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Geldberater: Der Marktschrei(b)erABB-Titel sind ausgereizt

Julius Bär trimmt sich fit +++ Conzzeta verspricht substanzielle Dividenden +++ Idorsia ist gefährlich optimistisch +++ Royal Dutch Shell macht es besser.

ABB: Besonders dank brummender industrieller Aktivität im wichtigen Markt China konnte der Konzern das Jahr akzeptabel abschliessen.
ABB: Besonders dank brummender industrieller Aktivität im wichtigen Markt China konnte der Konzern das Jahr akzeptabel abschliessen.
Foto: PD

ABB: Halten

Dass ABB als Technologie-Zuliefererin für die Industrie von der zyklischen Erholung in diversen Industriesektoren profitieren musste, war mir früh klar. Und so kam es auch. Besonders dank brummender industrieller Aktivität im wichtigen Markt China konnte der Traditionskonzern das Jahr akzeptabel abschliessen, auch wenn Umsatz und Auftragseingang kleiner sind als im Vorjahr. Doch ABB-Chef Björn Rosengren zeigt sich überzeugt, dass ab März Wachstum wieder an der Tagesordnung stehen und der Gewinn stark ansteigen wird. So weit, so ermutigend. Dumm nur, dass die Aktien ein solch positives Szenario längst antizipieren. Die Papiere steigen seit dem Corona-Schock unentwegt – Ende 2020 haben sie die psychologisch wichtige Marke von 25 Franken geknackt. Das für 2021 geschätzte Kurs-Gewinn-Verhältnis von 25 nimmt eine Rückkehr zu Wachstum und eine wei­tere Gewinnexpansion vorweg, zudem läuft Ende März das milliardenschwere Aktienrückkaufprogramm aus. ABB-Titel dürften zwar weiterhin von der zyklischen Er­holung profitieren, doch momentan scheinen sie mir ausgereizt. Halten

Julius Bär: Halten

Für Julius Bär war 2020 alles andere als ein Krisenjahr: Die Kunden der Bank riefen nach Beratung und brachten so viel Bewegung in ihre Portfolios wie lange nicht. Entsprechend hoch fielen die Kommissionseinnahmen der Bank aus. Trotz Home­office und Reisebeschränkungen konnte Konzernchef Phi­lipp Rickenbacher mit dem Fitnessprogramm vorwärtsmachen, das er dem Institut vor einem Jahr verordnet hatte. Entsprechend sind die Kosten gesunken und werden das auch dieses und kommendes Jahr tun. Die Folge: ein überraschend gutes Resultat und eine unerwartet hohe Dividende – zusätzlich versüsst durch ein Rückkaufprogramm. Ich bin sicher, dass Bär die neue Fitness noch brauchen wird. Mit abflauendem Rückenwind durch die Corona-Börsenturbulenzen wird auch der Ertrag sinken, womit das Erreichen der eigenen Ziele bis 2022 zur Herausforderung wird. Trotzdem hat Julius Bär 2020 gezeigt, dass sie nach Jahren des Aufräumens wieder auf dem Weg zu alter Stärke ist. Viel davon hat die Aktie allerdings schon vorweggenommen, zukaufen würde ich ­daher nur noch im Fall von Rückschlägen. Halten

Conzzeta: Kaufen

Auch Conzzeta kann Corona. Im wichtigsten Geschäft, jenem von Blech- und Laserschneidspezialist Bystronic, ist der Auftragseingang im vierten Quartal höher ausgefallen als in der von Corona noch nicht beeinträchtigten Vorjahresperiode. Bystronic wird künftig Conzzetas einziges Geschäft sein, die übrigen Bereiche sind oder werden bis Sommer verkauft. Näheres zum Fokussierungsprozess will das Unternehmen an der Jahresmedienkonferenz im März darlegen. Ich bin gespannt, wie Conzzeta den Erlös aus den Verkäufen verwenden wird. Den Aktionären hat man vorab substanzielle Sonderdividenden versprochen. Bereits wurden ja kleinere Geschäfte veräussert und daraus Sonderdividenden bezahlt. Die zwei grössten Brocken werden dieses Jahr anfallen: der Verkauf des Schaumstoffgeschäfts und des Sportartikelherstellers Mammut. Das dürfte rund 500 Millionen Franken einbringen. Wenn das ganze Geld zur Auszahlung kommt, dann müsste eine Sonderdividende von gegen 250 Franken drinliegen, was etwa einem Fünftel des Aktienkurses entspricht. Kaufen

Idorsia: Halten

Idorsia, das grösste der kleineren Schweizer Biotech-Unternehmen, glänzt im Gegensatz zu vielen Branchenkollegen mit einem fast fehlerfreien Parcours in der Entwicklung der potenziellen Medikamente. Kürzlich ist zwar einer der Produktkandidaten gescheitert, was mit dem Jahresergebnis nebenbei bekannt gegeben wurde. Es hat dem Aktienkurs aber ebenso wenig geschadet wie deutlich höher geplante Ausgaben für das laufende Jahr. Idorsias 1,2 Milliarden Franken liquide Mittel sollten noch etwa zwei Jahre reichen. Das Unternehmen wird zusätzliches Geld aufnehmen müssen, bevor es die Rentabilitätsschwelle erreicht. Auch das war bisher kein Problem. Nächstes Jahr könnten die ersten zwei Produkte auf den Markt kommen. Wenn das Schlafmittel so einschlägt, wie sich Idorsia das erhofft, dann sollte auch der Aktienkurs vorwärtsmachen. Ich bin allerdings eher skeptisch. Wenn das Schlafmittel nur langsam abhebt und Idorsia irgendwann auch den Anteil an der statistischen Fehler­quote in der Medikamentenentwicklung abbekommt, könnte die Aktie noch lange auf höhere Kurse warten. Halten

Royal Dutch Shell: Kaufen

Die Ölbranche hat schon einige Krisen durchgemacht. Keine hat sie aber so hart getroffen wie jene der vergangenen zwölf Monate. Den tiefroten Zahlen im «Big-Oil»-Business konnte sich einzig Royal Dutch Shell entziehen. Der britisch-niederländische Öl- und Gasförderer erzielte 2020 einen Gewinn von knapp 5 Milliarden Dollar. Das mag nach viel klingen, ist aber 70 Prozent weniger als im Vorjahr und damit der kleinste Überschuss seit 2005. Immerhin steht das Unternehmen damit deutlich besser da als Konkurrenten wie BP und ExxonMobil, die milliardenhohe Verluste verzeichnen mussten. Positiv zu werten ist die Tatsache, dass der freie Cashflow nur geringfügig tiefer ausfiel als 2019. Für mich ist das ein Zeichen, dass das Krisenjahr für Royal Dutch Shell dank dem Gasgeschäft und der Ölförderung gar nicht so schlimm ausfiel. Das wird in den kommenden Monaten auch den Anlegern zugutekommen. Bereits hat Royal Dutch Shell für die zweite Jahreshälfte eine höhere Dividende und Aktienrückkäufe angekündigt. Davon erwarte ich einen Kursschub. Noch sind die Effekte nämlich nicht vollumfänglich eingepreist. Kaufen

Diese Kolumne wird von den Redaktorinnen und Redaktoren der «Finanz und Wirtschaft» verfasst. Sie haben sich verpflichtet, nicht in den entsprechenden Titeln aktiv zu sein. Wer die Tipps dieser Kolumne umsetzt, tut das auf eigenes Risiko. Die SonntagsZeitung übernimmt keine Verantwortung.