«Kein Mensch will auf einer Brennnessel-Plantage leben.»

In seinem aktuellen Buch «Diesseits von Eden» jagt der deutsch-russische Schriftsteller Wladimir Kaminer in seinem neuen Garten Torpedokäfer. Er angelt aber auch und veranstaltet sogar eine «Russendisko».

«In der Natur gibt es immer etwas Besseres zu tun, als zu schreiben», findet Wladimir Kaminer.<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

«In der Natur gibt es immer etwas Besseres zu tun, als zu schreiben», findet Wladimir Kaminer.

(Bild: zvg)

Xymna Engel

Sind Sie eigentlich mittlerweile ein besserer Gärtner geworden?
Ich bin nach wie vor ein Hobbygärtner. «Diesseits von Eden» ist die Fortsetzung meiner Gartenkarriere, die im Schrebergarten angefangen hat. Diesen mussten wir aber wegen Problemen mit «spontaner Vegetation» abgeben. In unserem neuen Garten in Brandenburg habe ich als Erstes mit Aronstäben experimentiert, die haben es aber nie nach draussen geschafft. Dafür habe ich Japanische Wunderkerzen gekauft. Als meine Schwiegermutter aus dem Kaukasus im August zu Besuch war, hat sie diese sofort wieder erkannt. Die Pflanze heisst in Russland «Morgendämmerung» und wächst dort wild an jeder Ecke.

Wie viele Seiten Ihres Buchs haben Sie in der Gesellschaft von Japanischen Wunderkerzen geschrieben?
In der Natur gibt es immer etwas Besseres zu tun, als zu schreiben. Zum Beispiel alleine dazusitzen und den Horizont anzustarren. Deswegen habe ich bis jetzt nur selten im Garten gearbeitet. Am besten schreibe ich im Zug.

Rainald Grebe hat vor einigen Jahren gesungen: «Ich fühl’ mich heut’ so ausgebrandenburgt» - Brandenburg geniesst nicht gerade den besten Ruf. Sie haben dort aber Ihr Paradies gefunden.
Jeder hat seine eigene Vorstellung vom Paradies. Sicher ist Brandenburg nicht Italien. Ich bin ein Mann des Nordens, wo Menschen zurückhaltender sind, was aber nicht heisst, dass sie unfreundlich sind. Die Bewohner haben am Anfang sogar versucht, mich auf Russisch zu begrüssen.

In Ihrer Biografie heisst es, Sie seien in einem Schwimmbad geboren und in einem Aquarium nach Hause getragen worden. Auch in «Diesseits von Eden» decken Sie viele Parallelen zwischen Fischen und Menschen auf. Warum gerade Fische?
Fische machen so gut wie keine Geräusche, sind sehr zurückhaltend und verstecken sich normalerweise ganz tief unter Wasser. Ich bin überzeugt, dass jede Lebensart eine ganz besondere Aufgabe hat. Ich weiss inzwischen, wofür die Eichhörnchen da sind, ja sogar die Menschen. Aber mit den Fischen werde ich mich noch lange beschäftigen.

Welchen Rat würden Sie einem Garten-Anfänger geben?
Man sollte nicht versuchen, seine eigene Vorstellung von einem perfekten Garten eins zu eins umzusetzen, sondern auch die Natur mit regieren lassen. Klar, die Natur hat an jeder Ecke der Welt ihre Lieblingspflanzen. Bei uns in Brandenburg sind das wahrscheinlich Brennnesseln. Aber natürlich will kein Mensch auf einer Brennnessel-Plantage leben. Man muss einen Kompromiss finden. Wie mit allen Sachen im Leben. Wir sind ja ein Teil der Natur und müssen einen Weg finden, mit ihr zu kooperieren.

Schaut man in die Ukraine und nach Russland, ist dort zurzeit nicht viel von Kooperation zu spüren. Kürzlich sind wieder zwei Mitglieder von Pussy Riot festgenommen worden. Auch in Ihrem Buch schreiben sie über die kremlkritische Gruppe.
Pussy Riot machen Rekorde! Sie wurden in den letzten Wochen glaube ich sieben Mal verhaftet. Wie wir am Beispiel der Ukraine sehen, kann nur dann etwas passieren, wenn nicht Politiker oder irgendwelche klugen Köpfe im Fernsehen, sondern Menschen von der Strasse selbst Mut fassen, um ihre Meinung laut zu äussern. Und zwar so zu äussern, dass diese Meinung auch ausserhalb des Landes gehört wird.

DerBund.ch/Newsnet

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