plagt, noch überzeugender. Ein schmächtiges Bürschchen mit eingezogenem Kopf und furchtsamen grossen Augen ist sein Ueli, einer, der nie weiss, wie ihm geschieht. Souverän, bodenständig und mit viel ungekünsteltem Charme trumpft dagegen die 20-jährige Aline Beetschen als Vreneli auf, das in allen Krisen seinem Ueli immer überlegen ist.

Gotthelf im Breitleinwand-Format, unterlegt mit Ben Jegers ohrwurmig-walzerigem Örgeli-Soundtrack, wird da vor dem Bauernhaus aus Madiswil vorgeführt – und selten passte eine Produktion so perfekt in die makellose Ballenberg-Kulisse mit ihren Gärten der malerischen, grossen Salatköpfe, vor denen sogar die Schnecken Respekt zu haben scheinen. Weil die beiden Regisseurinnen den Mut haben, Gotthelfs Text mit seinem wundersamen Happy End als prächtige Seifenoper der grossen Gefühle zu inszenieren. Ein bisschen wehmütig macht einen da nur, dass der gute Gotthelf nicht eine ganze Reihe Ueli-Romane für weitere Ballenberg-Soaps geschrieben hat.

Bis 20. August. Alle Vorstellungen ausverkauft. 2017 kommt «Veronika Gut – Aufruhr in Nidwalden» zur Aufführung. www.landschaftstheater-ballenberg.ch

Der Bund

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