Zum Hauptinhalt springen

VW Golf von Platz 1 gestossenAbsturz einer Auto-Ikone

Das hat es in der Geschichte des Golf noch nie gegeben: Gleich zwei Monate in Folge ist der Bestseller aus Deutschland nicht mehr das meistverkaufte Auto in Europa. Den Sturz vom Thron hat VW auch selbst zu verantworten.

Die achte Generation des VW Golf hat Anlaufschwierigkeiten.
Die achte Generation des VW Golf hat Anlaufschwierigkeiten.
Foto: Volkswagen

Der VW Käfer war das rollende Symbol für Deutschlands wirtschaftlichen Wiederaufstieg nach dem Zweiten Weltkrieg. Und sein Nachfolger, der VW Golf, ist das Symbol für die Dominanz der deutschen Industrie im Autobau. Nach ihm wurde sogar die ganze Fahrzeugklasse benannt: die «Golf-Klasse». Doch nun bekommt das Siegerbild Risse.

Denn im Mai und Juni ist der Bestseller aus Wolfsburg gleich zwei Monate in Folge als meistverkauftes Auto in Europa überholt worden. Das hat es in der 45-jährigen Geschichte des Golf noch nie gegeben.

Ausgerechnet ein Auto der oft belächelten französischen Konkurrenz hat sich vor den deutschen Platzhirsch gesetzt: der Renault Clio. Laut dem Londoner Analysehaus Jato Dynamics verkaufte Renault allein im Juni knapp 13’000 Clio mehr als VW seinen Golf – eine beachtlicher Unterschied.

In der Schweiz ist der Golf dagegen schon lange vom Thron gestossen worden. Doch das kann VW egal sein. Denn der neue Marktführer stammt ebenfalls aus dem Konzern: Der Octavia von der VW-Schwestermarke Skoda ist auch im ersten Halbjahr das meistverkaufte Auto der Schweiz, wie die Zahlen von Auto Schweiz zeigen. Der VW Golf rangiert auf Rang drei. Dazwischen belegt mit dem Kompakt-SUV Tiguan ebenfalls ein Produkt aus Wolfsburg den Platz zwei. In der Schweiz ist die Dominanz des VW-Konzerns also noch intakt.

Hat den deutschen Platzhirsch verdrängt: Renault Clio.
Hat den deutschen Platzhirsch verdrängt: Renault Clio.
Foto: Getty Images

Laut dem deutschen «Handelsblatt» ist der Erfolgsknick des Bestsellers Golf aber zum grossen Teil hausgemacht. Schuld an den miesen Verkaufszahlen seien Qualitätsprobleme und monatelange interne Querelen um das eigene Erfolgsmodell, die Produktion und Absatz gebremst hätten.

So sei die Serienfertigung mit grossen Schwierigkeiten angelaufen. Der mächtige VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh sieht die Schuld beim eigenen Management: «Hier wollten übereifrige Vorstände zu schnell zu viel Technik in ein Auto stopfen – und sind damit gescheitert.»

VW wollte auf Tesla machen

Vereinfacht gesagt wollte VW auf Tesla machen – und den Golf mit eine neuen und komplexen Software ausstatten. Das ging in die Hose. Bleche biegen, perfekt parallel laufende Spalten zwischen Türen und Karrosserie formen, einen sauber verarbeiteten Innenraum gestalten – darin ist VW gut. Doch Software ist noch Neuland.

So musste die Software für den neuen Golf in einzelnen Fällen bis zu 160-mal wiederholt aufgespielt werden, zitiert die deutsche Wirtschaftszeitung Betriebsratskreise. Normalerweise laufen in Wolfsburg 70 Prozent aller Autos ohne Verzögerung vom Band. Beim Golf 8 soll die Quote nur 30 Prozent betragen.

Laut VW seien nun alle wesentlichen Probleme behoben. Und die Verantwortlichen in Wolfsburg sind zuversichtlich, mit dem Golf 8 den Clio bald wieder von der Spitze der Verkaufsstatistik zu verdrängen. Helfen soll dabei auch die Erweiterung der Golf-Familie, inklusive einem neuen Hybrid-Modell und dem neuen Golf GTI.

So schnell will der Platzhirsch nicht das Feld räumen.

55 Kommentare
    Schmied Konrad

    Ich mietete immer wieder Autos und bin den Golf immer am liebsten gefahren. Jetzt habe ich einen gekauft. Dass der Clio häufiger verkauft wird, ist für mich das Symbol der europäischen Dauerkrise.