«Was er auch macht, er pfeift»

Ein Denkmal für den Grossvater: In seinem literarischen Debüt «Nonno spricht» stellt der 22-jährige Patric Merino ein kleines Dorf in Kalabrien der Mittelpunkt der Welt.

Patric Marino, der «Terzo»: In Guardavalle sind seine Strandschlarpen, eine Badehose und die Zahnbürste.

Patric Marino, der «Terzo»: In Guardavalle sind seine Strandschlarpen, eine Badehose und die Zahnbürste. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er ist ein liebenswertes Schlitzohr, leutselig und hat immer eine kleine Geschichte auf Lager. Mit der Fliegenklatsche schlägt der Grossvater stets zweimal zu und kommentiert: «Beim ersten Mal tun sie nur so, als wären sie tot.» Das jährliche Fest der Madonna del Carmine im Dorf hat er meistens ausgelassen und lieber bei der Madonna im Nachbarort Hand angelegt; dort musste er für das Tragen nichts bezahlen und konnte erst noch essen und trinken, so viel er wollte.

«Wo er auch ist, was er auch macht, der Nonno pfeift.» Und wenn Nonno pfeift, dann ist die Welt in Ordnung. Der Grossvater zückt das Taschenmesser und zerlegt die Wassermelone. Die grüne Schale mit dem weissen Fleisch legt er auf seinen Teller und sagt: «Die erste Portion ist für den Bauern.» Das kernlose Fruchtfleisch gibt er seiner Frau: «Die zweite Portion ist für die Prinzessin.» Und dann schneidet er das «rote Herz mit den Kernen» heraus und überreicht es feierlich seinem Enkel: «Die dritte Portion ist für den König.»

Im Nachtzug nach Kalabrien

Vielleicht fühlte sich der junge Mann aus der Schweiz in diesem Moment tatsächlich ein wenig wie der «König» von Guardavalle. Dieses Dorf in Kalabrien liegt in den Bergen, und es liegt auch am Meer, zweigeteilt in Guardavalle superiore und Guardavalle marina. Weit hinabsteigen in den italienischen Stiefel muss, wer dorthin gelangen will, wo der grosse Zeh des Fusses beginnt.

Sechsmal ist der 22-jährige Patric Marino nach Guardavalle gereist während der Entstehungszeit seines Buches «Nonno spricht». Die Reise mit dem Nachtzug dauerte 18 Stunden und 43 Minuten. Tempi passati. «Der Nachtzug von Milano nach Kalabrien ist einer Sparmassnahme von Mario Monti zum Opfer gefallen», sagt der in Münsingen aufgewachsene Secondo, der streng genommen bereits ein «Terzo» ist. Jetzt sei die Reise tagsüber teurer und nachts beschwerlicher, weil man oft umsteigen und warten müsse.

Zwischen Worb und Guardavalle

Vor über 50 Jahren kam Patric Marinos Nonno mit der ersten Einwanderergeneration in die Schweiz. Heute pendelt er mit der Nonna zwischen Worb, wo er als Bierbrauer und im orangen RBS-Bähnli arbeitete, und seinem Heimatdorf in Kalabrien, wo er ein Haus für sich und die Kinder gebaut hat. Aber die Kinder blieben in der Schweiz, heirateten, gründeten Familien.

Als Kind hat Patric Marino etliche Male die Sommerferien in Kalabrien verbracht. Auf dem Dachboden in Guardavalle fand er später den aufblasbaren Drachen Ali Baba wieder, auf dem er sich einst über die Wellen tragen liess. «Als 18-Jähriger habe ich die Grosseltern zum ersten Mal aus eigenem Antrieb nach Kalabrien begleitet», erinnert er sich. Es sind jeweils beschauliche Wochen im Kokon der Familie, umgeben von einer schier unüberschaubaren Zahl an Zias und Zios, zwischen Strandleben, gemeinsamen Marktgängen und Ausfahrten im Fiat Panda.

Der Nonno erinnert sich an seine karge Kindheit, an die archaische Art, wie mit dem Ochsen am Steintrog Olivenöl gewonnen wurde. Den Enkel will er nicht zum Metzger begleiten, weil er dort als Knabe eine Salami gestohlen hatte. Die Entgegnung, der Metzger sei schon lange gestorben, kontert er ungerührt: «Aber sein Enkel hat die Metzgerei übernommen.» Er erzählt vom zum Bersten vollen Zug, «beladen wie ein Maultier», der ihn einst in die Schweiz brachte. Aber auch in Guardavalle hat mit den Auswanderern der Gegenwart die Globalisierung Einzug gehalten, etwa wenn ein Inder Schafe melkt und ihm beim Käsen eine Albanerin hilft.

Am Ende des Aufenthaltes erteilt Nonno genaue Anweisungen, was Sohn und Enkel im Schweizer Schrebergarten zu tun haben: «Wenn die Tomaten reif sind, kommen wir zurück.» Und der Enkel reist ab, den Stiefel hinauf: «Ich lasse meine Strandschlarpen, eine Badehose und die Zahnbürste da.»

Ethnograf im familiären Revier

Während des Studiums am Bieler Literaturinstituts haben Patric Marino die Geschichten von Nonno und Nonna immer mehr beschäftigt: «Ich spürte, dass es da einen Stoff zu erzählen gab.»

Obwohl ein Familienmitglied, war Patric Marino in Guardavalle immer auch der Fremde, der Ethnograf im familiären Revier, dem Dinge auffielen, die für seine dort ansässigen Cousins alltäglich sind: «Ich hörte meinem Nonno aufmerksam zu, wenn er über sich und sein Leben berichtete, während meine Cousins seine oft gehörten Geschichten nicht mehr so ernst nahmen.» Vieles werde mit den Grosseltern verloren gehen, sagt Marino, «wie sie kochten, ernteten, gewisse Bräuche und Sitten, das wollte ich festhalten».

Für seine subtil verdichteten Impressionen und Szenen findet er eine schlichte, von jeglichem Ballast entschlackte Sprache, die dem Inhalt entspricht. «Ich wollte kein Feuerwerk zünden, sondern als Beobachter auch im Tonfall bewusst zurücktreten.»Patric Marino scheint die Pose des Dichters fremd, in seiner sportlichen Kleidung hat er so gar nichts vom oft exaltierten Selbstdarstellungsdrang des jugendlichen Künstlertyps. Seinen Zugang zum Schreiben beschreibt er betont nüchtern: «Es ist für mich ein Mittel zur Darstellung und zum Festhalten.» Nonno und Nonna dürfen heute Abend bei der Buchvernissage im Café Kairo natürlich nicht fehlen.

Der Grossvater, sagt Patric Marino, freue sich und sei wohl auch ein wenig stolz, dass er die Hauptfigur eines Buches geworden ist. Die Nonna jedoch, deren natürliche Autorität nicht vieler Worte bedarf, war zuerst doch etwas betupft, als sie vom Titel erfuhr. Ihr Enkel beruhigte sie mit der Aussicht, dass ein weiteres Buch über das Leben in Guardavalle «Nonna kocht» heissen würde.

(Der Bund)

Erstellt: 29.03.2012, 09:38 Uhr

Agenda

Buchtaufe im Café Kairo: Do, 29. März 2012, Türe 20.00, Show 20.30

Das Buch

Patric Marino: Nonno spricht, Buchverlag Lokwort, Bern 2012, 78 Seiten, 21.80 Fr.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Der Karren in der Krise

History Reloaded Die Schweiz, ein Land der Streiks

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Post für den Klimawandel: Auf dem Aletschgletscher haben Klimaschützer eine riesige Postkarte ausgerollt, die aus rund 125'000 einzelnen Postkarten besteht. Diese soll auf den Klimawechsel und die Bedrohung der Gletscher aufmerksam machen. (16. November 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...