Bekneipter Indierock

Schöftland, die Berner Gruppe mit dem aargauischen Namen, spielen im Könizer Rossstall ihre erstaunlichen, deutschsprachigen Lieder.

«Wir sind keine Szeneband»: Schöftland mit Sänger Floh von Grünigen (Mitte). (zvg)

«Wir sind keine Szeneband»: Schöftland mit Sänger Floh von Grünigen (Mitte). (zvg)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit seiner wenig waghalsigen Gebrauchsfrisur und seinem gescheiten Gesicht gemahnt Floh von Grünigen eher an einen Medizinstudenten als an einen potenziellen Popstar. Und als ein solcher gebärdet sich der Beinahdreissiger auch auf der Bühne nicht. Sein Ding ist weniger das Draufgängertum als die emotionale Einkehr. Nebenher ist er als Lehrer und als Kunstmaler tätig, und seine Songs heckt er grösstenteils am Schreibtisch aus. Floh von Grünigen ist Sänger und Betriebssystem der Gruppe Schöftland, die ihre erstaunliche CD «Der Schein trügt» (Chop/Phonag) vorstellt.

Die Assoziationskette, welche die Lieder der Gruppe Schöftland nach sich ziehen, ist lang. Floh von Grünigens Gesang gemahnt in seiner sympathischen Durchschnittlichkeit ein bisschen an das Tun des Sportfreunde-Stiller-Sängers Peter Brugger, bei gewissen Text- und Songideen dürfte das Schaffen von Element of Crime Inspiration geboten haben, und auch in der Hamburger Schule wurde die eine oder andere Lektion gelernt. Vieles kommt einem bekannt vor in diesem wunderlich bekneipten und verkopften Indie-Rock, und doch hat man ihn in dieser Beschaffenheit noch nie zuvor zu Ohren bekommen. Dass die Band, die sich aus rein phonetischer Begeisterung nach einem unwirtlichen Dorf im Kanton Aargau benannt hat, damit Aufhorchen erregen wird, zeichnete sich schon vor der Veröffentlichung des ersten Longplayers ab. Mit der Debüt-EP «Nur Touristen hier» im Handgepäck bereiste man im Herbst 2007 auf eigene Initiative das deutsche Land, spielte, wo es sich gerade anbot, und feierte erste Erfolge. Man befreundete sich mit dem deutschen Indie-Liedermacher Gisbert zu Knyphausen, welcher der Band für ein Stück der neuen CD seine Stimme lieh und die Berner auch als Vorband für eine grössere Deutschland-Tournee engagierte. Auch hier waren Erfolg und Wohlwollen erheblich, eine Aufmerksamkeit, die sich potenzieren dürfte, sobald das neue Album im Frühling auch in Deutschland erscheinen wird.

Lieder im Abseits

Es ist das Abseitsstehen von jedwelchen Szenen, das die Berner so interessant macht. Für die eingefleischten Anhänger der Indie-Rockmusik ist die Musik von Schöftland zu wenig abgründig, für Deutschrock-Befürworter ist sie zu unberechenbar und für die Hitparaden zu poetisch. Doch gerade weil sich die Berner so unfassbar in den Schnittmengen bewegen, entwickelt sich bald ein anheimelndes Zutrauen in diese mal melancholischen, mal aufbrausenden Lieder und deren Icherzähler. «Wir sind keine Szeneband», bestätigt Floh von Grünigen den Eindruck. «Selbst im kleinen Bern haben wir keine eigentlichen Seilschaften.» Wohl aber gut beleumundete Musikerfreunde – an ihrer letzten Plattentaufe partizipierten Gäste wie Baze, Heidi Happy, Pedro Lenz oder das Konus Quartett. Die Bilder, welche die Gruppe Schöftland mit ihrer Musik und vor allem mit ihrer Poesie skizziert, sind unscharf und verwackelt, eher Worthülsen statt Kernaussagen. «Ich habe grössten Respekt vor Bands, die fähig sind, Geschichten mit Pointen zu erzählen. Und dennoch höre ich mir solche Lieder nur selten an», sagt Floh von Grünigen. «Lieber mag ich Texte, die immer wieder neue Interpretationsmöglichkeiten zulassen.» Ein gemächlicher Schreiber sei er: «Ich notiere pro Woche vielleicht zwei bis fünf gute Einfälle.» Um diese Einfälle in Musik zu kleiden, hat er eine Band um sich geschart, welcher lauter jazzgeschulte Musiker angehören. Und so kollidiert die wuchtige Gitarrenwand auch schon mal mit einem lautmalerischen Bläsersatz, oder es mengt sich ein Marimba ins musikalische Layout.

Auf Youtube sind kleine Filmchen einzusehen, in denen sich mehr oder weniger bekannte Menschen zur Gruppe Schöftland äussern. Den erhellendsten Beitrag liefert dabei die deutsche Schauspielerin Anne Weinknecht, die derzeit am Stadttheater Bern zu Gast ist: «Ich fand, dass es nach Schweiz klingt, irgendwie spannend und auch ein bisschen seltsam. Es hat mich neugierig gemacht.» Das trifft die Sache ziemlich genau. Noch genauer: Mit «Der Schein trügt» legen Schöftland eines der besten deutschsprachigen Alben aus helvetischer Manufaktur vor. (Der Bund)

Erstellt: 09.02.2011, 15:19 Uhr

Blogs

Zum Runden Leder Den Grasshopper mache ich platt.

Sweet Home Wie geht Sommer?

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Umstrittene Tradition: Der spanische Matador Ruben Pinar duelliert sich am San Fermin Festival in Pamplona mit einem Stier. (14. Juli 2018)
(Bild: Susana Vera ) Mehr...