«Es kommt auf die Menschen an»

Rund 30'000 Dossiers von fremdplatzierten Kindern befinden sich im Stadtarchiv Bern. Die Ausstellung «Auf der Suche
 nach der eigenen Geschichte» im Kornhausforum dokumentiert zwei unterschiedliche Schicksale.

   «Mein Vater hatte Glück», sagt Daniela Jaussi. Ihr Vater war bei einer Pflegefamilie in Wohlen aufgewachsen.

«Mein Vater hatte Glück», sagt Daniela Jaussi. Ihr Vater war bei einer Pflegefamilie in Wohlen aufgewachsen.

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Es war ein seltsames, mulmiges Gefühl für Daniela Jaussi, als sie im Stadtarchiv Bern zum ersten Mal die Akte ihres Vaters in den Händen hielt. Sie wusste, dass ihr 1941 geborener Vater in einer Pflegefamilie aufgewachsen war, aber sie kannte die Gründe dafür nicht. «Gab es Gewalt, Missbrauch, Alkoholismus bei den leiblichen Eltern?» Die Befürchtungen bestätigten sich nicht. Was sie fand, war zwar ein tragisches Schicksal, aber doch eines, das eine Wendung zum Guten nahm.

Der Vater ihres Vaters ist Handlanger auf dem Bau, er erkrankt an Tuberkulose und stirbt früh. Die Mutter steht nun mit drei kleinen Söhnen alleine da und ist für Wohnung und Essen auf Unterstützung durch die Fürsorge angewiesen. Mit Heimarbeit und als Haushaltshilfe versucht die Mutter ihre Familie durchzubringen. Einer Fremdplatzierung der Kinder widersetzt sie sich.

«Mit einer auffälligen Affenliebe»

In den Berichten sparen die Behörden der Stadt Bern nicht mit Kritik. Die Kinder «werden vergöttert und verwöhnt», heisst es darin, die Mutter umsorge sie «mit einer auffälligen Affenliebe». Die Behörde wünscht sich strengere Zucht und Ordnung. Auf entsprechende Vorhaltungen antworte die Mutter aber «stolz»: «Die Buben hätten eben Leben.» Trotzdem wird vorerst auf eine Wegnahme der Kinder verzichtet. Doch als die Mutter 1950 erschöpft und krank ins Spital eingeliefert werden muss – sie erholt sich nicht mehr und stirbt bald darauf – kommt es zur Fremdplatzierung. Seine Gotte möchte Daniela Jaussis Vater zwar zu sich nehmen, die Behörden gehen aber nicht auf das Angebot ein, vermutlich, weil sie geschieden ist. Er kommt deshalb auf einen Bauernhof zu einer Familie in der Gemeinde Wohlen. «Es kommt immer auf die Menschen an», sagt Daniela Jaussi. Ihr Vater habe es bei der Bauernfamilie gut getroffen. «Mein Vater hatte Glück», sagt sie am Rande der Ausstellung «Auf der Suche nach der eigenen Geschichte» im Kornhausforum in Bern.

So besuchte Daniela Jaussis Vater die Sekundarschule. Beim Eintritt in die Sekundarschule erhöhte die Behörde das Kostgeld, weil der intelligente Schüler nun mehr Zeit für das Lernen aufwenden musste und entsprechend weniger als Arbeitskraft auf dem Hof zur Verfügung stand. Später machte er eine Lehre als Stereotypeur beim «Bund». Nach einer Weiterbildung arbeitete Jaussis Vater als Sozialarbeiter. Zu seinen Pflege­eltern habe er stets eine enge und intensive Beziehung gepflegt, sagt Daniela Jaussi, die selber als Kind oft bei ihren «Grosseltern» in den Ferien war. «Es gab Pflegeeltern, welche die Kinder gern hatten und sich Mühe gaben», stellt Daniela Jaussi fest. Das gute Verhältnis zeigte sich auch darin, dass im Erwachsenenalter seine Familie und die Familien seiner «Pflegeschwestern» sich gegenseitig als Gotte und Götti wählten.

Dass die Sicht der Behörden und die Wahrnehmung der Betroffenen häufig stark auseinanderklaffen, zeigt sich aber in der Beschreibung der Mutter. Während das Amt von «Affenliebe» sprach, erinnerte sich Daniela Jaussis Vater ganz anders. «Er sagte immer, sie sei eine ganz liebevolle Mutter und Frau gewesen.» Diese Sicht habe ihr auch sein Bruder bestätigt, sagt Daniela Jaussi.

Rund 30 000 Dossiers der früheren städtischen Fürsorgedirektion befinden sich im Stadtarchiv, sie sind noch weitgehend unerschlossen. Sie stammen aus dem Zeitraum zwischen 1920 und 1960. Man wolle die Informationen aber nicht nur speichern, sondern an die Bevölkerung weitergeben, erklärt Stadtarchivar Roland Gerber. «Jedes Dossier birgt eine ganze Geschichte.» Viele der einstigen Heim- und Verdingkinder seien bereits verstorben, ihre Nachkommen seien oft auf der Suche nach den Spuren ihrer Geschichten. Die Akten seien «Beweisstücke, die Klarheit schaffen können», sagt Archivarin Yvonne Pfäffli. Im letzten Jahr sei die Zahl der Anfragen nach den Akten stark gestiegen. Die eigentliche Aufarbeitung beginne erst.

Die Ausstellung macht zwei Einzelschicksale öffentlich und ergänzt sie mit Fotos, Akten und Interviews. Zudem werden zwei fotografische Reihen der Berner Fotoreporter Paul Senn und Walter Studer gezeigt. Senns Verdingkinder-Aufnahmen aus den 1940er-Jahren für die linken Zeitschriften «Aufstieg» und «Nation» gehören zu den herausragenden Dokumenten der Schweizer Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Wie leidvoll und quälend eine Lebensgeschichte durch das Eingreifen der Behörden werden kann, zeigt ein kurzer Blick auf das zweite ausgewählte Beispiel. Liliane Rihs’ Vater kam als Fünfjähriger in ein Heim im Berner Oberland. In seinem selbst verfassten Lebenslauf schrieb er von harter Arbeit, Hunger und Missbrauch. «Das Kinderheim wurde geleitet von zwei Schwestern. Damals waren sie alt und grau und auch sehr böse», berichtete er.

Die Ausstellung dauert bis am 25. April. Am 7. April findet eine Veranstaltung unter dem Titel «Die Macht der Akten» mit Schriftsteller Lukas Hartmann und Regierungsrat Christoph Neuhaus statt.

(Der Bund)

Erstellt: 25.03.2015, 11:38 Uhr

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