Farbige Säcke sollen Recycling «kundenfreundlicher» machen

Seit zwei Wochen läuft in Bern das Kehricht-Pilotprojekt «Farbsack-Trennsystem». Ein Fünftel der ausgewählten Haushalte macht derzeit mit.

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Noah Fend@noahfend

Seit zwei Wochen können die ersten Haushalte ihre Abfälle zu Hause trennen. Im Pilotversuch «Farbsack-Trennsystem» wird ein neues Entsorgungsmodell getestet, bei dem die Bevölkerung ihre Abfälle rund um die Uhr in hauseigenen Containern entsorgen kann. Hierfür werden die rund 2 500 Testhaushalte mit sechs verschiedenfarbigen Säcken versorgt. Getrennt gesammelt werden Papier, PET-Flaschen, Alu und Kleinmetall, Glas, Kehricht und gemischte Kunststoffe. Der einjährige Pilotversuch kostet über eine halbe Million Franken.

Neues Containersystem

Das neue System will das aktuelle Bring-System, bei dem rezyklierbare Abfälle zu Sammelstellen gebracht werden, durch ein Hol-System ersetzen. Sämtliche Abfälle werden vor dem Haus abgeholt. Jedes Haus erhält einen Container, in dem sämtliche Säcke zusammen gesammelt werden. In der zentralen Entsorgungsstelle werden die Säcke dann sortiert. Das geschieht momentan noch von Hand. Sollte das System dauerhaft eingeführt werden, würden hierfür vollautomatische Sortiermaschinen angeschafft. Ein solches Abfallsystem ist bisher in der Schweiz einzigartig.

Pilotversuch läuft

«Mit dem neuen System soll das Recycling vor allem kundenfreundlicher werden», sagt die zuständige Gemeinderätin Ursula Wyss (SP). Man sei zudem überzeugt, so auch die Recycling-Bereitschaft der Leute zu erhöhen. Schliesslich werden dadurch auch die Mitarbeitenden, die aktuell täglich drei bis fünf Tonnen Abfall von Hand in die Lastwagen werfen, gesundheitlich entlastet.

In den ersten zwei Wochen entsorgten bereits 500 der 2 500 Testhaushalte ihren Kehricht in den neuen Säcken. Walter Matter, Leiter Entsorgung und Recycling der Stadt Bern, betont, man sei mit den ersten Erfahrungswerten sehr zufrieden. «Es gibt erstaunlich wenig Fehlwürfe und die Qualität der Materialien ist sehr hoch. Das stimmt zuversichtlich», so Matter. Dennoch gibt es auch noch Probleme. Die Säcke sind oft nicht gut oder gar nicht verschlossen. «Das erschwert die Sortierung sehr», sagt Matter.

«Grosse Fragezeichen»

Laut Matter gibt es beim Material der Säcke und bei der Information noch Verbesserungspotenzial. Insgesamt sei man aber überzeugt, dass das System funktionieren könnte.

Skeptischer ist Patrik Geisselhardt, Geschäftsführer von Swiss Recycling. Zwar begrüsse er es, dass es neue Ansätze zu alten Problemen gebe. «Hinter einige Aspekte des Farbsack-Trennsystems setze ich aber grosse Fragezeichen.» Er kritisiert, dass alles in Säcken gesammelt wird. Bei Glas, Papier und Metall sei das keine gute Idee. «Wenn die Säcke reissen, kommt es zu einer Querverschmutzung»; die Materialien werden verunreinigt. Mit dem neuen System könne man vielleicht die Sammelmenge erhöhen, «die schlechtere Qualität der Materialien erschwert aber das Recycling», so Geisselhardt.

Schwieriges Kunststoffrecycling

Eine weitere Kritik betrifft das Sammeln gemischter Kunststoffe. Entgegen der Ankündigung würden diese faktisch nur selten rezykliert, sagt Geisselhardt. Zudem sieht er in Bern ein weiteres Problem. «Es gibt separate Säcke für PET-Flaschen und gemischten Plastik, wobei erstere gratis sind.» Das verwirre die Konsumenten. «Vermutlich werden dadurch viele Fehlwürfe im PET-Sack entstehen», sagt Geisselhardt.

Auch zweifelt Geisselhardt am finanziellen Nutzen des neuen Systems. «Es ist fraglich, ob diese Lösung günstiger ist.» Wichtig sei deshalb, dass der Versuch genau beobachtet und wissenschaftlich ausgewertet werde. Der Pilotversuch läuft nun noch ein Jahr weiter. Die Hochschule für Technik Rapperswil ist als externe Stelle mit der Überwachung und Messung des Versuchs beauftragt. Bei einem Erfolg käme das Farbsack-Trennsystem 2021 vors Stimmvolk.

Auch die Gemeinde Köniz beobachtet das Berner Pilotprojekt genau. In zwei Jahren will der Gemeinderat einen Bericht vorlegen, ob und wie in Köniz Kunststoff gesammelt werden soll. Dies erklärte der zuständige Gemeinderat Hansueli Pestalozzi (Grüne) an der letzten Parlamentssitzung. Die SP hatte mittels Postulat gefordert, dass der Gemeinderat flächendeckende Kunststoffsammlungen in Köniz prüfen solle.

Der Bund

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