Zum Hauptinhalt springen

Ajax-Kenner Johann Vogel«Achtung, fertig, los? Dazu würde ich nicht raten»

«Der Amsterdamer ist direkter, frecher, innovativer.» Johann Vogel kennt die niederländische Mentalität – und die Besonderheiten in der Hauptstadt.

Ist das 0:3 aus dem Hinspiel eine zu grosse Hypothek für YB?

Im Normalfall sollte Ajax bei dieser Ausgangslage eine Runde weiterkommen. Aber wie oft haben wir schon Überraschungen erlebt. Ich hoffe auf ein Comeback von YB – für Gerardo Seoane, für den Club, aber auch für den ganzen Schweizer Fussball.

Sie haben zusammen mit Seoane die Uefa-Pro-Lizenz erworben. Was für ein Bild haben Sie von ihm?

Ein hervorragendes. Er war während der Ausbildung klar der Beste unserer Gruppe. Ich habe ein paar seiner Trainings bei YB gesehen und die Bestätigung meines Eindrucks erhalten. Er hat einen klaren Plan und geht fair mit allen Spielern um. Für mich ist es kein Zufall, dass er bislang keine negative Phase durchstehen musste. Und: Er kommuniziert richtig gut.

«Seoane bringt es mit seinen Analysen auf den Punkt.»

Nach der Niederlage in Amsterdam sprach er von einer Lehrstunde.

Er bringt es mit seinen Analysen auf den Punkt. Seoane sagt die Wahrheit und ist glaubwürdig. Ich hoffe, dass er noch lange in der Super League bleibt. Aber wenn er weitermacht wie in den letzten drei Jahren, wird es schwierig, ihn zu halten.

Was würden Sie ihm für das Rückspiel gegen Ajax raten? Achtung, fertig, los?

Seoane legt sich einen guten Matchplan zurecht, davon bin ich überzeugt. Ausserdem hat ihm der Abend in Amsterdam viele Erkenntnisse geliefert. Aber Achtung, fertig, los? Dazu würde ich nicht raten, das birgt Risiken gegen ein Team, das mit Schnelligkeit und Tempowechseln grosse Probleme bereiten kann. Ein Gegentorund YB muss schon fünf Treffer erzielen. Die Idee, auswärts zuerst auf eine solide Defensive zu setzen, fand ich nicht verkehrt. Aber man muss gegen einen solchen Gegner extrem wachsam und konzentriert sein. Im Hinspiel war es zu zaghaft.

Könnte der Kunstrasen ein Vorteil für YB sein?

Die Spieler von Ajax sind technisch so gut, dass sie mit diesem Terrain sehr gut klarkommen. YB steht vor einer zweiten schönen Herausforderung. Wenn aus den Fehlern des Hinspiels die richtigen Schlüsse gezogen werden, halte ich es für möglich, dass es spannend wird. Die Leidenschaft und die Lauffreudigkeit sind vorhanden, und gegen Leverkusen präsentierte sich die Mannschaft forscher. Für mich ist klar: YB kann es besser als in Amsterdam gezeigt.

Was zeichnet Ajax denn besonders aus?

Die fussballerische Klasse. Dazu gefällt mir die Strategie des Vereins. Wenn einer mit 16 Jahren parat ist, spielt er. Dann heisst es nicht: Du musst dich noch etwas gedulden. Nein, er wird eingesetzt. Beim PSV Eindhoven oder Feyenoord Rotterdam herrscht dieses Denken bei weitem nicht in dieser Form.

«YB kann es besser als in Amsterdam gezeigt.»

Wie erklären Sie sich das?

Für mich hat es mit der Mentalität des Amsterdamers zu tun. Er ist viel direkter, frecher, innovativer, kreativer als andere Niederländer. Ajax bildet mit seiner Strategie diese Mentalität ab. Das heisst: Bist du gut, wirst du belohnt. Aber das heisst auch: Wenn du die Ansprüche nicht erfüllst, wird das nicht verschwiegen.

Ajax schafft es immer wieder, junge Spieler für beeindruckende Summen zu verkaufen. Wem trauen Sie als Nächstes den grossen Schritt zu?

Es ist nicht immer so, dass gleich zwei wie Matthijs de Ligt und Frenkie de Jong für 160 Millionen Euro an Juventus und Barcelona verkauft werden können. Aber der 18-jährige Ryan Gravenberch hat schon das Potenzial für einen Transfer zu einem grösseren Club. Die Jungen überlegen sich einen Wechsel gut. Trainer Erik ten Hag sagt klar: 95 Prozent der Spieler, die Ajax zu früh verlassen, scheitern. Zuerst sollen sie Stammspieler werden, dann sind sie reif. Er hat recht.

«Bei Ajax erhalten die Spieler Hausaufgaben.»

Was für ein Trainer ist Erik ten Hag?

Er ist ein Fussballverrückter mit Hang zum Perfektionismus. Er findet immer irgendetwas, das sich besser machen liesse. Ten Hag interessiert sich für die Entwicklung seiner Spieler. Und er schafft es immer wieder, aus den Individualisten eine starke Einheit zu formen. Wobei die Talente bei Ajax zwar noch jung, aber doch schon Profis sind, die im Nachwuchs zuerst intensiv technisch, danach kontinuierlich taktisch geschult werden. Und sie sind schlau. Sie wissen: Je besser es der Mannschaft geht, desto besser geht es jedem Einzelnen.

Was imponiert Ihnen an der Nachwuchsarbeit von Ajax?

Es wird grossen Wert darauf gelegt, die Spieler zu «chützele». Das funktioniert vor allem über Interaktivität, mit Fragestellungen. Die Jungen werden dazu gebracht, sich mit dem Fussball auseinanderzusetzen. Sie erhalten regelmässig Hausaufgaben, müssen Ziele definieren, aber auch erklären, wie sie diese erreichen wollen. Der Trainer gibt vieles vor, klar, aber es ist nicht mehr wie früher, als der Spieler einfach alles befolgte und selbst dann von A nach B rannte, wenn es wenig Sinn ergab. Die heutige Generation will wissen, wieso dieser Laufweg sein soll. Sonst wird nach einer besseren Option gesucht.