Wenn Wassersparen plötzlich schädlich wird

Die Bernerinnen und Berner brauchen seit Jahrzehnten immer weniger Wasser. Wasser zu sparen sei darum überflüssig, sagt ein Fachmann.

Wie viel Wasser sollen wir noch sparen? Ein Wasserzähler von Energie Wasser Bern.

Wie viel Wasser sollen wir noch sparen? Ein Wasserzähler von Energie Wasser Bern.

(Bild: Keystone)

Wassersparen ist in der Schweiz so etwas wie eine Bürgerpflicht. Schon im Kindergarten wird es den Kleinsten beigebracht: Beim Zähneputzen das Wasser abstellen, nach dem kleinen Geschäft nur die kleine Taste drücken. Beklemmende Bilder von Dürren und Hungerkatastrophen in den Medien tragen ein Übriges dazu bei, dass man konsequent sorgsam mit Wasser umgeht.

Der Wille zum Wassersparen schlägt sich auch in den Statistiken nieder. Seit Mitte der 1980er-Jahre ist der Wasserverbrauch pro Kopf in der Schweiz rückläufig. Das zeigen die Zahlen des Schweizerischen Vereins des Gas- und Wasserfachs (SVGW). Selbst der gesamte Wasserverbrauch ist trotz zunehmender Bevölkerung gesunken. Im Kanton Bern sieht der Trend nicht anders aus. Über 20 Millionen Kubikmeter Wasser hat der Berner Wasserverbund 2005 verkauft. Zehn Jahre später waren es rund 1,5 Millionen weniger – obwohl zur gleichen Zeit fast 20'000 Personen mehr versorgt wurden. So tief war der Pro-Kopf-Verbrauch Ende des Zweiten Weltkrieges.

Schäden an Wasserleitungen

Dieser Trend bereitet Bernhard Gyger, Geschäftsführer des Berner Wasserverbunds, Sorgen. «Man spart heute zu viel Wasser», sagt er. Zwar rät Gyger, Wasser nicht unnötig zu verschwenden. Aber wenn immer weniger Wasser durch die Leitungen flösse, könne das wie in anderen Ländern zu Schäden führen: zu verrosteten, verstopften oder mit Keimen belasteten Leitungen. «Das gesparte Wasser braucht man dann wieder, um die verdreckten Leitungen zu entstopfen», so Gyger.

Denn die Wasserleitungen unter dem Boden, die die Haushalte versorgen, sind eigentlich viel zu gross gebaut. So gross, dass im Brandfall auch die Feuerwehr mit genügend Wasser versorgt werden kann. Es schade deshalb nicht, beim Zähneputzen mal das Wasser laufen zu lassen, sagt Gyger vom Wasserverbund. Damit helfe man mit, die riesigen Leitungen zu spülen.

Wasser wird ein knappes Gut

Bei den Abwasserreinigungsanlagen Region Bern spürt man den kontinuierlichen Wasserrückgang zwar auch, wie Direktor Beat Ammann sagt. «Im Sommer beginnt es manchmal unangenehm zu riechen, wenn nicht genug Abwasser durch die Kanalisation fliesst.» Sand und Silt lagere sich in den Leitungen ab und organisches Material verrotte. «Die Rückstände werden dann beim nächsten Regen allesamt angeschwemmt und bringen Teile der Anlage an ihre Grenzen», so Ammann.

Trotzdem ist für ihn der Wasserrückgang erfreulich. «Wir brauchen weniger Energie und Betriebsmittel in der Abwasserreinigungsanlage.» Wenn weniger Dreckwasser gereinigt werden müsse, brauche die Anlage auch weniger Energie. Wie stark das Wasser verschmutzt sei, habe auf den Energieverbrauch der Reinigungsanlage nämlich kaum einen Einfluss.

Der sichere Zugang zu Wasser ist ein Menschenrecht. 20 Liter pro Tag und Person gelten gemeinhin als Minimum. Mit rund 162 Litern pro Kopf und Tag ist die Schweiz geradezu ein Wasserparadies. Das könnte sich aber in Zukunft ändern und Wassersparen auch hierzulande wieder geboten sein. Das jedenfalls ist die Ansicht von Christopher Bonzi, Leiter Wasserprogramm beim WWF Schweiz. «Die wissenschaftlichen Modelle zeigen, dass der Klimawandel vermutlich häufiger zu längeren Trockenperioden führt.»

Genau in diesen Perioden sei dann der Andrang aufs Wasser am grössten: Die Pflanzen verdunsten mehr, die Landwirtschaft bewässert intensiv und die Gletscher liefern kein Wasser mehr. «Zusammen mit dem Bevölkerungswachstum kann Wasser auch in der Schweiz zu einem knappen Gut werden», sagt Bonzi vom WWF Schweiz. Daher bleibe Wassersparen nach wie vor sinnvoll.

Ohne Gletscher kein Wasser

Gerade im Hitzesommer 2003 wurde mancherorts das Wasser knapp. Mit einer besseren Vernetzung könnten Engpässe in Gemeinden ausgeglichen werden, sagt Weingartner. «Etwa 2050 werden dann die Gletscher im Alpenraum auch keinen massgeblichen Beitrag zur Wasserversorgung mehr leisten können», so der Hydrologe. Deshalb müsse man sich überlegen, «kombinierte Wasserkraftspeicher» im Alpenraum zu bauen. Diese sollen dann nicht nur Energie liefern, sondern bei Knappheit auch Trink- und Bewässerungswasser.

Der Bund

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