Poetischer Nutzbau in Ortschwaben

Nutzbauten können poetisch sein. Das zeigt die Busdepothalle von Mariette Noelly und Weber + Brönnimann, wie «Baustellen»-Kolumnist Bernd Nicolai schreibt.

Funktionalität lässt sich auch mit Fantasie verbinden: Der kubische Flachbau steht leicht abgesenkt am Rand des Dorfs.

Funktionalität lässt sich auch mit Fantasie verbinden: Der kubische Flachbau steht leicht abgesenkt am Rand des Dorfs.

(Bild: Merlin Photography Ltd.)

Können Nutzbauten poetisch sein? Diese Frage ist seit den Reformbestrebungen des Werkbundes vor mehr als hundert Jahren positiv zu beantworten und heute ein zentrales architektonisches Thema. Dass in der Schweiz dennoch ein anderer Eindruck vorherrscht, liegt vor allem an kostenbewussten Investoren und rigiden Baureglementen.

2012 titelte die NZZ vor diesem Hintergrund: «Können Schweizer Architekten denn nur langweilig bauen?» Die neusten Klötze von SBB und Swisscom im Wankdorfareal scheinen diese Ansicht zu stützen. Alternativen stehen im Tessin und im Bündnerland, mutige Holzbauten in Olivione von Stefano Tibiletti und in Lugano von Lorenzo Felder oder Maurizio Marzi sowie die Abbundhalle Mani Holzbau in Pignia von Iseppi/Kurath.

Dass man auch im Bernbiet Funktionalität mit Fantasie verbinden kann, zeigt die gerade eröffnete Busdepothalle in Ortschwaben von Architektur Mariette Noelly GmbH in Zusammenarbeit mit dem Ingenieurbüro Weber + Brönnimann AG. Errichtet als Grossbau in Mischbauweise, stellt die auf knapp 3000 Quadratmetern Grundfläche erbaute Halle einen gelungenen Beitrag zum Thema Grossbauten im ländlichen Raum dar. Der kubische Flachbau steht leicht abgesenkt am Rand des Dorfs, sodass die Landschafts- und Ortssilhouette nicht beeinträchtigt ist. Dieser Effekt wird noch verstärkt durch das nach Süden geneigte Dach.

Den Hauptbau bildet die 45 Meter überspannende Bushalle. Der Werkstatt- und Garagencharakter wird nach Norden durch sieben mächtige Klapptore betont, deren übergreifender Stahlrahmen einen Vorbau ausbildet, der im Kontrast zur zurückfluchtenden Fassade steht. Im Gegensatz zu den glatten Stahlelementen, die auch sonst an den Türbereichen die Fassade durchbrechen, steht die lammellenartige Holzfassade. Sie nimmt dem Kubus seine Wuchtigkeit und stellt mit ihrer Materialität eine Verbindung zu den umliegenden Häusern her. Die Schrägstellung des Kubus und die kräftige Rahmenkonstruktion erinnern entfernt an Klassiker des Neuen Bauens, so an Formelemente von Erich Mendelsohn. Die Lammellen-Holzverkleidung, seit Herzog & de Meurons wegweisendem Lagerhaus von Ricola in Laufen 1987 ein Topos der Gegenwartsarchitektur, vereint die verschiedenen Funktionsbereiche unter einer Fassadentextur.

An die Depothalle schliesst sich der zweigeschossige Bürotrakt mit Administrations- und Sozialräumen an. Ein besonderer Clou ist ein Galeriegeschoss, das sich über die gesamte Nordfassade zieht und alle Fahrspuren überspannt. Hier sind Tagungsräume untergebracht; ein Teil ist für einen späteren Ausbau bestimmt. Die Halle wurde aus Kostengründen mit Standard-Trägern ausgeführt, ebenso die mittige Stützenreihe, die gleichzeitig Infrastrukturen wie Leitungen aufnimmt.

Der zurückhaltende Bau ist ein gutes Beispiel dafür, was zeitgemässe Architektur im ländlichen Raum leisten kann, auch wenn grosse Dimensionen zu bewältigen sind. Die Bebauungsplanung und der Bau selbst erfolgten in enger Abstimmung mit Gemeinde, Heimatschutz und dem Auftraggeber Steiner Bus. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und lässt auf weitere intelligente Projekte hoffen.


Bernd Nicolai ist Professor für Architekturgeschichte und Denkmalschutz an der Universität Bern. Er schreibt regelmässig für die Baustellen-Kolumne.

Der Bund

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