Brasilien nach Penaltydrama weiter

Der WM-Gastgeber musste im ersten Achtelfinal gegen den gefährlichen Aussenseiter Chile lange zittern, ehe er 4:3 nach Penaltyschiessen gewann. Für die wackeren Chilenen war es ein bitteres Aus.

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Brasilien hielt den Atem an, als es zum ersten Mal so richtig ernst wurde bei dieser Fussball-Weltmeisterschaft. Das Duell mit Chile in Belo Horizonte sollte nur eine Etappe sein auf dem Weg ins Endspiel am 13. Juli im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro, doch es entwickelte sich zur Nervenschlacht und hätte den Gastgebern um ein Haar in die Depression gestürzt. Nur je zweimal Torwart Júlio César und das Torgestänge verhinderten, dass die Seleção bereits im Achtelfinale ausschied, was wahrscheinlich für das gesamte Land und das Turnier Folgen gehabt hätte.

Dem 1:1 durch Treffer von David Luiz und Alexis Sánchez folgten eine torlose Verlängerung und ein Elfmeterschiessen, das zum Thriller wurde. Schlussmann Júlio César, der vor 2010 in Südafrika die Niederlage im Viertelfinale gegen Holland verschuldet hatte und auch vor dieser WM immer wieder kritisiert worden war, umarmte den Trainer Luiz Felipe Scolari, als der Showdown im Estádio Mineirão losging. Er sprach ihm dabei auch etwas ins Ohr, es sah so aus wie ein Versprechen. Das hielt der Keeper des schwachen Clubs Toronto auch ein, wobei alle zusammen enormes Glück hatten, dass es überhaupt so weit kam, denn kurz vor Abpfiff der 120 Minuten hatte der eingewechselte Mauricio Pinilla aus 20 Metern krachend gegen die brasilianische Querlatte geschossen.

Brasilien holte Luft

Nun also Elfmeterschiessen, das Land stand still. Fast alle der mehr als 195 Millionen Brasilianer werden das Drama irgendwie mitbekommen haben. Den ersten Versuch verwandelte Manndecker Luiz, Brasiliens einziger Torschütze aus der normalen Spielzeit. Pinilla scheiterte an Júlio César, was für ein Pech für den Stürner aus Cagliari in so wenigen Minuten. Willian, der zuvor Oscar ersetzt hatte, schoss links vorbei. Alexis Sánchez trat den Ball so unentschlossen Richtung rechte Ecke, dass Júlio César ihn abwehrte. Da war er schon auf dem besten Wege zum Helden dieses Nachmittags. Marcelo, der unglückliche Eigentorschütze aus dem Eröffnungsmatch gegen die Kroaten, legte das 2:0 nach, Brasilien holte Luft.

Doch Charles Aránguiz verkürzte auf 2:1, obwohl er bei einem brasilianischen Arbeitgeber angestellt ist, Internacional Porto Alegre. Und der kräftige Hulk aus Sankt Petersburg zog so ab, dass der Chilene Claudio Bravo mit den Beinen in die Flugbahn sprang, was auch Bravos künftigen Verein FC Barcelona beeindruckt haben dürfte. Marcelo Díaz vom FC Basel glich aus. 2:2, die Spannung war nicht mehr auszuhalten. Dann kam Neymar, der derzeit populärste Brasilianer überhaupt, lief mit nervenaufreibenden Trippelschritten an und schickte die Kugel ins Netz. Anschliessend sprang er Júlio César vor dessen letztem Gang an die Brust, ehe der zehnte und finale Zweikampf anstand. Gonzalo Jara, 28 Jahre alt und angestellt in Nottingham, legte sich den Ball auf den weiss gekalkten Punkt. Ausser den 58'000 Zuschauern auf den Tribünen, den Mitspielern und den Gegnern mit ihrem Júlio César im Blickpunkt sahen auch weite Teile Brasiliens und der übrigen Welt zu, wie dieses Modell Brazuca gegen den rechten Pfosten prallte und von dort an der Torlinie entlang links vorbei. 3:2, Brasilien im Viertelfinale. Ein Schrei ging durch die Republik, Neymar sank auf die Knie.

In diesen Sekunden ging es um Scolaris Job

Die Distanz zwischen Jubel und Verzweiflung betrug nur Zentimeter, ohne Aluminium und Júlio Césars Hände wäre Brasilien draussen. Auch die Präsidentin Dilma Rousseff dürfte erleichtert gewesen sein, denn ein so frühes Ausscheiden der Hausherren hätte dieser WM und vermutlich auch ihr enorm geschadet. Von Scolari ganz zu schweigen, es ging in diesen Sekunden um seinen Job. Seine Mannschaft hatte gegen diese chilenischen Energiebündel teilweise hilflos ausgesehen, vergebene Chancen von Neymar, Hulk und Ramires waren eher Produkte der Verzweiflung. Ein Tor von Hulk erklärte der exzellente Schiedsrichter Howard Webb aus Grossbritannien zu Recht für ungültig. Weltmeisterlich sah Brasiliens konfuse Spielweise nicht aus, selbst Neymar litt, zum Schluss mussten höhere Mächte helfen. «Ich habe gebetet, ich habe für den Fall einer Niederlage um Schutz für uns und die Leute auf der Tribüne gebeten, um Ärger im Stadion zu vermeiden», berichtete Teamkapitän Thiago Silva anschliessend. «Ich habe den Vater im Himmel gebeten, unsere Schützen und vor allem Júlio César zu segnen. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich. Es war ein einzigartiger Moment in unserem Leben.» Weitere einzigartige Momente sollen folgen, der nächste am Freitag im Viertelfinale. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.06.2014, 16:23 Uhr

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