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Corona-Pandemie ausserhalb EuropasWas Afrika besser gemacht hat als die USA

Covid-19 hat die USA und Brasilien hart getroffen und Hunderttausende getötet. Der afrikanische Kontinent kam vergleichsweise glimpflich durch das erste Corona-Jahr.

Kampf gegen das Coronavirus: Freiwillige mit Schutzmasken verteilen Seife und Wasser an die Bevölkerung von Addis Abeba (Äthiopien).
Kampf gegen das Coronavirus: Freiwillige mit Schutzmasken verteilen Seife und Wasser an die Bevölkerung von Addis Abeba (Äthiopien).
Foto: Keystone

New York: Das grösste Spitalschiff

Corona-Notstand in den USA: Im Frühling musste das Spitalschiff  USNS Comfort in New York anlegen.
Corona-Notstand in den USA: Im Frühling musste das Spitalschiff USNS Comfort in New York anlegen.
Foto: Keystone

Am 1. März 2020 wurde der erste Corona-Fall in New York City offiziell bestätigt. Eine 39 Jahre alte Frau, aus Iran nach Manhattan zurückgekehrt, hatte sich infiziert. Wie man heute weiss, war das Virus damals schon länger in der Stadt, vermutlich seit Januar. Am 2. März schrieb Bürgermeister Bill de Blasio auf Twitter, die New Yorker sollten das Virus ignorieren. Den gleichen Rat gab die damalige städtische Gesundheitskommissarin Oxiris Barbot einen Tag später.

Welch dramatische Fehleinschätzung das war, wurde nur vier Wochen später sichtbar: Am 30. März, einem strahlenden Montag, lief die USNS Comfort in den Hafen von New York ein. Die Comfort ist das grösste Spitalschiff der Welt mit einer Besatzung von 1250 Männern und Frauen. Sie verfügt über 1000 Betten, zwölf Operationssäle, eine Intensivstation, ein Labor, eine Wäscherei, ein Leichenhaus. Wenn das Hospitalschiff im Einsatz irgendwo festmacht, dann ist die Lage ernst.

Wie eine Zombie-Apokalypse

Zwischen Anfang und Ende März war die Zahl der Infektionen explodiert. Im April wurde es noch schlimmer. Die Spitäler waren überlastet. Täglich starben Hunderte Menschen an den Folgen der Erkrankung. Und New York wurde die Corona-Hauptstadt der Welt. Weil die Leichenhallen überfüllt waren, wurden viele der Toten in Kühllastern zwischengelagert. (Lesen Sie dazu den Artikel «Das Virus hat New York zum Schweigen gebracht wie kein Terror, kein Hurrikan».)

Mitte März hatten Bürgermeister de Blasio und Gouverneur Andrew Cuomo verkündet, dass die Menschen in Stadt und Bundesstaat bis auf Weiteres zu Hause bleiben sollten. New York wurde zu einer Geisterstadt. Auf dem Times Square blinkten die riesigen Leuchtreklamen in die Leere, es war ebenso unwirklich wie unheimlich. New York wirkte wie eine Stadt nach der Zombie-Apokalypse.

Würde New York das überleben? Hunderttausende Menschen wurden arbeitslos. Besonders traf es die Mitarbeiter der mehr als 25’000 Restaurants. Der Broadway zu, die Museen geschlossen. Keine Touristen, nirgends. Die Pessimisten unter den Journalisten verfassten erste Abgesänge. Aber die Stadt widersetzte sich.

Das Restaurantproblem? Viele Läden bauten mit Erlaubnis der Stadt auf Bürgersteigen und Strassen grosse Aussenbereiche auf, und diese wurden Abend für Abend voller und voller. Das war insofern ungewöhnlich, als New Yorker es in den notorisch schwülen Sommern vorziehen, drinnen in auf gefühlt minus zwei Grad runterklimatisierten Räumen zu speisen. Nun fand das Leben auf der Strasse statt. Es war, so unwahrscheinlich das klingen mag, ein oft heiterer Sommer.

Allerdings gehen in New York die Corona-Zahlen seit Anfang November wieder nach oben. Gut möglich, dass die in diesem Winter anstehende zweite Prüfung für die Stadt ungleich härter wird als die erste. (Christian Zaschke, New York)

Afrika: Ein Kontinent wehrt sich

Südafrika reagierte rasch und entschlossen: Bewohner der Townships von Johannesburg melden sich für Corona-Tests an.
Südafrika reagierte rasch und entschlossen: Bewohner der Townships von Johannesburg melden sich für Corona-Tests an.
Foto: Keystone

Der 14. Februar 2020 ist der Tag, an dem der erste Mensch in Afrika als infiziert gemeldet wird. In Ägypten ist ein chinesischer Staatsbürger nach der Ankunft in Kairo positiv getestet worden. An diesem Tag gerät ein ganzer Kontinent in Alarmbereitschaft. Einige Tage später wird der erste Fall in Afrika südlich der Sahara bestätigt: Ein italienischer Geschäftsmann zeigt Symptome, nachdem er in die nigerianische Wirtschaftsmetropole Lagos gereist war.

Auch in andere Länder auf dem Kontinent wird das Virus eingeschleppt. Inzwischen haben sich die Bilder von ausgelaugten italienischen Ärzten, die vor laufender Kamera die Nerven verlieren, ins kollektive Gedächtnis eingebrannt genau wie jene Berichte aus New York, in denen Tote ungekühlt in einem Lieferwagen gelagert wurden, weil die Leichenhallen voll waren.

Wenn schon die USA oder Italien nicht mit Covid-19 fertig wurden, wie sollte es dann ein Staat wie die Zentralafrikanische Republik schaffen, wo es im März gerade einmal drei Beatmungsgeräte für knapp fünf Millionen Menschen gab? Südsudan, der jüngste Staat der Welt, hatte weniger Respiratoren (vier) als Vizepräsidenten (fünf). Und in Uganda gab es mehr Minister und Staatsminister als Intensivbetten.

Frühe und strenge Lockdowns

Viele Experten befanden zwar, dass afrikanische Staaten früh genug die richtigen Massnahmen getroffen hatten, fürchteten aber, dass schlechte Regierungsführung, Korruption und Armut, vor allem aber die unzureichende Gesundheitsinfrastruktur unweigerlich zu einer schnellen Ausbreitung des Coronavirus führen würden.

Der «Economist» warnte Ende März vor der «nächsten Katastrophe», der drohenden «Verwüstung», wenn die Pandemie mit voller Wucht die armen Länder erreiche. Afrika galt vielen im Rest der Welt als eine Zeitbombe.

Glücklicherweise sind diese Vorhersagen nie eingetroffen. Im Gegenteil, der Kontinent mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern blieb weitgehend von den hohen Fallzahlen und Sterblichkeitsraten einiger westlicher Länder verschont. Das ist auch deshalb erstaunlich, weil viele Staaten enge Beziehungen mit China pflegen. (Lesen Sie zum Thema auch den Artikel «Warum bleibt Afrika von Corona verschont?»)

Im Februar, als sich das Virus dort bereits ausgebreitet hatte, flogen afrikanische Airlines weiterhin chinesische Städte an. Viele Maschinen mit Ziel Nairobi waren voll mit Geschäftsreisenden, die sich nach ihrer Ankunft lediglich in «freiwillige Selbstquarantäne» begeben sollten.

Ein Grund dafür, dass die «Verwüstung» ausblieb, dürfte die frühe Entscheidung für strenge Massnahmen und Lockdowns gewesen sein. Dabei hatte der Kontinent einen gewissen Zeitvorsprung. Afrikanische Politiker sahen, was ohne Gegenmassnahmen drohen könnte. Schnell und konsequent wurden deshalb Grenzen und Häfen, Schulen und Moscheen geschlossen. Südafrika hatte Ende März einen der strengsten Lockdowns der Welt beschlossen, noch bevor ein einziger Südafrikaner an Covid-19 gestorben war.

Afrikanische Bevölkerung ist jung

Zudem konnten viele Länder Afrikas bereits Erfahrungen im Umgang mit Infektionskrankheiten wie Malaria, Tuberkulose, Cholera und Aids sammeln. In Westafrika wurde die medizinische Versorgung nach der Ebola-Pandemie vor einigen Jahren deutlich ausgebaut – das zahlte sich 2020 aus. Und viele Staaten Afrikas haben grosse Anstrengungen unternommen, um das Coronavirus einzudämmen, obwohl – oder gerade weil – weniger als 50 Prozent der Afrikaner Zugang zu modernen Gesundheitseinrichtungen haben.

Noch bevor es in Afrika südlich der Sahara einen einzigen bestätigten Fall gab, hatte das Afrika-Seuchenkontrollzentrum CDC ein Notfalltreffen der Gesundheitsminister in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba einberufen. Innerhalb weniger Tage entstand eine gemeinsame Kontinentalstrategie zum Umgang mit Covid-19.

Auch das niedrige Durchschnittsalter auf dem Kontinent könnte dazu beigetragen haben, dass sich Corona dort langsamer ausgebreitet hat als in Europa, Amerika und in einigen asiatischen Ländern. Afrika ist mit Abstand der jüngste Kontinent. Durchschnittlich sind die Menschen 19 Jahre alt, nur drei Prozent der Bevölkerung sind älter als 65. (Anna Reuss)

Manaus: Gras über den Gräbern

In Brasilien gab es ein Massensterben: Friedhof mit Covid-Toten in Manaus.
In Brasilien gab es ein Massensterben: Friedhof mit Covid-Toten in Manaus.
Foto: Keystone

Es war Anfang September 2020, als endlich wieder Musik erklang im Teatro Amazonas. Bach, Mozart und Vivaldi, zarte Töne, die durch den prunkvollen Saal hallten und dann hinaus in die schwülheisse Nachtluft von Manaus. Die Stadt liegt mitten im brasilianischen Regenwald, im Herzen des Amazonas, dort, wo sich die beigen Fluten des gleichnamigen Stroms mit dem schwarzen Wasser des Río Negro mischen.

Paris der Tropen wurde Manaus einst genannt, der Kautschukhandel hatte die Stadt sagenhaft reich werden lassen, und die pompöse Oper war das steingewordene Symbol des Aufstiegs der Stadt.

Heute ist Manaus ein Millionen-Moloch, das Teatro Amazonas aber immer noch Stolz der Stadt, auch für Daila Freitas. Sie habe die Oper immer gemocht, sagt die 24-Jährige, die Betriebswirtschaft studiert hat und nun für eine Autovermietung in Manaus arbeitet. Und wann immer sie konnte, habe sie Aufführungen besucht. Doch an jenem 2. September ging es um mehr als Musik. «Ich wollte einfach nur wieder ein bisschen leben.»

Auf ihrem Facebookprofil kann man Freitas, kurze schwarze Locken, zartes Lächeln, auf einem Bild vor dem Teatro Amazonas sehen. Die Oper glitzert in der Nacht. Zwei Jahre ist das Bild erst alt. Kaum zu glauben, was seitdem alles passiert ist.

Freitas sagt, auch sie habe sich bestimmt mit Corona infiziert, einen Test habe sie nicht gemacht – nicht nötig, einen Monat lang hatte sie Symptome, und in ihrer Familie hatten sich ohnehin alle angesteckt.

Tatsächlich schätzen Wissenschaftler, dass sich in Manaus bis zu zwei Drittel der Bevölkerung infiziert haben könnten. Das würde über einer Million Menschen entsprechen und wäre eventuell sogar genug, um die Herdenimmunität zu erreichen. Doch selbst wenn es so wäre: Die Stadt hätte dafür einen hohen Preis bezahlt.

Nachtschichten für Totengräber und Sargbauer

Als am 13. März in Manaus der erste Fall registriert wurde, hatte der Erreger bereits begonnen, sich in anderen Städten Brasiliens auszubreiten. Das Land war das erste in Lateinamerika, in dem Patienten an Covid-19 erkrankten. Viele hatten das Virus aus dem Ausland mitgebracht, ein tödliches Andenken an Reisen, die sich viele Brasilianer niemals leisten könnten. Corona galt zunächst als «Seuche der Reichen».

Doch es dauerte nicht lange, da erfasste der Erreger auch die Favelas, die Armenviertel, wo die Gassen eng sind und drei, manchmal vier Generationen unter einem Dach leben. Gleichzeitig drang die Krankheit von den Metropolen ins Landesinnere vor. Nirgends aber war die Lage so dramatisch wie in Manaus.

Wenn sich Daila Freitas an diese Zeit erinnert, sagt sie, dann befalle sie immer noch tiefe Traurigkeit. «So viele Leute aus meiner Stadt sind gestorben, Bekannte, Verwandte meiner Freunde.» Bis heute ist nicht klar, wie viele Menschen dem Virus zum Opfer gefallen sind. Viele Tote wurden damals, im April und Mai 2020, nicht getestet, zu chaotisch war die Situation.

Gab es früher 30 Bestattungen pro Tag in Manaus, waren es nun viermal so viele. Totengräber und Sargbauer mussten Nachtschichten einlegen. Urwald musste gerodet werden, um mehr Platz für den Friedhof zu schaffen. Und Bagger hoben eilig Massengräber aus. Die Lage sei katastrophal, sagte damals Arthur Virgílio Neto, der Bürgermeister von Manaus. «Es ist wie Krieg und wir haben verloren.»

Das Gesundheitssystem in Manaus war schon vor der Pandemie in einem schlechten Zustand, zudem traf der Erreger die Stadt am Ende der Regensaison, zu einer Zeit also, in der die Zahl der Erkältungen und Erkrankungen ohnehin steigt. Rund zwei Wochen nach dem ersten Auftreten von Covid-19 in der Region verhängte die Lokalregierung zwar den Notstand. Die Oper schloss, alle nicht essenziellen Geschäfte ebenso, die Menschen sollten zu Hause bleiben.

Tatsächlich aber geschah: nichts. «Die Leute hier haben sich verhalten, als wäre nichts gewesen», sagt Freitas: «Sie haben die Abstandsregeln einfach ignoriert, genauso wie die Aufforderung, sich zu isolieren, wenn man Symptome zeigt.»

Vieles spricht dafür, dass es Bolsonaro nie darum ging, Menschenleben zu retten.

Schuld daran sei auch die Politik, sagt sie. Denn viele Menschen fühlten sich ermutigt von ihrem Präsidenten Jair Bolsonaro. Er bezeichnete Corona lange Zeit als «eine kleine Grippe», er sprach von Fantasie und Hysterie. Während immer mehr Menschen erkrankten, trat der Präsident ohne Maske auf, nahm Bäder in der Menge und schoss Selfies mit seinen Anhängern.

Selbst als die Todeszahlen in die Höhe schnellten, zuckte der Präsident nur mit den Schultern und erklärte, sein zweiter Vorname sei zwar Messias, Wunder bewirken könne er aber nicht. (Wie hart Corona den südamerikanischen Kontinent getroffen hat, lesen Sie im Artikel «Hier fordert Corona die meisten Opfer».)

Vieles spricht dafür, dass es Bolsonaro nie darum ging, Menschenleben zu retten. Der Präsident weiss, dass die Wirtschaft meist langsamer wächst als das Gras über Gräbern. Seine Regierung ignorierte die Toten, während sie mit aller Macht versuchte, die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Millionen Brasilianer bekamen Monat für Monat Geld von der Regierung. Das kurbelte den Konsum an, die Wirtschaft des Landes steht heute besser da als die vieler Nachbarn. Und der Präsident, zwischenzeitlich selbst infiziert, ist so beliebt wie nie zuvor in seiner Amtszeit.

Auch in Manaus sind die Shoppingcenter und Restaurants wieder offen. Daila Freitas geht wieder aus, trifft Freunde. «Immer mit Mundschutz und Vorsichtsmassnahmen», sagt sie: «Die Welt ist müde von all den Einschränkungen, und ich bin da keine Ausnahme.»

Zwar ist die Infektionskurve zuletzt wieder gestiegen, aber im Teatro Amazonas sollen weiter Konzerte vor Publikum stattfinden. Die Zahl der Zuschauer ist auf die Hälfte begrenzt, Sitze zwischen den Besuchern müssen leer bleiben, Masken sind Pflicht. Aber das sei egal, sagt Daila Freitas. Als sie am Abend der Wiedereröffnung im grossen Saal sass, war es, als würde ihr die Musik eine Riesenlast von den Schultern nehmen. (Christoph Gurk, Buenos Aires)

67 Kommentare
    Marcel Stierli

    Viele der Kommentare hier drin widerspiegeln mal wieder die grenzenlose Arroganz und Überheblichkeit der Kolonialherren.