Bin ich ein Hipster?

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Hipster im engeren Sinn: Extravagante Besucher einer Modeausstellung in Florenz. (13. Juni 2017)

Hipster im engeren Sinn: Extravagante Besucher einer Modeausstellung in Florenz. (13. Juni 2017) Bild: Keystone

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Dumme Frage.

Selbstverständlich nicht. Was habe ich mit ihnen zu tun, den Schnauzträgern, Fixiefahrern, Knausgaardlesern, Chiasamenkauern, den Hipstern eben? Gar nichts.

Zugegeben: Betrachtet man den Hipster genauer, wirds kompliziert.

Prominent taucht er erstmals in den 50ern auf. Norman Mailer schreibt über ihn. «Superficial Reflexions on the Hipster». Mailers Hipster ist ein Weisser, der sich unter ein schwarzes Jazz-Publikum mischt und den Jazz schwarzer Musiker hört.

Wohlgemerkt: Der Urhipster hört Jazz, macht ihn nicht selber. Er tut etwas, das alle tun können. Darum gehts im Hipstertum: Um eine soziale Absetzbewegung mittels Perfektion des Gewöhnlichen. Dafür brauchts weder Geld noch Talent. Sondern Zeit zum Studium des Angesagten – und mitunter ein wenig modische Flexibilität. Schon die ersten Hipster fielen mit seltsamer Gesichtsbehaarung auf.

Ja, auch Hipster sind einzigartig.

Dann der Hipsterboom der 00er-Jahre. Besser: Hipsterbashingboom. Überall werden seither Hipster gefunden und beschnödet. Im Wald, wo Grafikerinnen das Holzfällen für sich entdeckten. Im Bistro, wo die Philosophiestudentin sich obsessiv mit Kaffee beschäftigt. Auf der Strasse, wo jeder Hornbrillenträger beargwöhnt wird.

Schwer zu sagen, was eigentlich das Problem ist. Möchten die Leute lieber mit Nazis zusammenleben?

Sobald man drei, vier Minuten mit einem hipsterig erscheinenden Menschen geredet hat, wenn man dabei nur einigermassen aufmerksam hört, bricht sie immer in irgendeiner Form durch, die Individualität, die herrliche, unbestreitbare Einzigartigkeit des Menschen. Ja, auch beim Hipster.

Dicht hinter dem Hipsterbashing lauert der Selbstzweifel. Das unterbewusste Wissen darum, dass der Hipster ein Symptom ist für eine krumm gewachsene Ökonomie und eine weggedämmte Natur. Und dass uns der Hipster gar nicht fern ist in der ausdifferenzierten Dienstleistungsgesellschaft. Ist ein Banker, der in seiner Freizeit den Naturburschen gibt und «in die Berge geht», nicht ziemlich hipsterig? Die Informatikerin, die glaubt, im Taekwondo ihre Erfüllung gefunden zu haben? Der Elektrowarenverkäufer, der sich sonntags das Edelweisshemd überstreift und zum Schwingfest pilgert?

Und wenn nun einer die Frage, ob er ein Hipster sei, dezidiert verneint, zum Beispiel mit dem Ausruf «Selbstverständlich nicht», einer also vehement seine Andersartigkeit betont – nun, dann entkräftet das den Hipsterverdacht in keinster Weise.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.12.2018, 11:31 Uhr

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