«Durch die Fusion hat sich die Stadt Luzern verjüngt»

Thomas Schrerer aus der Luzerner Stadtverwaltung weiss, worauf es bei der Fusion von Bern und Ostermundigen ankommt, damit sich niemand übergangen fühlt.

Luzern am Luzerner Fest: Die Bevölkerungsstruktur der Stadt wurde durch die Fusion mit Littau verjüngt.

Luzern am Luzerner Fest: Die Bevölkerungsstruktur der Stadt wurde durch die Fusion mit Littau verjüngt.

(Bild: Urs Flüeler Keystone)

Herr Scherer, ist die die Stadt Luzern seit ihrer Fusion mit der Gemeinde Littau vor acht Jahren anders geworden?
Luzern hatte fast keine Baulandreserven mehr. In Littau gab es bereits eingezontes Bauland. Luzern konnte also wieder bauen und wachsen, ohne seinen ohnehin kleinen Grünraum anzutasten. Zudem hat sich mit der Fusion die Bevölkerungsstruktur der Stadt verjüngt. Denn die Bevölkerung von Littau war durchschnittlich jünger, als die von Luzern. Das ist ein grosser Vorteil.

Inwiefern? Die Überalterung ist ein Problem. Denn die älteren Menschen brauchen irgendwann Unterstützung. Da ist es gut, wenn mögliche Pflegekräfte schon in der Nähe wohnen und nicht am anderen Ende des Kantons rekrutiert werden müssen.

Wie hat sich Luzern durch die Fusion sonst verändert? Die Littauer waren und sind etwas bürgerlicher und konservativer als die Stadtbevölkerung. Luzern wurde dadurch insgesamt etwas bürgerlicher.

Bekamen das die progressiven Stadtluzerner zu spüren?
Nein. Eigentlich hat sich nichts verändert. Nur bei knappen Abstimmungen auf Gemeindeebene kann es mal anders sein als zuvor. Nach der Fusion legten die SVP und die CVP mit einem bis zwei Sitzen im Parlament zu. Aber das war minim. Seit zwei Jahren haben wir eine knappe linke Mehrheit, sofern die GLP zu den Linken gezählt wird. Das liegt aber nicht an der Fusion.

Dann müssten die Bürgerlichen eigentlich eher für eine Fusion sein.
In Littau war vor allem die SVP gegen die Fusion. Sie war weniger aggressiv als die städtische SVP und pflegte vor allem eine konservative Grundhaltung. Den Umgang mit einem hohen Ausländeranteil war sie gewohnt. So ging es ihr vor allem um emotionale Werte. Sie hatte Angst, die Souveränität zu verlieren, und dass die Bürger von Littau nichts mehr zu sagen hätten. Fakt ist aber, dass die Littauer vor der Fusion weniger Einfluss auf das Geschehen hatten, weil vom Zentrum ein gewisser Einfluss ausgeht, zu dem die Umliegenden nichts zu sagen haben.

Zum Beispiel?
Die Verkehrspolitik im Zentrum hat Auswirkungen auf die Agglomeration. Dass Luzern Kitagutscheine einführte, setzte auch die umliegenden Gemeinden unter Druck, ihre Haltung zur Kinderbetreuung zu überdenken.

Dann haben die Littauer heute garantierte Vertreter in der Stadtregierung?
Nein. Es stand zur Diskussion, mehrere Wahlkreise zu bilden. Das wurde aber wieder verworfen. In Luzern gibt es nur einen Wahlkreis. Das führte im Vorfeld zu Diskussionen, war aber nach den ersten Wahlen bereits wieder erledigt. Die Littauer waren gleich zu Beginn gemäss ihrem Anteil im Parlament und in der Exekutive vertreten. Ein ehemaliger Littauer Gemeinderat wurde später Stadtpräsident. Inzwischen ist der Littauer Anteil in der Regierung aber wieder gesunken.

Gibt es heute noch Leute, die sich durch die Fusion übergangen fühlen?
Nein, ich glaube nicht. Das kam bloss am Anfang vor, wenn die Littauer etwa bei Abstimmungen über städtische Vorlagen unterlagen. Oder als eine umstrittene Strassensanierung nach der Fusion zu Gunsten von anderen Projekten zurückgestellt wurde. Aber wenn es um Vorlagen geht, die den Stadtteil Littau betreffen, zeigen sich die anderen Stadtteile in der Regel solidarisch.

Wie nehmen denn die Menschen die Fusion heute wahr?
Viele haben festgestellt, wie sehr sie davon profitiert haben. Für die Littauer war das zuerst die mit der Fusion einhergehende Steuersenkung. Die ist aber nach der ersten Steuerrechnung vergessen. Aber ihre Kehrichtabfuhr und der Winterdienst wurden besser. Weil viele Schulhäuser sanierungsbedürftig waren, wurden in der Stadt Luzern andere Sanierungsprojekte zugunsten der Schulhäuser in Littau zurückgestellt. Auch das Littauer Altersheim wurde als Projekt vorgezogen. Die Littauer kamen durch die Fusion zu Leistungen, die sie sich vorher nicht hätten leisten können.

Den Ostermundigern ist ihre dörfliche Identität wichtig. Wie verstehen sich die Littauer acht Jahre nach der Fusion?
Sie verstehen sich immer noch als Dorf. Mehr noch, sie verstehen sich als Littauer und Reussbühler. Denn die Gemeinde war schon vor der Fusion in zwei Dörfer geteilt. Sie haben immer noch eigene Kirchgemeinden und sie pflegen nach wie vor ihr gesellschaftliches Leben. Die Frauengemeinschaft ist immer noch prägend für den Stadtteil und die Spieler des FC Littau kicken weiterhin für ihren Club. Nebst diesen Vereinen und Clubs hat Luzern zudem ein schönes Waldschwimmbad erhalten.

Obwohl Bern und Ostermundigen geografisch zusammengewachsen sind, trennt die Gemeindegrenze die Menschen heute mehr als man denken würde. Sind sich die Littauer und die Luzerner in den acht Jahren seit der Fusion näher gekommen?
Das ist unterschiedlich. Das Vereinsleben ist getrennt geblieben, so gibt es die Luzerner und die Littauer Fasnacht. Im Bereich der ehemaligen Grenze hat sich vor allem in der Schule ein kleiner Synergieeffekt gezeigt. Die Kinder können besser auf die Klassen verteilt werden und man kann auch besser auf ihren Schulweg rücksicht nehmen. Zudem entwickelt sich die Stadt im Gebiet der ehemaligen Grenze zurzeit stark. Die etwas heruntergewirtschaftete Lindenstrasse zum Beispiel ist hipp geworden. Zudem versucht die Stadt das etwas unterprivilegierte Gebiet aufzuwerten. Denn es wird von der Autobahn und der Reuss bedrängt. Zudem liegt es im Schatten.

Und mit dieser Gentrifizierung werden die ärmeren Leute verdrängt?
Ja, es stimmt, da gibt es sehr alte Häuser, die saniert werden sollen. Und billiger Wohnraum verschwindet. Gentrifizierung ist aber eine Tatsache. Die Frage ist eher, ob sie durch die Fusion beschleunigt wurde oder nicht. Denn bloss weil Littau zum Stadtteil wurde, wollten noch nicht alle Leute dorthin ziehen. Wie überall in der Schweiz herrschte auch in Littau in den letzten Jahren ein Bauboom. Aber anders als in kleineren Gemeinden, die unter dem raschen Wachstum leiden, weil sie neuen Schulraum bauen müssen, kann die Stadt Luzern das Wachstum im Stadtteil Littau stemmen. Sie kann rechtzeitig Strassen, Kindergärten und sogar Kitas zur Verfügung stellen. Das macht das Wohnen dort wiederum attraktiv. Luzern kann es sich leisten, zu wachsen.

Wie wurde die Fusion Luzern-Littau in die Wege geleitet?
Dank der Machbarkeitsstudie, angestossen von der CVP in beiden Gemeinden, erachteten die Regierungen der beiden Gemeinden eine Fusion für lohnenswert. Danach wurde eine externe Firma damit beauftragt, einen Fusionsvertrag auszuhandeln. Dabei wurde die Verwaltung schon in die Arbeit am Fusionsvertrag einbezogen. So tauschten sich etwa die Littauer Schulleiter mit den Luzerner Schulleitern aus. Auch die Sozialdienste sprachen miteinander, etc. Der Fusionsvertrag wurde schliesslich dem Volk vorgelegt. Zum juristischen Vertrag gab es zudem eine allgemein verständliche Absichtserklärung, wie die Fusion umgesetzt werden sollte. Etwa dass das Gemeindehaus von Littau ein Verwaltungsstandort bleibt.

Und das wurde dann so umgesetzt?
Jein. Es war nicht sinnvoll das alte Gemeindehaus als Standort einer Direktion zu behalten. Aber wir brachten die Informatikabteilung dort unter. Zudem gab es einen Schalter, an dem die Bürger gewisse Dinge erledigen konnten. Aber nach drei Jahren merkten wir, dass der Schalter nur wenig genutzt wurde und wir schlossen ihn.

Worauf muss man bei einer Fusion besonders Acht geben?
Man muss darauf achten, dass man mit dem Personal sorgfältig umgeht. Man darf keine Leute entlassen. Deshalb haben wir bei der natürlichen Fluktuation die Stellen schon vor der Fusion im Hinblick darauf besetzt. Vor allem die Littauer Verwaltung kam dadurch am Schluss an den Anschlagt. Viele Mitarbeiter hatten bereits in die Luzerner Verwaltung gewechselt.

Sie haben die Fusion von Luzern mit der Gemeinde Littau vor acht Jahren begleitet. Was war ihre Rolle dabei?
Ich war in der ersten Phase Koordinator und Sekretär des Projekts. Ich koordinierte die verschiedenen Gremien in den beiden Gemeinden und war nahe an den meisten Gesprächen dran. Schliesslich verfasste ich auf Basis einer Machbarkeitsstudie der Universität Bern den Projektbericht für die Parlamente.

Was besagte die Studie?
Dass die Fusion gelingen kann. Die Studie analysierte vor allem die Auswirkungen auf die Finanzen und andere strategische Politikfelder wie Raumplanung, Wirtschaft oder Verkehr. Denn bei der Fusion muss das Gesamtgebilde den tieferen Steuerfuss der beiden Gemeinden wählen. Littau profitierte mit der Fusion von einer Steuersenkung. Damit kann man den Steuerausfall leicht prognostizieren. Bei uns ging es um gut sieben Millionen Franken. Diesen Betrag mussten wir aber mit Synergien kompensieren oder an anderen Stellen einsparen können.

War das möglich?
Nur begrenzt, die offensichtlichen Synergieeffekte sind relativ klein. Sie betreffen die Löhne der Exekutive und Sitzungsgelder des Parlaments. Auch die Löhne von einigen Chefbeamten konnten eingespart werden. Aber das Massengeschäft wird nicht kleiner. Durch die Fusion gibt es keinen Sozialfall, kein Schulkind und keine sanierungsbedürftige Strasse weniger. Synergien lassen sich finden, indem beispielsweise das effizientere der beiden Systeme gewählt wird. Zudem hatten wir mit Geld des Kantons zur Unterstützung gerechnet, das wir nicht erhielten. Der Kanton leistete an jede Fusion im Kanton Luzern namhafte Beiträge. Bloss die Fusion von Littau und Luzern erhielt nichts. So mussten wir am Schluss 20 Millionen Franken zusätzlich einsparen. Das hat uns auf dem linken Fuss erwischt und wir mussten weitere Sparpakete schnüren. Darum muss die Fusion strategisch begründet sein und den beiden Gemeinden etwas anderes bringen. Die Basis der Fusion muss eine Vision für die nächsten 20 Jahre sein. Denn wenn man nur die einzelnen Zahlen wie Steuern, Sozialausgaben etc. berechnet, findet man immer Gründe dagegen.


Zwischen Bern und Ostermundigen herrscht Tauwetter: Eine Fusion scheint plötzlich wieder möglich. Was halten Sie von Fusionen im Raum Bern? Diskutieren Sie mit im Stadtgespräch.
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