«In vielen unserer Häuser in der Altstadt sind die Mieten bescheiden»

Die Burgergemeinde Bern zählt laut Thomas Aebersold viele ihrer Altstadthäuser zum kulturellen Engagement.

Gegen 8000 Personen protestierten 1954 gegen den Abriss der Ischi-Häuser.

Gegen 8000 Personen protestierten 1954 gegen den Abriss der Ischi-Häuser. Bild: zvg

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Herr Aebersold, mit knapp 20 Parzellen ist die Burgergemeinde Bern ein beachtlicher Player in der Altstadt. Strebt sie weitere Käufe an?
Wir haben nicht die Strategie, möglichst viele Grundstücke in der Altstadt zu erwerben. Es wäre finanziell gar nicht möglich, denn die Liegenschaften in der Altstadt werfen eine kleine Rendite ab.

Aber die Mieten sind doch hoch.
Natürlich gibt es Luxuswohnungen in der Altstadt. Auch die Burgergemeinde besitzt solche Perlen, etwa das Wattenwyl-Haus an der Herrengasse 23. Es gibt dort Wohnungen, die bis zu 200 Quadratmeter gross sind. Ein anderes stattliches Anwesen ist jenes an der Amthausgasse 5, das wir an die Eidgenossenschaft vermietet haben, die repräsentative Räume suchte. Jedoch wird der weitaus grösste Teil unserer Liegenschaften in der Altstadt nicht teuer vermietet.

Warum nicht?
Die alten Wohnungen haben ohne Zweifel Charme. Die andere Frage ist, ob die verwinkelten Wohnungen für heutige Bedürfnisse noch praktisch sind. Zu den Gassen hin gibt es keine Balkone, es ist oftmals schattig in der Altstadt, und es gibt viele Wohnungen, deren Fenster nur den Blick an die nächste Hausfassade gewährleisten. Nicht zu vergessen ist in einigen Teilen der Lärm am Abend und an den Wochenenden durch die belebte Gassen.

«Wenn ein Coiffeur 
bei uns auszieht, dann versuchen wir, wieder einen Coiffeur 
zu finden.»
Thomas Aebersold, Präsident der Feld- und Forstkommission der Burgergemeinde Bern

Also rentieren Liegenschaften in der Berner Altstadt, wie zum Beispiel die Ischi-Häuser, unter dem Strich gar nicht?
Nein. In vielen unserer Häuser in der Altstadt sind die Mietverhältnisse langjährig und die Mieten bescheiden. Ins Gewicht fällt aber vor allem, dass die Häuser in der Innenstadt zum Teil 400-jährig sind. Bei solchen Häusern fällt irgendwann eine Grossrenovation an, die teuer ist. Die im Sommer geplante Renovation des Kultur-Casinos Bern etwa zeigt das deutlich.

Inwiefern?
Das denkmalgeschützte Kultur-Casino ist in die Jahre gekommen und weist verschiedene Mängel auf. Allein 50 Millionen Franken kostet der aufgelaufene Unterhalt. Die Haustechnik ist veraltet, der Brandschutz entspricht nicht mehr den Vorschriften, die Akustik genügt den heutigen Anforderungen teilweise nicht mehr. Deshalb haben wir uns für eine gesamtheitliche Renovation entschieden, die insgesamt 74 Millionen Franken kostet und für die Burgergemeinde ein grosser Brocken ist. Der Betrieb und das selbstgeführte Restaurant werden bei der Wiedereröffnung einen neuen Marktauftritt lancieren.

Wenn die Altstadt ein solches Verlustgeschäft ist, wieso verkauft man die Liegenschaften nicht einfach?
Wir zählen unsere Liegenschaften in der Altstadt zu einem Teil zum kulturellen Engagement der Burgergemeinde. Die Burgergemeinde hat den Auftrag, sich für das Wohl der Stadt und des Kantons zu engagieren. In der Altstadt versuchen wir den Charme von heute mit den Bedürfnissen der Zukunft zu verbinden und das Stadtbild zu erhalten. Wo Gewerbe ist, soll Gewerbe bleiben. Wenn zum Beispiel ein Coiffeur bei uns auszieht, dann versuchen wir, wieder einen Coiffeur zu finden, wenn im Quartier Bedarf dafür besteht. Im Rahmen des Umbaus des Burgerspitals haben wir uns ganz bewusst gegen eine kommerzielle Nutzung ausgesprochen. Dieses Haus hatte seit jeher eine soziale Aufgabe. Das soll auch in Zukunft so sein, weshalb wir mit dem Berner Generationenhaus einen Begegnungsort für alle geschaffen haben.

Wovon lebt denn die Burgergemeinde?
Einnahmen aus Immobilien sind unsere Haupteinnahmequellen. Diese erwirtschaften wir einerseits mit Mietliegenschaften ausserhalb des Stadtzentrums wie beispielsweise der zukünftigen Überbauung Sonnenboden in Worb, wo wir gestern den Grundstein legten. Andererseits durch die Abgabe von Bauland im Baurecht. Ein Beispiel dafür ist die Überbauung Schönberg Ost. Somit setzt sich der Ertrag im Wesentlichen aus Mietzinsen und Baurechtszinsen zusammen.

Als die Burgergemeinde die Ischi-Häuser kaufte, wollte sie die Wohnungen bedürftigen Burger-Familien zu Kostenmiete vermieten. Wird das auch heute noch gemacht?
Nein, die Burgergemeinde Bern hat den Burgernutzen vor langer Zeit abgeschafft. Ihre Wohnungen stehen allen zur Verfügung.

Die Zünfte sind nur für Burger offen. Sollte man die Liegenschaften der Zünfte nicht auch zum Besitzstand der Burgergemeinde zählen?
Nein, die Zünfte sind wie die Burgergemeinde Bern öffentlich-rechtliche und selbstständige Gemeinden. (Der Bund)

Erstellt: 26.04.2017, 08:20 Uhr

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Die Burgergemeinde ist bekannt als eine der grössten Liegenschaftsbesitzerinnen der Schweiz. Wie kommt es also, dass sie eher wenige Häuser in der Altstadt ihr eigen nennt? Ein Grund dafür findet sich im Ausscheidungsvertrag zwischen der Burgergemeinde und der Einwohnergemeinde Bern von 1852.

Der Vertrag schlug der noch jungen Einwohnergemeinde, welche es so erst seit 1832 gab, Stadtliegenschaften und andere Vermögenswerte zu, welche «nicht ausdrücklich eine burgerliche Zweckbestimmung» hatten. Die Burgergemeinde erhielt dafür Felder und Wälder rund um die Stadt. Diese Ländereien wurden mit dem Wachstum der Stadt zu attraktivem Bauland. Bis heute bevorzugt die Burgergemeinde die Abgabe des Landes im Baurecht gegenüber einem Verkauf. (zec)

Essay von Historiker und Bernburger Christophe v. Werdt zum Ausscheidungsvertrag: vertrag.derbund.ch

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