«Wer fährt über diese Brücke?»

Das Einzugsgebiet für die Velobrücke ist theoretisch gross. Wie gross das regionale Potenzial tatsächlich ist, scheint aber unklar. 
Auch Velopendler sind skeptisch oder unentschlossen.

Grösser als die Stadt: Das mögliche Einzugsgebiet der Velobrücke

Grösser als die Stadt: Das mögliche Einzugsgebiet der Velobrücke Bild: «Bund»-Grafik

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Die geplante Velobrücke soll die Quartiere Lorraine und Länggasse verbinden. Seit klar ist, wo die Brücke die Aare genau queren soll, ist auch die Diskussion darüber lanciert, wer diese Verbindung dereinst nutzen wird. Die Stadt betont die Verbindung des Entwicklungsschwerpunkts Wankdorf und des Viererfelds, wo vielleicht einmal Wohnungen entstehen. Es sind beides Orte, wo viele Menschen arbeiten oder wohnen werden. Ein weiterer solcher Arbeitsschwerpunkt ist auch mit der Universität in der Länggasse rasch ausgemacht. Doch reicht dies für das grosse Nutzerpotenzial, von dem die Stadt spricht?

Einer, der über die Quartiere hinausschaut, ist Verkehrsexperte Rolf Steiner, der 12 Jahre lang Verkehrsplaner in der Gemeinde Köniz war. Er hat die Gebiete Eyfeld und Papiermühle mit den zahlreichen Bundesämtern im Visier, aber auch Wohnschwerpunkte wie Bolligen oder Ostermundigen. Nach diesem Muster lässt sich die Liste von Arbeits- und Wohnschwerpunkten, zwischen denen die Brücke eine Verbindung darstellen könnte, leicht erweitern: Auch in Bremgarten, Hinterkappelen oder Bümpliz wird gewohnt, am Entwicklungsschwerpunkt Ausserholligen hingegen dürften in Zukunft Arbeitsplätze hinzukommen. Das Liebefeld in Köniz ist beides: Wer dort wohnt, pendelt vielleicht in oder über die Stadt hinaus an einen Arbeitsplatz. Gleichzeitig ist das Liebefeld mit dem Bundesamt für Gesundheit auch Arbeitsort für Auswärtige.

«Alle Hausaufgaben machen»

Aber liegt die Velobrücke auf dem Weg all dieser möglichen Verbindungen? Selbst Velopendler wie Hanspeter Schenk aus Hinterkappelen stellen sich die Frage: «Wer fährt über diese Brücke?» Schenk selbst würde sie nicht benutzen, weil der Zugang schwierig sei, sagt er. Zwar fährt er auf dem Weg in die Stadt genau in Richtung der künftigen Brücke. Die Kreisel und «andere unangenehmen Sachen» auf der Neubrückstrasse würden ihn aber von der Nutzung abhalten.

Der Zugang zur Brücke sei ein wichtiger Punkt, sagt Verkehrsexperte Steiner. «Es ist, wie wenn man eine Autobahn baut, da braucht es Autobahnzubringer», sagt er. Wenn man diese Brücke bauen wolle, müssten alle ihre Hausaufgaben machen und etwa die Anschlüsse vom Eyfeld oder von Ostermundigen realisieren.

Höhenmeter als Argument

Nahe der geplanten Velobrücke liegt auch Bremgarten. Um von dort in den Breitenrain zu gelangen, würde GLP-Grossrätin und Velopendlerin Franziska Schöni-Affolter die Brücke benützen, sagt sie. «Die Höhe muss ich sowieso gewinnen, das kann ich auch auf meiner Seite der Aare», sagt sie. Die Überwindung von Höhenmetern ist für Velofahrer ein wichtiges Argument – der Zugang zur Brücke beim Viererfeld liegt auf dem höchsten Punkt. Deshalb würde Schöni-Affolter ansonsten hintenherum fahren, und zwar über Reichenbach und die Tiefenau­strasse. So müsse sie nicht bis ganz an die Aare herunter, und auf der Tiefenau­strasse gehe es geradeaus. «Es ist ganz klar, dass man diesen Weg wählt. Da muss man sich keine Illusionen machen», sagt sie.

«Zuerst ausprobieren»

Ein überzeugter Befürworter der Velo­brücke lebt auf der anderen Seite der Stadt Bern. Harald Jenk aus Köniz ist SP-Mitglied und engagiert sich im Verein Pro Panoramabrücke. Seinen Arbeitsplatz in der Papiermühle erreicht er mit dem Velo. «Für mich wäre die Velo­brücke sehr attraktiv», sagt er. Er könnte schwierigen Punkten auf seinem heutigen Arbeitsweg ausweichen. Denn Linksabbiegen in den Eigerplatz sei anspruchsvoll, und wegen der vielen Ampeln rund um den Bahnhof Bern komme er nicht vorwärts. Jenk sagt, er kenne einige andere Leute, die mit dem Velo von Köniz in die Papiermühle fahren und die Brücke vielleicht benützen würden. «Sogar von Schliern», sagt er.

Würde das Einzugsgebiet so weit reichen, wäre das Potenzial der Velobrückenbenützer hoch. Auch die Stadt Bern geht von einer regionalen Bedeutung aus. Mithilfe des Gesamtverkehrsmodells des Kantons Bern hat sie ausgerechnet, dass täglich 5000 Velofahrer die Brücke benützen werden. Kritiker sagen hingegen, heute würden täglich nur 3500 Velos über die Lorrainebrücke fahren. Aus dem Modell sei auch ersichtlich, dass ungefähr 15 bis 20 Prozent der Velofahrenden aus den Berner Aussenquartieren und den angrenzenden Gemeinden kommen würden, sagt Thomas Gut, Leiter Entwicklung und Erhaltung im städtischen Tiefbauamt.

Dass die Zahlen der Stadt Bern mit Unsicherheiten behaftet sein könnten, verdeutlicht die Haltung von Ruth Hess, die von Köniz ins Wylerquartier pendelt. «Ich müsste die Strecke zuerst ausprobieren», sagt sie. Abwägen müsste sie dann zwischen einem Umweg und einer weitgehend hindernisfreien Fahrt ans Ziel.

Agglomerationsschwerpunkt?

Wie gross die regionale Bedeutung der Velobrücke ist, scheint unklar. Weder der Kanton noch die Regionalkonferenz kann sich auf Zahlen abstützen. Der Wechsel bei der Zuständigkeit für das Projekt deutet ebenfalls auf diese Unsicherheit hin. Ursprünglich war die Velobrücke beim Kanton angesiedelt, erst später kam sie zur Stadt. «Nach unserer Einschätzung dient die Brücke primär der Stadt», sagt Stefan Studer, Kantonsoberingenieur. Auf der anderen Seite stufen die Stadt und die Regionalkonferenz Bern-Mittelland die Brücke als Agglomerationsschwerpunkt ein, womit auch die Geldtöpfe des Bundes und des Kantons angezapft werden könnten. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.05.2015, 10:12 Uhr

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