Altersglück im Matratzenland

Alexander Kratzers Bühnenadaption des Romans «Unsere Seelen bei Nacht» bleibt im Theater an der Effingerstrasse zwar prosaisch, besticht aber durch das Duo Heidi Maria Glössner und Florentin Groll.

Eines Abends beschliessen die verwitweten Nachbarn, fortan die Nächte miteinander zu verbringen: Addie (Heidi Maria Glössner) und Louis (Florentin Groll).

Eines Abends beschliessen die verwitweten Nachbarn, fortan die Nächte miteinander zu verbringen: Addie (Heidi Maria Glössner) und Louis (Florentin Groll).

(Bild: Severin Nowacki)

Wenn jemand an der Tür klingelt und «kurz» vorbeischauen will, läuft das nur selten auf Teetrinken hinaus. Schon häufiger auf eine ganze Romanhandlung. In diesem Fall auf «Unsere Seelen bei Nacht», ein Alterswerk des amerikanischen Autors Kent Haruf. Als Netflix-Produktion lief das verfilmte Drama letztes Jahr an den Filmfestspielen in Venedig – mit Robert Redford und Jane Fonda . Nun zeigt das Theater an der Effingerstrasse eine Bühnenadaption, die zusammen mit der Regie Alexander Kratzer verantwortet, ab 2020 künstlerischer Leiter des Hauses.

Eine Gemeinsamkeit mit dem Film fällt sofort auf: die vortreffliche Besetzung. Heidi Maria Glössner muss auf diesen Brettern nichts mehr beweisen, Florentin Groll betritt sie zum ersten Mal mit seiner faszinierenden Präsenz. Er ist Redford gar nicht unähnlich in seiner vom Leben gezeichneten Mimik. Addie und Louis heissen die betagten, verwitweten Nachbarn, die eines Abends beschliessen, die Nächte miteinander zu verbringen und sich stundenlang aus ihren früheren Ehen erzählen, einander Mut machen und Ängste nehmen.

Überschwang statt Heimlichkeit

So weit, so rührend, doch grosses Geschwätz bestimmt das Leben der Kleinstädter im fiktiven Holt, die allesamt um ihren guten Ruf bemüht sind. Ausser Addie. Vorsichtig neckt Glössner ihren Spielpartner, lockt ihn neben sich ins Bett, und Groll erwidert die forschende Annäherung unbeholfen. Sie wollen aus ihren nächtlichen Treffen kein Geheimnis machen, und so gehen sie samstags in aller Öffentlichkeit mittagessen und werden immer überschwänglicher in ihrem neuen Altersglück.

Auch die Art, wie sie sich zueinander ins Bett legen, wird auf der Bühne sichtbar stürmischer. Vergeht die erste Nacht noch ohne Berührung, halten sie bald schon die Hand. Allmählich nähern sich auch ihre Köpfe an, und dann probieren die 70-jährigen in gänzlicher Dunkelheit, miteinander zu schlafen. Neben dem reizenden Paar agieren Anna Rebecca Sehls und Aaron Frederik Defant mal als Nachbarn und Familienangehörige, mal als Erzählinstanzen. Schliesslich muss dem Fluss der Handlung auf die Sprünge geholfen werden, wozu das Theater weniger Mittel bietet als der Film. Das wird an mancher Stelle spürbar, wenn die Biografien gar prosaisch nacherzählt werden.

Willkommenes Wirbeln

Doch dann taucht Anna Sehls als Enkelkind auf, im Jeans-Overall und mit verkehrtem Basecap wirbelt sie den Abend wohltuend auf. Dasselbe tut sie mit dem Bühnenbild: Peter Aeschbacher hat dafür offenbar ein Bettenlager leergekauft. Vor der ausgeblichenen USA-Flagge schichten die Spieler die Matratzen um, damit neue Kulissen entstehen. Defant hat diverse komische Auftritte als schrullige alte Nachbarin im Apricot-Kostüm (Sybille Welti). Als Addies bornierter Sohn durchkreuzt er die alte Frische des nicht mehr so platonischen Liebespaars.

Er spielt den Enkel gegen die Grossmutter und den neuen Ersatz-Opa aus und unterbindet die Liaison: Die jüngere Generation pfuscht der älteren ins Glück. Das bleibt im Effinger-Theater über knapp zwei Stunden trotz aller Langatmigkeiten berührend und schauspielerisch reich. Glössner lässt ihren weltflüchtigen Blick schweifen, und Groll begegnet ihr mit sehniger Kraft. «Du bist ein dummer, verdammter Kotzbrocken!», sagt Addie zum an sich selbst zweifelnden Louis. «Danke», antwortet dieser, worauf Addie mit «Bitte, gerne» quittiert. Und doch ist es ein liebenswürdiger Dialog. Die Papiertüte mit dem Pyjama trägt Louis zum Schluss wieder von der Bühne, denn es gibt in diesem Drama doch kein Altersglück im Matratzenland.

www.dastheater-effingerstr.ch

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