Der Tod auf verlorenem Posten

Was ist schon der Tod, wenn es vorher ein Leben gibt? Die Theaterinstallation «All My Lives – zu den Aufbahrungen» im Krematorium.


        In der Theaterinstallation spielen die Tonspuren die Hauptrolle.

In der Theaterinstallation spielen die Tonspuren die Hauptrolle. Bild: zvg

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Es riecht nach nichts. So sehr man auch nach einem Geruch sucht – da ist keiner. Weder im pistachegrünen Gang noch in den kleinen Räumen, in denen die Theaterinstallation «All My Lives – zu den Aufbahrungen» eingerichtet ist. Über Jahrzehnte wohnte der Tod in diesen Aufbahrungsräumen des Krematoriums auf dem Bremgartenfriedhof, die nicht mehr benutzt werden. Jetzt ist er weg, der Tod, und Theater ist da.

Vier Menschen, die man nicht sieht, erzählen dort aus ihrem Leben. Kleine Hörspiele sind ihre Geschichten, denen man einzeln ausgeliefert wird. Allein sitzt man auf diesem Theaterparcours mit sieben Stationen als Zuschauer dort, wo einst die Angehörigen von den Toten Abschied nahmen. Diese lagen schon in einem Jenseits, in einem anderen kleinen Raum, und eine grosse Glasscheibe gewährte einen letzten Blick auf sie. Wo die Toten aufgebahrt wurden, haben die beiden Berner Theatermacherinnen Sibylle Heiniger und Sandra Forrer verschiedene Szenerien als Kulisse zu den Tonspuren installiert, die für einmal die Hauptrollen spielen.

Und plötzlich ist man im Leben der anderen. Nichts Weltbewegendes verraten die zwei Frauen und die beiden Männer. Es sind unspektakuläre Leben, doch wie die vier da so beiläufig dahinreden, wird die Schicht der Banalitäten und Allgemeinplätze langsam undicht, und in wenigen, recht kurzen Momenten tropft Bewegendes heraus, das die Leben entscheidend beeinflusst hat. Nur knapp wird in den Monologen manchmal auch der Tod gestreift – er braucht den grossen Auftritt nicht, um seine Macht und seinen Einfluss zu demonstrieren.

Der Swing im Wartezimmer

Und doch dominiert hier das Leben, ­triumphiert ausgerechnet dort, wo Gevatter Tod am gegenwärtigsten ist: am Leichenmahl. Die Schnapsgläser auf dem Tisch sind bereits leer, das unverständliche Stimmengewirr wird langsam lauter, das Gelächter unverschämter. Momente wie dieser, in denen die Zuschauer ganz auf sich selbst zurückgeworfen werden, sind denn auch die intensivsten in der überraschend kurzweiligen 75-minütigen Inszenierung.

Das stärkste Bild gelingt Heiniger und Forrer aber gleich zu Beginn mit dem Video aus einem Wartezimmer, wo nacheinander ein paar Menschen auftauchen, sich setzen, wieder aufstehen und durch eine Tür mit einem kleinen Fenster verschwinden. Geschmeidig bewegen sie sich, so leicht wie der Swing aus dem Lautsprecher. Eine grosse Komplizenschaft ist da in diesem ungezwungenen Reigen, ohne dass ein einziges Wort fällt. Und auf seltsame Art hat man plötzlich das Gefühl, dass man dazugehören möchte, zu diesen Figuren, die warten und die dann alle so unbeschwert durch die Tür mit dem kleinen Fenster verschwinden, hinter dem es so hell ist.

Es ist die Tür, durch die einst die Leichen in den Aufbahrungsraum gebracht wurden. Am Schluss sitzt man selber dort. Auf die Berieselung mit Bemerkungen wie «Was macht das Glück aus?» könnte man ganz gut verzichten und wäre lieber allein mit dem Gedanken: Was ist schon der Tod, wenn da vorher ein Leben war?

Weitere Aufführungen bis 20. September. Anmeldung erforderlich unter www.all-my-lives.ch (Der Bund)

Erstellt: 08.09.2015, 07:55 Uhr

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