Bern verabschiedet sich vom grossen Spektakel

Weniger Grossereignisse, dafür mehr kleine, nachhaltige Sportanlässe: Bern verpasst sich derzeit ein neues Image. Droht das grosse Gähnen?

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Offenbar stehen Stadt und Tourismus-Profis sportlichen Riesenevents wie der Tour de France oder der Euro 08 zunehmend kritisch gegenüber. Zu gering die Wertschöpfung, zu hoch der Aufwand, so der allgemeine Tenor. Deshalb stehen in der neuen Tourismusstrategie der Stadt Bern solche Megaevents zunehmend im Abseits. Die Fussball-Europameisterschaft 2008 gilt geradezu als typisches Negativbeispiel. Hohe Sicherheitskosten, Verdrängungseffekte, politisches Gezänk – und dann kauften die Fans ihr Bier erst noch im Supermarkt. Auch für Reto Nause (CVP), den Tourismusverantwortlichen im Berner Gemeinderat, ist die Euro 08 sozusagen der «Prototyp» eines Sportevents, der nun nicht mehr im Zentrum der neuen Philosophie der Stadt stehe: «Maximale Kosten, grosse Sicherheitsrisiken und wenig lokale Wertschöpfung», lautet Nauses Fazit.

Auch der letzte Megaevent, die Tour de France, welche 2016 kurzzeitig Bern besuchte und ebenfalls hohe Kosten verursachte, wird von Experten kritisch gesehen: «Der Aufwand war gewaltig, und bereits nach einem Tag zog die Karawane weiter», sagt etwa Martin Bachofner, seit Anfang September Operativer Leiter von Bern Welcome. Da müsse man sich schon fragen, was dies an lokaler Wertschöpfung gebracht habe. Auch Berns «oberster Vermarkter», der Präsident von Bern Welcome, Marcel Brülhart, sagt: «Das Kosten-Nutzen-Verhältnis muss künftig stimmen.» Aber was heisst das konkret?

Nischensportarten . . .

Nause fasst Berns neue Tourismusstrategie wie folgt zusammen: Die Stadt wolle sicherheitsmässig unproblematische Anlässe, welche mehrere Tage dauerten und zu einem Maximum an Logiernächten führten. Als Beispiel nennt Nause einen Radsportevent oder Juniorenweltmeisterschaften, wo jeweils Hunderte Athleten inklusive Betreuer anreisten. Der Überlegung dabei: Meist werden die Junioren bei diesen Anlässen von ihren konsumfreudigen Eltern begleitet.

Als Vorzeigeanlass gilt bei den Touristikern die Kunstturn-Europameisterschaft von 2016. Diese bescherte den Hotels während über zehn Tagen warme Betten und der Polizei keinen Ärger.

«Maximale Kosten, grosse Risiken und wenig lokale Wertschöpfung»Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) über den Megaevent Euro 08.

Doch mit welchen Sportevents will man die Stadt künftig vermarkten? Man sei mitten in der «Strategieentwicklung», sagt Bachofner vage. Generell könne er aber sagen, dass er sich auf «mittelgrosse» Anlässe fokussiere. Denkbar seien etwa internationale Nachwuchsmeisterschaften oder Veranstaltungen in Nischensportarten wie beispielsweise eine Kunst-Rad-WM. Dabei denkt Bachofner an die WM 2016 in Stuttgart, wo an drei Tagen Tausende Interessierte den Event besuchten.

. . . und Amateurevents

Allgemein möchten die Touristiker sportlich mehr in die Breite: Für ihn seien nicht nur Profianlässe interessant, sondern auch Amateurevents oder semi-professionelle Sportanlässe, welche sich zu einem «Volksanlass» ausbauen liessen, etwa eine Orientierungslauf-Meisterschaft oder eine U-21-Fussballmeisterschaft, sagt Brühlhart. In einem früheren Interview mit dem «Bund» sprach der «oberste Vermarkter Berns» auch von Tennis-Seniorenturnieren oder Schwimm-Juniorenmeisterschaften. Nach grossem Spektakel klingt das zwar nicht, die Touristikexperten haben es aber nicht primär auf das Publikum zu Hause vor dem Fernseher abgesehen.

Also keine Olympischen Spiele?

Heute Mittwoch entscheidet der Bundesrat über die Olympiakandidatur «Sion 2026». Bei einem Ja könnte es auch in Bern in ein paar Jahren wieder zu einem sportlichen Mega-Event à la Euro 08 kommen. Aber ist das überhaupt erwünscht? Grundsätzlich seien für ihn Olympische Eishockeyspiele in Bern denkbar, sagt Bachofner von Bern Welcome. Bern verfüge als Eishockeystadt über die nötige Infrastruktur und könne einen solchen Event «ohne grosse Kollateralschäden» verkraften. Euphorischer klingt da Nause: «Alle vier oder fünf Jahre brauchen wir in Bern einen Grossevent.»

«Das Kosten-Nutzen-Verhältnis muss künftig stimmen.»Marcel Brühlhart, Direktor von Bern Welcome.

Geringe Werbewirkung

Gigantismus komme bei der Berner Bevölkerung nicht zuletzt wegen der hohen Sicherheitskosten nicht nur gut an, sagt Therese Lehmann von der Forschungsstelle Tourismus an der Universität Bern. «Bei mittleren Events hat die Bevölkerung zudem mehr Möglichkeiten zur Partizipation.» Positiv auf das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bewohner wirke sich auch aus, wenn sich Vereine und Sportverbände einbringen könnten. Dies sei bei Megaevents kaum der Fall. Dort entschieden die Fifa oder die Tour de France allein darüber, wie der Event gestaltet werde. Allerdings seien bei Hallenevents die dazugehörigen Fernsehbilder oft «austauschbar» und die Werbewirkung für Bern entsprechend gering.

Der Bund

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