Anzeichnen gegen die Niedertracht

Das Kunstmuseum Winterthur zeigt politische Karikaturen und Collagen von Honoré Daumier und Raymond Pettibon. Die Schau animiert zu Gedanken über Pressezensur und Europapolitik.

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Christoph Heim

Nach der Kunsthalle Bern und dem Comicfestival Fumetto in Luzern, die ihn 1995 und 2012 vorgestellt haben, entdeckt nun erstmals ein schweizerisches Kunstmuseum den amerikanischen Zeichner Raymond Pettibon: Das Kunstmuseum Winterthur präsentiert den 1957 geborenen Künstler, der erstmals im Zusammenhang mit der Punk-Rock-Bewegung in Los Angeles Anfang der 80er-Jahre von sich reden machte. Und es bringt ihn mit dem grössten der Branche zusammen, mit dem Franzosen Honoré Daumier, der von 1808 bis 1879 gelebt und unter anderem die Politik des «Bürgerkönigs» Louis-Philippe satirisch kommentiert hat.

Beim Besuch der Doppelausstellung im lang gezogenen Dachgeschoss des ehemaligen Museums Oskar Reinhart fallen vor allem die Unterschiede ins Auge. Immerhin ist beiden Künstlern die subversive Kraft der Bilder gemeinsam. Unbestechlich und mutig zeichnen sie gegen Machtmissbrauch und Niedertracht an. Während aber Daumier mit feiner Feder seine Pointen präzise herausarbeitet und in der Regel auf Distanz bleibt, bringt Pettibon viel Farbe aufs Papier, wählt gerne die expressive Detailansicht und kombiniert seine Bilder mit Texten so, dass eigentliche Bilderrätsel entstehen.

Petit bon

Angesprochen auf seine Vorbilder, bleibt Pettibon wortkarg: Er habe nie eine starke Beziehung zu den visuellen Künsten gehabt. Wenn man schon ein Vorbild herbeizitieren wolle, sei es die amerikanische Satire-Zeitschrift «Mad», die er als Jugendlicher verschlungen habe.

Raymond Ginn, wie Pettibon bürgerlich heisst, ist der jüngere Bruder des Gitarristen und Sängers Greg Ginn, der die US-amerikanische Punkband Black Flag gegründet hat. Der Vater der beiden rief Raymond mit dem Übernamen petit bon, was diesem offenbar so gut gefiel, dass er den Diminutiv im Alter von 21 Jahren zu seinem Künstlernamen machte. Er studierte zuerst Betriebswirtschaft und machte dann 1977 einen Bachelor of Arts. Schon früh begann er eigene Magazine mit seinen Zeichnungen herauszugeben. Inzwischen ist sein Werk auf über 10000 Zeichungen angeschwollen.

Trump und eine grüne Birne

In der Winterthurer Ausstellung hat er ein riesiges Wandgemälde geschaffen, mit dem er die amerikanische Politik aufs Korn nimmt. Der obere Teil des Bildes wird von der präsidialen Ahnengalerie des Mount Rushmore dominiert, die um einen Felsen namens Cary Grant und eine braune Hand ergänzt wird. Im unteren Teil breitet sich eine lockere Folge von Figuren der aktuellen amerikanischen Popkultur aus, die aus dem Kraftprotz Mark Henry, der Pornodarstellerinn Stormy Daniels und einem orangefarbenen Donald Trump im Profil besteht. Während die Rushmore-Köpfe Namen erhalten wie Sklavenliebhaber, Bärentöter und Mörder von Millionen, steht bei Trump: «The Babe and the Boys in the Hood», was sowohl auf Trumps Sexaffäre, deren Schweigen er erkauft hatte, wie seine Handlanger hinweist.

In der Mitte des Bildes hat Pettibon eine grüne Birne hingemalt, die auf dem Kopf steht und direkt auf Daumier verweist. Dieser hatte den Bürgerkönig Louis-Philippe wiederholt als gefrässige Birne porträtiert. Die Kopfform, die eindeutig auf Kosten des Gehirnvolumens geht und die Fressorgane betont, hat dem gierigen Monarchen ganz und gar nicht gefallen. Er hatte ein ähnlich problematisches Verhältnis zur Presse wie Präsident Trump und steckte Daumier wegen seiner Zeichnungen ein halbes Jahr ins Gefängnis.

Noch mehr Birnen

Gleich drei besonders schöne Daumier-Zeichnungen mit dem Birnenmotiv gibt es in der Ausstellung zu sehen. Einmal geht es um die Gleichförmigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft angesichts eines Königs, der alles beherrscht. Ein andermal hängt die Birne, deren Unterteil ein wenig wie ein Hintern ausgebildet ist, als Glocke unter einem Dach, die von drei Bauern geläutet wird. Ein drittes Mal wird die Birne zu Europas führendem Seiltänzer, eine kopflose Frucht, die ihren Zylinder mit dem Republikanersymbol verloren hat – wie wenn Daumier die kopflose Europapolitik der Gegenwart kritisieren wollte.

In der Schau sind sowohl eine Auswahl von Lithografien wie auch Gemälde Daumiers zu sehen.

Von den 4000 Karikaturen, die Daumier für die Pariser Wochenzeitschrift «La Caricature» geschaffen hatte, besitzt das Winterhurer Museum 2000. Es ist die schweizweit umfassendste Sammlung, die durch die Stiftung Oskar Reinhart ins Museum gelangte. In der Ausstellung sind sowohl eine Auswahl von hinreissenden Lithografien wie auch Gemälde Daumiers zu sehen.

Neben den Birnen gibt es in dieser anregenden Schau auch zahlreiche Karikaturen zur Pressezensur oder zu den allgemeinen europäischen Verhältnissen zu betrachten, wobei die Kuratoren den Akzent auf das Überzeitliche und geradezu Philosophische gelegt haben und die tagespolitischen Karikaturen in der Schublade liessen.

Die Ausstellung im Kunst Museum Winterthur, Reinhart am Stadtgarten, dauert bis zum 4. August. Mehr Informationen finden Sie hier.

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