«Ja, ich hatte eine Tiger-Mom»

Das Berner Symphonieorchester steht vor seiner ersten China-Tournee. Mit dabei ist die Bratschistin Yang Lu. Für sie wird die Reise nach Peking eine Reise nach Hause.

«Musik ist eine Lebensschule»: Yang Lu mit den Kisten, in denen die Instrumente ihre Reise antreten.

«Musik ist eine Lebensschule»: Yang Lu mit den Kisten, in denen die Instrumente ihre Reise antreten. Bild: Franziska Rothenbühler

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Ups, wie peinlich. So schnell kann einem ein Fehler passieren. Die vermeintliche Frau Yang heisst Frau Lu. Yang ist ihr Vorname. Dabei wüsste man das doch: Im Reich der Mitte kommt der Familienname stets zuerst. Die kulturellen Unterschiede können ganz schön verwirrend sein. Und das ist ja erst der Anfang! Lu lächelt. Das sei doch nicht schlimm. Sie wirkt voller Energie, obwohl sie gerade eine vierstündige Orchesterprobe hinter sich hat.

Seit 2009 spielt die Musikerin als stellvertretende Solo-Bratschistin im Berner Symphonieorchester. Auch für sie ist die bevorstehende China-Tournee das Thema. Sie sei mindestens so aufgeregt wie ihre Kolleginnen und Kollegen, sagt Lu. Allerdings aus einem anderem Grund. Für die 37-Jährige wird es nicht eine Reise ins Unbekannte. Sie fliegt nach Hause.

In Peking wurde sie 1979 geboren, mitten im Zentrum der Metropole. Und etwa zehn Fussminuten vom Konzerthaus entfernt, in dem das BSO kommende Woche sein erstes Konzert geben wird. Da kennt sie jeden Strassenzug, jede Ecke. Während zehn Jahren hat sie hier das Konservatorium besucht. Geige und Bratsche habe sie studiert, weil sich die Eltern kein Klavier leisten konnten. «Wir waren arm, eine Geige war im Laden günstiger.» Sie stammt nicht aus einer Musikerfamilie.

Ihre Mutter ist Reporterin bei China Radio International, ihr Vater im gleichen Unternehmen Techniker für Satelliten. Beide liebten Musik über alles und hätten sie gefördert. «Ja, ich hatte eine Tiger-Mom», sagt Lu. «Dass ich aufhöre, hätte sie niemals zugelassen.»

Es gebe ein chinesisches Sprichwort: Man beginnt eine Aufgabe nicht mit einem Tigerkopf und hört mit einem Mäuseschwanz auf. Das Leistungsdenken sei stark in China. Im Sport, aber eben auch in der Musik. Doch Lu ist ihren Eltern dankbar für die Strenge, ohne die sie es kaum geschafft hätte, mit 19 ihr Musikstudium in Amerika fortzusetzen und danach eine Orchesterstelle in Bern zu bekommen.

Kein Eintritt unter 1,20 Meter

Sie freut sich auf die Tournee in ihre Heimat. Eine Reise mit «ihrem» Orchester. Sie ist davon überzeugt, dass sich der Aufwand lohnt und das Orchester danach noch besser spielt. Eine Tournee fördere den Zusammenhalt. Es sei ein Privileg, sich Vergleichen mit anderen auszusetzen und sich in einem fremden Kontext zu bewähren.

Westliche Klassik geniesst in diesem Land mit über 1,3 Milliarden Menschen einen hohen Stellenwert. Vielleicht stimmt die Behauptung sogar, dass die Zukunft der klassischen Musik in Asien liegt. Hier gilt sie als modern, gehört zum Lifestyle. In den Konzerten seien stets alle Generationen vertreten, es gebe auch viele junge Konzertbesucher, sagt Lu. Es gebe bloss eine Restriktion: «Kinder unter 1,20 Meter sind in Peking nicht zugelassen.»

Die Beliebtheit von Klassik zeigt sich auch darin, dass Millionen chinesische Kinder Klavier spielen lernen wollen und hoffen, einmal so berühmt zu werden wie der chinesische Superstar Lang Lang. Lu kennt ihn gut. Er sei drei Jahre jünger als sie und habe im gleichen Konservatorium studiert wie sie.

In Asien gilt die klassische Musik als modern, sie gehört zum Lifestyle.

Beethoven, eine Ikone

Seit dem Jahr 2000 gibt es in den grossen Metropolen Chinas eigene Sinfonieorchester. Und vermehrt gastieren Solisten und Orchester aus der ganzen Welt in den riesigen Konzertsälen. Die Tickets seien erschwinglich, allerdings würden die Preise oft angepasst. «Am liebsten hören die Chinesen Beethoven oder Brahms. Auch Mozart.» Beethoven gelte in China als Ikone.

So gesehen muss das Tournee-Programm des Berner Symphonieorchesters mit Beethovens Eleonoren-Ouverture, Beethovens 5. Klavierkonzert und der 1. Sinfonie von Johannes Brahms für die Chinesen ein Wunschkonzert darstellen. Für Lu hat die Tournee aber auch eine ganz persönliche Bedeutung. Viele ihrer einstigen Kolleginnen und Kollegen würden ins Konzert des BSO in Peking kommen. «Für sie spiele ich im Orchester, das aus dem Paradies kommt.»

Sie möchte ihren Leuten vermitteln, dass man im Leben etwas erreicht, wenn man sich Ziele steckt. Vielleicht ist im Reich der Mitte doch nicht alles anders als hier? «Musik lehrt dich alles. Sie ist eine Lebensschule, macht dich sensitiv. Jeder im Orchester hat eine eigene Persönlichkeit. Doch wir lernen, aufeinander zu achten. Als Orchestermusiker wird man zum Teamplayer. Man arbeitet an einer gemeinsamen Vision, das macht mich glücklich.»

Letzte Konzerte des BSO vor der Tournee: Kultur-Casino, Do, 4., und Fr, 5. Mai, 19.30 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 03.05.2017, 06:49 Uhr

Ganz ohne Elfenbein

Das leuchtet ein: Wenn siebzig Orchestermusiker miteinander verreisen, muss jeder seinen Beitrag leisten, damit alles funktioniert. Von der feinen Konzertkleidung (aufgebügelt) bis zu Zahnbürste und Pass – nichts darf vergessen werden. Und keinesfalls das Instrument, das, so stellt man sich das als Laie vor, zuletzt noch schnell unter den Arm geklemmt wird, bevor es zum Flughafen geht.

Beethoven und Frack statt Schnorchel und Mückenspray? Von wegen. Die Konzerttour eines Orchesters ist mit der Ferienreise einer Grossfamilie nicht vergleichbar. Sie gleiche eher einem logistischen Puzzle, sagt Judith Schlosser, die Verantwortliche für die China-Tournee des Berner Symphonieorchesters (BSO). Seit Monaten hält die Tour sie auf Trab. «Erst wenn wir im Flieger sitzen, kann ich sicher sein, dass alles geklappt hat», sagt die junge deutsche Konzertmanagerin. Wie für das Berner Symphonieorchester, ist es auch für sie die erste Reise nach China. Ihre Aufgaben sind vielfältig. Eben hat sie ein umfangreiches Handout für die Musiker fertiggestellt.

Doch das ist nur der kleinste, sichtbare Teil ihrer Tournee-Vorbereitung. Sie ist auch für den kollektiven Notentransport verantwortlich, kümmert sich um Versicherungs- und Visa-Fragen. Letzteres ist keine Nebensache. Im Berner Symphonieorchester spielen Musikerinnen und Musiker aus knapp zwei Dutzend Nationen mit. Doch noch delikater ist die Spedition der Instrumente. Die köstliche Fracht kommt nicht im Handgepäck der Musiker mit, sie wird in klimatisierten Flightcases transportiert. Allerdings erst nach eingehender Untersuchung.

China hat – wie die Schweiz und 180 weitere Länder – das Handels- und Artenschutzabkommen CITES (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora) unterzeichnet. Es betrifft auch Musiker, weil in den Bögen und Instrumenten oft Tropenholz, Elfenbein oder Schildpatt verbaut sind, Materialien, die unter den Artenschutz fallen. Betroffene Instrumente werden – Konzerte hin oder her – beim Zoll beschlagnahmt. Beim BSO hätten die Experten nur in zwei Fällen Elfenbein gefunden, sagt Schlosser. «Die Musiker haben es daraufhin ausbauen lassen.»

Ohne Elfenbein steht der Konzertreise nichts mehr im Wege. Am Freitag gibt das BSO im Kultur-Casino sein letztes Konzert, einen Tag später gehen die Instrumente bereits auf ihre Reise nach Frankfurt – und von da um die halbe Welt. Das BSO und Chefdirigent Mario Venzago sind nach Peking, Shanghai, Suzhou und Wuhan eingeladen worden – mit Beethoven und Brahms im Gepäck. Was wird sie erwarten? Der «Bund» wird den Musikbotschaftern aus Bern auf den Fersen bleiben. Er darf sie begleiten und online und im «Kleinen Bund» über das musikalische Abenteuer berichten; es beginnt diesen Sonntag. (mks)

Reiseblog Das Berner Symphonieorchester auf China-Tournee. www.chinatournee.derbund.ch

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