Für Berner sind Bäume das Hauptargument gegen das Tram

Damit Tram Region Bern realisiert werden kann, müssen auf Berner Boden über 
200 Bäume ersetzt werden. Dies ist nicht nur Tram-Gegnern ein Dorn im Auge.

Unsichere Zukunft: Dieser Baum neben dem Schosshaldenfriedhof müsste Tram Region Bern weichen.

Unsichere Zukunft: Dieser Baum neben dem Schosshaldenfriedhof müsste Tram Region Bern weichen.

(Bild: Adrian Moser)

Lisa Stalder

Die ehemalige Berner Gemeinderätin Regula Rytz (Grüne) hatte es geahnt: Als im Juni 2010 erstmals konkrete Pläne für Tram Region Bern vorgestellt wurden, machte sie die folgende Aussage: «Bäume sind heilig in der Stadt Bern.» Sie wusste schon damals, dass es gegen die Pläne, die historischen Alleen an der Viktoriastrasse, der Laubeggstrasse und der Ostermundigenstrasse zu ersetzen, Widerstand geben wird. Und Rytz sollte recht behalten: In der Stadt Bern vermag im Zusammenhang mit Tram Region Bern kaum ein Thema derart zu bewegen wie die geplante Fällung von 218 teils alten Bäumen. An Podien, in Leserbriefen oder auch in persönlichen Gesprächen werden die Bäume oft als ein gewichtiges Argument gegen das Grossprojekt ins Feld geführt.

«Schalldämpfer und Staubfilter»

Einer, der sich mit einer Einsprache gegen das Fällen der Alleen gewehrt hatte, ist Hans-Martin Bürki-Spycher. Ihm seien die Bäume ans Herz gewachsen, sagt er, der seit jüngster Kindheit im Quartier wohnt. Nicht nur sähen diese schön aus, sie versprühten im Sommer auch einen angenehmen Duft, «besonders, wenn es geregnet hat». Doch es sind nicht nur romantische Faktoren, die Bürki-Spycher handeln liessen. Die Bäume hätten für die Anwohnerinnen und Anwohner auch einen ganz konkreten praktischen Nutzen: «Sie wirken als Schalldämpfer und Staubfilter». Würden die Bäume gefällt, bedeutete dies eine erhebliche Einbusse der Wohnqualität für das ganze Quartier.

Unter dem Strich mehr Bäume

Auf Seite der Planer wird das Ersetzen der Bäume hingegen als «Chance» gesehen. Dies, weil mit dem Tram-Projekt unter dem Strich zahlenmässig mehr Bäume die Strecke säumen werden, als dies heute der Fall ist. Gemäss Christoph Schärer, Leiter Stadtgrün, stehen heute entlang der 10er-Linie 352 Bäume. 218 müssten für das Tram gefällt werden, dafür würden 259 neue gepflanzt. Das entspricht einem Plus von 41 Bäumen. Auf dem Abschnitt zwischen Viktoriaplatz und Gemeindegrenze würden von den heute 282 Bäumen 200 gefällt, 209 würden neu angepflanzt, es wären also 9 mehr vorhanden als bisher. So würde beispielsweise die Allee entlang der Viktoriastrasse bis zur Rosengartenkreuzung hin verlängert.

Schärer betont auch, dass ein Teil der Bäume krank sei und in den nächsten Jahren sowieso ersetzt werden müsse. Dies betreffe insbesondere die Allee auf dem Abschnitt Ostermundigenstrasse beim Schosshaldenfriedhof, wo rund 50 Prozent der Bäume krank seien. An der Viktoriastrasse sei es rund ein Viertel. Anders präsentiere sich die Situation an der Laubeggstrasse sowie im Bereich Baumgarten, der Zustand der Bäume dort sei gut. Während ursprünglich geplant gewesen sei, die gesamte Allee entlang der Viktoriastrasse zu ersetzen, sollten nun 26 der 94 Bäume stehen bleiben, sagt Schärer. Unter anderem die 150-jährige Linde beim Sportplatz Spitalacker.

Ein «schmerzhafter» Schritt

Für Hans-Martin Bürki-Spycher gehen die Bemühungen der Planer allerdings nicht weit genug: Die Anzahl Bäume sei zwar höher, mengenmässig gäben diese aber viel weniger her. Und: «Bis die neuen Bäume so hoch sind wie die alten, vergehen 30 bis 40 Jahre.» Ältere Quartierbewohnerinnen und -bewohner würden dies nicht mehr erleben. Auch was die 26 Bäume entlang der Viktoria­strasse angeht, die erhalten bleiben sollen, hat der Wissenschaftsjournalist seine Zweifel. Er befürchtet, dass während der Bauarbeiten das Wurzelwerk so stark beschädigt wird, dass die Bäume dann sowieso absterben. Ein gewisses Risiko bestehe in der Tat, sagt Christoph Schärer. Würden allerdings entsprechende Baumschutzmassnehmen umgesetzt, könne ein Baum «weit über ein solches Bauprojekt hinaus» weiterleben.

Nicht nur Tram-Gegnern ist das Fällen der alten Bäume ein Dorn im Auge. So schreibt beispielsweise Martin Trachsel, Co-Präsident des WWF Bern, dass dieser Schritt «schmerzhaft» und die optische Veränderung während rund zweier Jahrzehnten «einschneidend» sei. Dennoch habe sich der WWF Bern für das Projekt ausgesprochen. Dies, weil man der Meinung sei, dass die Umwelt- und Energiebilanz «übers Ganze gesehen klar positiv» sei. Der WWF Bern habe aber nur darum zugestimmt, weil die Bäume wieder ersetzt würden.

Jedes Jahr 200 neue Bäume

Das Ersetzen von Bäumen gehört für die Stadtgärtnerei zur Tagesordnung: In der Stadt Bern stehen rund 21 500 Bäume. Jährlich müssen gemäss Christoph Schärer 200 bis 240 ersetzt werden. Das entspreche rund einem Prozent des Gesamtbaumbestands. Oder anders aus­gedrückt: «Die Bäume werden durchschnittlich 100 Jahre alt.» Dass kranke Bäume ersetzt werden müssen, dafür hat auch Tram-Gegner Bürki-Spycher Verständnis. Allerdings gehe es dabei meist nur um zwei, drei Bäume pro Strasse. Tram Region Bern müssten hingegen «ganze Alleen» weichen. «Das ist in unseren Augen das Drama.»

Der Bund

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