Leben und Sterben in einer französischen Banlieue

Krimi der Woche: Ein elfjähriger Junge ist der Held des aussergewöhnlichen Noir-Romans «Nichts ist verloren» der jungen Französin Cloé Mehdi.

Mit rebellischem Unterton schreibt die junge Französin über die Ohnmacht von Jugendlichen aus Immigrantenfamilien, die Macht der Polizei und Gentrifizierung.

Mit rebellischem Unterton schreibt die junge Französin über die Ohnmacht von Jugendlichen aus Immigrantenfamilien, die Macht der Polizei und Gentrifizierung. Bild: Editions Jigal

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Der erste Satz

«So, es ist so weit, ihr habt ihn gefunden.»

Das Buch
Plötzlich taucht an den Mauern der Stadt das gesprayte Gesicht eines Jungen auf, und es wird Gerechtigkeit für Saïd gefordert. Es ist 15 Jahre her, seit der Junge von einem Polizisten zu Tode geprügelt wurde. Der Polizist wurde freigesprochen. Mattia ist erst elf, aber er kennt die Geschichte. Sein Vater arbeitete damals als Sozialarbeiter mit Jugendlichen. Nach dem Freispruch für den Polizisten brach er zusammen und landete in der Psychiatrie, wo er sich Jahre später umbrachte.

Mattia ist die Hauptfigur im aussergewöhnlichen Roman «Nichts ist verloren» der jungen Französin Cloé Mehdi. Der Elfjährige lebt bei Zé, seinem jungen Vormund, der in der Psychiatrie mit Mattias Vater das Zimmer geteilt hatte. Dort war er gelandet, weil er sich am Suizid einer Mitschülerin schuldig fühlte. Statt Mathematiker wurde er Nachtwächter, statt mit Gleichungen befasst er sich mit Gedichten.

So plötzlich wie die Graffiti tauchen Männer auf, die Mattia und Zé beschatten. In ihre Wohnung wird eingebrochen. Mattias Mutter verschwindet. Nach und nach stösst Mattia, der sich darüber nervt, dass ihm niemand sagt, was Sache ist, auf neue Bruchstücke der Geschichte von Saïd, in die nicht nur sein Vater, sondern auch seine Schwester und die Freundin von Zé irgendwie verwickelt sind. Er solle sich etwas weniger für die anderen und etwas mehr für sich selbst interessieren, rät seine Therapeutin Mattia. Der schlaue Junge, der meist auf sich selbst gestellt ist und sich ohne Hilfe in einem schwierigen Umfeld zurechtfinden muss, findet, sein Vormund mache sich falsche Illusionen: «Schon komisch, ich bin elf und habe längst kapiert, was er mit seinen vierundzwanzig Jahren immer noch nicht kapiert hat: Es ändert sich nie etwas, alles wiederholt sich. Nichts geht verloren, nichts entsteht neu, alles wandelt sich, aber immer auf die gleiche Weise und immer nur für kurze Zeit.»

Cloé Mehdi war 24, als «Nichts ist verloren» 2016 in Frankreich erschien. In ihrem zweiten Noir-Roman entwirft sie ein extrem düsteres Bild vom Leben und Sterben in einer französischen Banlieue, von der Ohnmacht der Jugendlichen aus Immigrantenfamilien. Sie seziert die Macht von Polizei und Justiz und erzählt beiläufig auch von der unaufhaltsamen Gentrifizierung der Quartiere. Lesbar wird diese rabenschwarze Geschichte, die unter die Haut geht, durch Mehdis jugendlich-rebellischen Unterton, durch Passagen von zarter Poesie und durch einen zwischendurch aufblitzenden leisen Humor. So gibt es, wenn auch nur sehr zaghaft, einen Hoffnungsschimmer in dieser elenden Tristesse.

Die Wertung

Die Autorin
Cloé Mehdi, geboren 1992, stammt aus der Region Lyon. Sie begann bereits am Gymnasium zu schreiben. Ihr erster Roman «Monstres en cavale» erschien 2014 und wurde am Festival de Beaune mit dem Preis für das beste Krimidebüt ausgezeichnet. 2016 erschien «Rien ne se perd», der jetzt auf Deutsch erschienene Roman «Nichts ist verloren» wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter Prix Dora Suarez 2017, Prix Mystère de la Critique 2017 und Prix Mille et une Feuilles Noires.

Cloé Mehdi: «Nichts ist verloren» (Original: «Rien ne se perd», Editions Jigal, Marseille 2016). Aus dem Französischen von Cornelia Wend. Polar-Verlag, Stuttgart 2018. 311 S., ca. 27 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.11.2018, 11:20 Uhr

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