Ein Polizist auf beiden Seiten des Gesetzes

Krimi der Woche: Mit dem Roman «Kaltes Licht» balanciert der australische Altmeister Garry Disher virtuos auf dem Grat zwischen Moral und Unmoral.

Garry Disher wollte bereits als Kind Schriftsteller werden. Heute zählt er zu den bekanntesten australischen Autoren.

Garry Disher wollte bereits als Kind Schriftsteller werden. Heute zählt er zu den bekanntesten australischen Autoren.

(Bild: Garrydisher.com)

Der erste Satz
An einem milden Oktobermorgen glitt in der Nähe von Pearcedale, südöstlich von Melbourne, eine Schlange auf dem Weg von hier nach da über die Ecke einer Veranda.

Das Buch
Garry Disher, der diesen Sommer 70 wird, ist einer der bekanntesten Autoren aus Australien; viele seiner mehr als 50 Bücher sind übersetzt worden. Im deutschsprachigen Raum kennt man vor allem seine Kriminalromanreihen um Inspector Challis (im Zürcher Unionsverlag) und um den Berufskriminellen Wyatt (im Berliner Kleinverlag Pulpmaster). In seinem neuesten Werk «Kaltes Licht» führt Disher die Welten seiner beiden Romanserien zusammen. Dafür schuf er eine neue Hauptfigur: Sergeant Alan Auhl, der früher bei der Mordkommission war, ist nach einer Auszeit zur Polizei zurückgekehrt, wo er nun in der Abteilung für ungelöste Fälle arbeitet. Das hindert ihn aber nicht daran, auch auf der anderen Seite des Gesetzes tätig zu werden, wenn er das Gefühl hat, den Lauf der Dinge korrigieren zu müssen.

Von den jungen Kollegen wird Auhl wegen seines Alters gerne gehänselt. Er soll den Rollator nicht vergessen, rufen sie ihm etwa nach, wenn der rausgeht. Doch der Alte hat sich jugendlichen Übermut bewahrt. Zu seinen kleinen Freuden gehört etwa, Passanten, die auf ihr Handy starren, nicht auszuweichen. «Kindisch, aber lustig», findet er das.

Auhl ist mit verschiedenen Fällen beschäftigt. Der Fund einer vor Jahren einbetonierten Leiche führt ihn in die bigotte Welt einer dubiosen Freikirche. Daneben findet er in einem anderen kalten Fall, an den ihn die Töchter des Opfers an jedem Jahrestag erinnern, eine neue Spur. Und ein alter «Kunde», dem er damals bei der Mordkommission den Mord an seiner Gattin nicht nachweisen konnte, taucht wieder auf: Seine neue Frau wolle ihn umbringen, klagt der Arzt nun bei der Polizei.

Alan Auhl lebt in einem grossen, alten Haus, das er geerbt hat. Seine studierende Tochter wohnt da, seine Ex kommt zwischendurch für ein paar Tage vorbei. Daneben beherbergt Auhl Menschen, die Hilfe und eine Bleibe brauchen. Eine Kollegin, die von ihrem Mann betrogen wurde. Eine Frau mit ihrer zehnjährigen Tochter, die in einem Sorgerechtsstreit mit ihrem reichen Ex-Mann steckt.

Brillant, wie man das von ihm gewohnt ist, verwebt Altmeister Disher all diese kleinen Geschichten zu einem ebenso spannenden wie witzigen Roman, den er auf dem schmalen Grat zwischen Moral und Unmoral in Balance hält. Alan Auhl ist ein origineller Held, der sich um seine Mitmenschen kümmert und der Ungerechtigkeit für einen Fehler hält. Und es drängt ihn, solche Fehler zu korrigieren, selbst wenn er dafür zu drastischen Massnahmen greifen muss. «Kaltes Licht» ist als Standalone konzipiert. Doch man wünscht sich, dass Alan Auhl in einem von Dishers nächsten Romanen zurückkehrt.

Die Wertung

Der Autor
Garry Disher, geboren 1949 in Burra, South Australia, ist auf einer Farm in Südaustralien aufgewachsen und wollte schon als Kind Schriftsteller werden. Er studierte zunächst Geschichte an der Adelaide University und bereiste dann Europa und Afrika. Nach der Rückkehr schrieb er eine Masterarbeit an der Monash University. Gleichzeitig begann er Kurzgeschichten zu schreiben, und er erhielt ein Stipendium für ein Creative Writing Fellowship an der Stanford University. Während vieler Jahre lehrte er in Melbourne neben seiner schriftstellerischen Arbeit kreatives Schreiben. Inzwischen ist er längst einer der bekanntesten australischen Schriftsteller. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht. Neben Kriminalromanen sind das andere Romane, Kinder- und Jugendbücher sowie Sachbücher zur Geschichte Australiens und über das Schreiben. 1996 wurde sein Roman «The Sunken Road» für den Booker Prize nominiert. Mehrere seiner Krimis waren auf der Shortlist für den Ned Kelly Award, den wichtigsten Krimipreis Australiens, den er zweimal auch gewann. Seine Bücher erscheinen ebenfalls in den USA und in Grossbritannien sowie in mehreren anderen Sprachen. Disher lebt auf der Halbinsel Mornington südöstlich von Melbourne im australischen Bundesstaat Victoria.

Garry Disher: «Kaltes Licht» (Original: «Under the Cold Bright Lights», The Text Publishing Company, Melbourne 2017). Aus dem Englischen von Peter Torberg. Unionsverlag, Zürich 2019. 314 S., ca. 30 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

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