Die Krux mit dem Integrativen

Kann das Theater das Verständnis für Aussenseiter fördern, oder zementiert es vielmehr die Stereotypen, die überwunden werden sollen?

In der Heiteren Fahne wird das Stück Stallerhof inszeniert.

In der Heiteren Fahne wird das Stück Stallerhof inszeniert.

(Bild: zvg)

Das Drama ist unvermeidlich: Der alte Knecht verliebt sich in die zurückgebliebene Bauerstochter. In der Heitere Fahne zeigt das Deutsche Theater Berlin eine integrative Inszenierung von Franz Xaver Kroetz’ Stück «Stallerhof». Beppi ist einsam. Das geistig zurückgebliebene Mädchen sieht sich aufgrund ihrer Behinderung in der Rolle des ungeliebten Kindes. Von ihren Eltern, bayrischen Bauern, wird sie als Aussenseiterin abgestempelt und mit Unverständnis und Schlägen tiefer und tiefer in die Einsamkeit getrieben. Einzig der kurz vor der Pensionierung stehende Knecht Sepp schenkt ihr Aufmerksamkeit. Auch er fühlt sich vom Leben benachteiligt, und so entsteht zwischen den beiden eine wunderbare und gleichzeitig erschreckende Liebesbeziehung.

In der Heitere Fahne, dem Ort für integratives Theater in Bern, wird – natürlich – ein Stück über gesellschaftliche Aussenseiter gezeigt. Dass sowohl das Thema an sich als auch das Sprechen darüber beziehungsweise das Bühnenspiel dazu problematisch sind, liegt auf der Hand. Allzu oft hat die Inszenierung des Aussenseiters nur den Effekt, dessen Stereotypen zu zementieren, ja ihn sogar überhaupt erst zu erschaffen. Im Falle von «Stallerhof» wird diese Gefahr zumindest zum Teil umgangen: Beppi wird gespielt von der behinderten ­Mereika Schulz, die zum Ensemble des ­integrativen Theaters Thikwa Berlin gehört. Das lässt keinen Platz für die Folklore, aber immer noch für die Frage, was die Rolle von Behinderten im Theater sein soll. Der oft geäusserte Vorwurf, man entblösse die Leute auf der Bühne, ist nicht einfach zu widerlegen. Doch genauso lange, wie Behinderungen eher mit Begriffspaaren wie «gesund – ungesund», «normal – nicht normal» assoziiert werden als mit einer Integrationsaufgabe für die Gesellschaft, ist der Wert des Beitrags, den Institutionen wie die Heitere Fahne zu leisten bemüht sind, hoch einzuschätzen.

Heitere Fahne, Freitag, 17. Oktober, und Samstag, 18. Oktober, jeweils 20 Uhr.

Der Bund

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