Kulturkonventionen knacken

Am kontemporären Hacking-Festival Ckster wird in Workshops, Vorträgen und Diskussionsrunden das gesellschaftsrelevante Potenzial von Hacking erkundet.

Gehackt in drei Gängen: Die Internationale Gastronautische Gesellschaft bittet zu Tisch.

Gehackt in drei Gängen: Die Internationale Gastronautische Gesellschaft bittet zu Tisch. Bild: zvg

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Nun, dass Hacker nicht nur bleiche Brillenträger in dunklen Kellerräumen sind, sondern durchaus auch Krawatten binden und auf der Gehaltsliste von Regierungen stehen können, dürfte mittlerweile bekannt sein. Dass man aber beispielsweise Niki de Saint Phalle oder Graffiti-Sprayer als Hacker bezeichnen kann, scheint dann doch etwas weit hergeholt zu sein. Dennoch dreht sich das vom Zwischennutzer-Kollektiv Rast organisierte Festival Ckster darum, sich dem Phänomen Hacking aus gesellschaftlich-öffentlicher Perspektive zu nähern.

Was das heisst, ist vielschichtig: Es geht um Kunst, um Politik, Citizen-Science, Technik, um Werbung und Public Relations, ja, das Festival zeigt, dass sogar die Kulinarik gehackt werden kann. Böse DatendiebeDer Duden definiert hacken als unberechtigtes Eindringen in Computersysteme durch geschicktes Ausprobieren und Anwenden verschiedener Computerprogramme. Auch im Oxford Dictionary kommt der Hacker nicht besser weg: «unauthorized access to data» ist das Ziel des bösen Datendiebes.

Gerade im letzten Jahr erschien der Archetyp des digitalen Zeitalters in unterschiedlichster Gestalt auf der medialen Bildfläche. Vor einem Jahr brachte die tragische Figur Edward Snowden den NSA-Überwachungsskandal ins Rollen und das Internet als Instrument totaler Kontrolle ins öffentliche Bewusstsein.

Ob Nationale Sicherheitsbehörde, der rachsüchtige Ex-Kriminelle Aiden Pearce mit dem endlosen Smartphone-Akku im kürzlich erschienenen Computerspiel Watch Dogs oder maskierte Internet-Gruppierungen wie Anonymous – Hacking ist mittlerweile alltäglich geworden. Aber auch die vermummten Unbekannten, die auch als moderne Robin Hoods bezeichnet werden, ändern nichts daran, dass Hacking weiterhin in erster Linie mit Kriminalität assoziiert wird. Jüngster Beweis dafür, dass private elektronische Daten nicht vor Missbrauch geschützt sind, ist der bereits seit Jahren existierende, aber erst kürzlich entdeckte und entfernte Heartbleed-Bug, durch den Millionen Computer für fremde Zugriffe offen standen.

Ob und in welchem Umfang diese Sicherheitslücke ausgenutzt worden ist, bleibt allerdings ungewiss. Klar ist letztlich nur: Jedes Schloss hat einen Schlüssel, jeder digitale Schutzwall eine Hintertür – die im Falle des NSA-Skandals oftmals sogar absichtlich in die Programme eingebaut wurde.

Begriffsverfälschung

Die ernüchternde Konsequenz dieser Erkenntnis ist quasisokratisch: Sicher ist nur, dass nichts sicher ist. Dieser Gedanke kann jedoch auch positiv gelesen werden: Kein System ist abgeschlossen, kein Hindernis unüberwindbar. Denn ursprünglich ist Hacking die Bezeichnung für eine kreative Problemlösung, nicht für einen widerrechtlichen Eingriff in fremden Besitz.

Der Austausch (von Wissen) ist dafür essenziell, weshalb am Ckster auch ein Speeddating zum Thema «Turbo Tratsch – What’s Hacking All About?» (Freitag, 6. Juni, 18 Uhr, Hauptsitz) angeboten wird. Der Begriff an sich stammt von den Computertüftlern, die in den 1960er-Jahren gemeinsam lernten, die ersten Grossrechner zu programmieren. Diese Suche nach Wegen, begrenzte Programmiersprachen, Betriebssysteme und Ressourcen zu erweitern, nannten sie hacken und sich selbst Hacker, noch bevor Journalisten Computerpiraten so bezeichneten.

Jedes System ist an und für sich ein Prozess und daher auch veränderbar. Das gilt sowohl für Harddisks und Schaltkreise als auch für den öffentlichen Raum – und genau an diesem Punkt setzt das Kollektiv Rast mit Ckster an. Der öffentliche Raum ist das Produkt sozialer, kultureller, ökonomischer und ideologischer Gestaltung. Er widerspiegelt die geltenden Machtverhältnisse und Regeln.

Zudem wird unsere Kommunikation durch den öffentlichen Raum kanalisiert und damit strukturiert mit dem Ziel, sozial erwünschtes Handeln hervorzubringen und zu reproduzieren. Und auch wenn nicht rund um die Uhr kontrolliert wird – allein das Wissen um die Möglichkeit der Überwachung lässt uns konformistischer handeln. Der Cyberspace ist nun letztlich nichts anderes als eine Erweiterung jenes öffentlichen Raumes, in dem wir uns tagtäglich bewegen. Oft befinden wir uns gleichzeitig in beiden: Im Tram schaut kaum jemand noch vom Handydisplay hoch, Altstadt- und Alpenpanorama hin oder her. Hacking auf gesellschaftlicher Ebene heisst versuchen, den öffentlichen Raum so zu verändern, dass sich die Konventionen ändern.

Hier findet sich auch das subversive Element des Hacking wieder, und daher ist auch Kunst in der Öffentlichkeit letztlich eine Form von Hacking: Es werden Kulturkonventionen geknackt, indem der Raum anders genutzt wird, als dies an sich vorgesehen wäre.

Gehacktes und Kryptografie

Neben der politisch-soziologischen Perspektive von Hacking gibt es verschiedenste weitere Anwendungsbereiche. Gehackt werden kann grundsätzlich alles, denn beispielsweise existieren auch beim Restaurantbesuch erstaunlich klare Verhaltens- und Kommunikationsformen.

So hat der Gast beim Eingang zu warten, bis er platziert wird. Oder, wem dieses Beispiel nicht deutlich genug ist: Auch das Essen aus Tellern ist eine Konvention. Bei Ckster nimmt sich das «Culinarium No. XIV – Gehacktes» der Internationalen Gastronautischen Gesellschaft (Freitag, 6. Juni, 19 Uhr, Burgerstube) dieses Themas an, indem in acht Gängen die Essgewohnheiten der Teilnehmenden auf die Probe gestellt werden.

Bei aller Suche nach Grenzüberschreitungen, Systemlücken und -erweiterungen geht aber glücklicherweise der Schutz der Privatsphäre doch nicht ganz vergessen. Am Eröffnungstag des Hacking-Festival findet auch die erste Ausgabe von Bern Crypto Club statt (Donnerstag, 5. Juni, 20.30 Uhr, Dampfzentrale).

Hier wird erklärt, warum wir uns einen Raum der Anonymität erhalten sollten und warum Abgeschlossenheit nicht per se etwas Schlechtes ist, sondern gerade in unserer Gesellschaft, die nach absoluter Transparenz strebt, etwas sehr Wünschenswertes sein kann. Wer seinen Laptop dabeihat, kann ihn zudem gleich vor Ort ein wenig gegen Eingriffe von NSA und Konsorten aufrüsten lassen. (Der Bund)

Erstellt: 05.06.2014, 08:55 Uhr

Das Programm

Das kontemporäre Hacking Festival Ckster findet vom 5. bis zum 7. Juni in der Dampfzentrale, der Burgerstube und im Hauptsitz statt.

Neben Kunst im öffentlichen Raum und kulinarischem Neuland gibt es z. B. Gesprächsperformance bei «Hacke deinen Nächsten», «Design-Hacking» beim Vortrag über Materialfriedhöfe, ein selbstgebasteltes sprechendes Plüschtier bei «SchluffiPuffi-Mania! ».

Das detaillierte Festivalpgrogramm findet sich unter www.ckster.org. (lor)

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