Doppelagent im Reich des Konsums

Die Ausstellung «Bob, le Flaneur» im Kornhausforum über den Dekorateur Bob Steffen ist ein Stück Geschichte der Berner Gegenkultur.

Bob Steffen mit Alter Ego im luftigen Boudoir: Selbstporträt im Jahr 1955.

Bob Steffen mit Alter Ego im luftigen Boudoir: Selbstporträt im Jahr 1955. Bild: zvg

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Als sich Walter Benjamin Gedanken über die glänzende Warenwelt der Pariser Passagen machte, kam ihm die Idee zu einer Geschichte: Ein Mann erträgt es nicht, aus dem Inneren seiner Boutique seinen Namen an der Scheibe immer in Spiegelschrift vor sich zu haben. «Hierzu eine Anekdote erfinden», schreibt Benjamin in sein unvollendetes «Passagen-Werk». Das war nicht nötig. Dieser Mann war Bob Steffen.

Immer, wenn ihn eine Lust ankam, verliess er seine Boutique, die aus einem Atelier mit zehn Zimmern an der Spitalgasse bestand, und fuhr nach Ascona oder Paris, nach Ischia oder New York. «Das ist das Verrückte: Ich habe mich immer wie ein Aussenstehender beobachtet», sagt Steffen. «C’est si bon, de partir n’importe où, bras dessus bras dessous», heisst es in einem Chanson von 1947. Bob, le Flaneur. Zu Hause machten seine Stellvertreterinnen die Arbeit. Und was taten sie? Sie präsentierten und dekorierten die Warenwelt, die Benjamin so umtrieb. Steffens Geschäft war das Zeigen von Pelzmänteln, Lederwaren, von Lingerie und feinen Stoffen aus Paris.

Surrealist der Schaufenster

Gelernt hatte der 1928 im Weissenbühl geborene Alfred Steffen seinen Beruf bei der EPA in Bern, später ist er Dekorateur bei Loeb und Weilemann. 1953 macht er sich selbstständig und führt sein Bohème-Leben nach eigenem Gutdünken – und dem seiner Hellseherin, der er sich überlässt. Der Schaufenstergestalter orientiert sich an den surrealistischen Dekors von Jean Cocteau und hat doch einen unverkennbaren Stil. Steffen schafft Skulpturen aus Stoff, Wasserfälle aus Volants, Wolken aus Tüll, Federn, Köpfe, Perlenketten: luftige Boudoirästhetik. Seine Wohnung, sagen Freunde, soll ausgesehen haben wie ein «Puff im 19. Jahrhundert».

Die Szenografin Heidy-Jo Wenger, früher selbst bei Loeb, nimmt Steffens Handschrift auf und baut in der Ausstellung «Bob, le Flaneur» im Kornhausforum einige seiner Schaufenster nach. An Fotos, Möbeln und Hörstationen vorbei führt sie den Besucher spazieren, bis zu einem grossen, nach einem Traum Steffens gestalteten Bett, wo Bobs Leben als Homosexueller thematisiert wird. Um 1960 hat der promiskuitive Steffen mit dem schwarzen Tänzer Felix Mendelssohn White eine Beziehung, über die sich tout Berne das Maul zerreisst. In den Kriegsjahren, als er während der Verdunkelungen Männer auf der Strasse trifft, gerät er in Verdacht, «den Strich zu machen». In dieser Zeit stellte sich Steffen für seinen Freund Werner Bandi als ephebisches Fotomodell vor die Berner Alpen. Die Akte erscheinen in der damals europaweit gelesenen Zürcher Zeitschrift «Der Kreis» – und anlässlich der Ausstellung in einem neuen Fotoband.

Obwohl Bob Steffen später sagte, er sei «überfotografiert» gewesen, scheint er sein ganzes Leben als Inszenierung zu verstehen. Und so fällt es ihm auch nicht schwer, in den 1960er- und 70er-Jahren die Schweizer Textilindustrie an der Mustermesse Basel im besten Licht erscheinen zu lassen, wo sie doch schon am Stock geht und vom Stolz vergangener Zeiten zehrt. In Basel lässt es sich Steffen in den besten Restaurants gut gehen und inszeniert dann in der Messehalle die welke Majestät fliegender und fallender Stoffe, immer im letzten Moment und angetrieben vom Aufputschmittel Preludin, das 1960 auch den Beatles durch ihre langen Hamburger Nächte hilft. «Im Umgang mit Stoffen macht ihm keiner etwas vor», sagt man über ihn.

Das schlägt ihm später aufs Herz. Oder war es doch der Tod der über alle Massen geliebten Mutter, der Steffen 1986 einen solchen Stich gibt, dass er selbst fast ums Leben kommt? Die Mutter, die ihn in einfachsten Verhältnissen klug hochgebracht hatte und mit der er bis ins Alter Tür an Tür lebt. Was ihn vielleicht um eine wirklich grosse Karriere brachte, wie Freunde meinen, ihn, der auf seinen Reisen die Berühmtheiten seiner Zeit – Ingrid Bergman, Bette Davis, Burt Lancaster – kennen gelernt haben will, ohne dass er wusste, «was sie in mir sahen».

Deckname «Begehren»

Als Steffen 2012 stirbt, hinterlässt er den Ausstellungsmacherinnen Veronika Minder und Efa Mühlethaler einen umfangreichen Nachlass aus Erzählungen, Objekten und Fotografien, aus denen «Bob, le Flaneur» besteht. Dass der Flaneur in Bern blieb, war wohl ein Glück für die Stadt. Steffen galt als Partykönig, gab Feste und Künstlermaskenbälle, auf denen es zum «absoluten Kontrollverlust» gekommen sei, wie Beteiligte sagen. Es ist die sagenumwobene Zeit Berns als Kunst- und Nonkonformistenstadt von Rang.

Mit den Gedenkausstellungen zu der Malerin Monica Lischetti, dem Punk- und Werbefotografen Jürg Hafen und nun Bob Steffen schlägt das Kornhausforum gegenwärtig «einen Bogen über 50 Jahre Berner Subkultur», wie der Leiter Bernhard Giger sagt, und zwar in der Absicht, einen «Stammbaum der Paradiesvögel zu zeichnen, die man heute vermisst».

Und einmal mehr fragt man sich, was davon ist Dichtung und was Wahrheit? Nimmt man das geordnete, alles andere als unkontrollierte Äussere von «Bob, le Flaneur» zum Mass, vermutet man: Dichtung.

Doch was taugt das Erzählmuster von Mehrheits- und Gegenkultur noch, angesichts von Figuren wie Hafen und Steffen, die mindestens «einen Fuss im System hatten» und mit dem anderen auf dem unsicheren Boden des gesellschaftlich geächteten Undergrounds standen? Welche Widersprüche nahmen sie in Kauf, welcher waren sie sich nicht bewusst? Und über welche blickt man heute, fasziniert von so viel lebensvollem Draufgängertum, hinweg?

Für Walter Benjamin war die Sache klar: «Der Flaneur ist der Beobachter des Marktes. Sein Wissen steht der Geheimwissenschaft von der Konjunktur nahe. Er ist der in das Reich des Konsumenten ausgeschickte Kundschafter des Kapitalisten.» Der Mann, der es nicht aushielt, sich aus dem Innern seiner Boutique spiegelverkehrt zu sehen, wird in dem Moment, wo er nach aussen tritt, zum Doppelagenten im Dienst des Systemfortschritts. Sein Deckname ist «Begehren». Steffen sagte über sich, er sei dann am glücklichsten gewesen, wenn er habe «auslesen» können. Natürlich meinte er Männer. Und doch klingt es wie das Versprechen der ewig glänzenden Warenwelt. (Der Bund)

Erstellt: 10.11.2015, 18:00 Uhr

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Programm


Ausstellung bis 20. Dezember.

Stadtrundgänge auf Bob Steffens Spuren: 29. November und 6. Dezember, jeweils 16 Uhr (Treffpunkt: Ausstellung im Kornhaus).

Salongespräche: Fotografie im «Berner Kuchen» (15. November). Gay Bern von den Fifties bis heute (22. November). Bob Steffen als Dekorationsgestalter (13. Dezember, jeweils 15.30 Uhr im Kornhausforum).

Filmreihe: «Schöne Matrosen», ab 3. Dezember im Kino Rex, www.rexbern.ch.

Begleitbücher: Werner Bandi: «Swiss Nudes 1943-1952», Salzgeber & Co., Berlin 2015. Weitere Publikation in der Edition Patrick Frey für Herbst 2016 annonciert.


Weitere Informationen: www.kornhausforum.ch, www.bobleflaneur.com

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