Zürcher Wahlen: Rickli gewählt, Bürgerliche verlieren Mehrheit

In Zürich wurden sowohl Kantons- als auch Regierungsrat neu gewählt. Die Resultate gelten als Gradmesser für die nationalen Wahlen im Herbst.

Neu im Zürcher Regierungsrat: SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. (Video: SDA) (24. März 2019)

Als grosse Siegerinnen bei den Zürcher Kantonsratswahlen gehen die Öko-Parteien hervor. Sie profitieren nicht unerwartet von der aktuellen Klimawandel-Diskussion und können die schmerzlichen Verluste von 2015 mehr als wett machen.

Die SVP dagegen verliert neun Sitze und fällt fast auf das Niveau von 1995 zurück, als sie 40 Sitze hatte. Die Grünliberalen und die Grünen gewinnen je neun Sitze dazu, während die FDP 2 Sitze verliert und die SP, CVP und EDU je einen Sitz einbüssen. Die EVP bleibt stabil, die BDP fällt aus dem Kantonsparlament.

Kurzfazit: Die Bürgerlichen haben die Mehrheit verloren. SVP, FDP, CVP und EDU kommen im 180-köpfigen nur noch auf 86 Stimmen (-13). Die Linke mit SP, Grünen und AL haben hat 63 Sitze (+9), die Mitte aus GLP und EVP 31 Sitze (+9). Somit ist die Mitte – obwohl in Sitzen am schwächsten – die eigentliche Gewinnerin. Um ein Vorhaben durchzubringen, muss sich künftig die rechte oder die linke Seite mit den Mitteparteien einigen.

Das ist die neue Sitzverteilung:

  • SVP: 45 (-9)
  • SP: 35 (-1)
  • FDP: 29 (-2)
  • GLP: 23 (+9)
  • Grüne: 22 (+9)
  • CVP: 8 (-1)
  • EVP: 8 (-)
  • AL: 6 (+1)
  • EDU: 4 (-1)
  • BDP: 0 (-5)

«Politische Grosswetterlage hat nicht für die SVP gesprochen»

Für Corina Gredig, Co-Präsidentin der Grünliberalen, sind die Wahlresultate ein Grund zur Freude. Die Klimadiskussion und die Haltung der GLP zu Europa hätten zu diesem grossen Erfolg beigetragen, sagte sie.

SVP-Präsident Konrad Langhart zeigte sich angesichts der Parlaments-Ergebnisse enttäuscht. «Die politische Grosswetterlage hat nicht für die SVP gesprochen.» Bluten muss auch die BDP. Sie verliert alle fünf Sitze und fliegt aus dem Parlament. Auch die Alternative Liste verliert. Sie kommt auf noch 3 Sitze (-2) und verliert die beiden letzten Wahlen erstmals erreichte Fraktionsstärke.

Grüne ziehen wieder in Zürcher Regierung ein

Überraschung auch bei den Zürcher Regierungsratswahlen: Die Grünen ziehen nach vier Jahren wieder in die 7-köpfige Regierung ein, die FDP verliert einen ihrer beiden Sitze. Alle Bisherigen wurden problemlos wiedergewählt. Neu gibt es eine Frauenmehrheit.

Der eher unbekannte 32-jährigen Kantonsrat Martin Neukom (Grüne) schaffte mühelos den Einzug in die Regierung. Der Winterthurer konnte von der aktuellen Klimadiskussion profitieren. Er belegt nach den Bisherigen den sechsten Platz und setzte sich klar gegen den ebenfalls eher unbekannten FDP-Kantonsrat Thomas Vogel durch.

Bilder: Das sind die Sieger und Verlierer der Zürcher Wahlen

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Damit gelang es Neukom, den vor vier Jahren an die CVP verlorenen Sitz zurückzuerobern. Damals wurde der grüne Regierungsrat Martin Graf abgewählt, und CVP-Frau Silvia Steiner zog in die Regierung ein. Neukom konnte vor den Medien sein Glück kaum fassen. Er habe zuerst gedacht, die Hochrechnung stimme nicht, sagte er. Er sei überwältigte und freue sich sehr. Allerdings müsse er sich erst noch an die neue Situation gewöhnen.

FDP verliert einen Sitz

Die FDP erlitt eine Schlappe. Sie verlor einen ihrer beiden traditionellen Sitze. Parteipräsident Hans-Jakob Boesch sagte, er sei masslos enttäuscht, am Kandidaten habe es nicht gelegen. Der eher unbekannte Thomas Vogel, Präsident der Kantonsratsfraktion, erreichte zwar das absolute Mehr, schied aber als überzählig aus. Vogel sprach vor den Medien von einem «Katastrophentag». Es gebe gar nichts zu feiern, wenn man einen Regierungssitz verliere und auch im Kantonsrat Einbussen erleide. «Schlimmer geht es gar nicht.»

Vor ihm platzierte sich die Winterthurer SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. Dieser war im Vorfeld eine weitaus bessere Platzierung zugetraut worden. Sie sei dankbar für die Unterstützung und froh, dass sie gewählt worden sei. Sie bedauerte, ebenso wie Neukom, die niedrige Wahlbeteiligung. Mit dem Einzug von Rickli gibt es in der Zürcher Regierung nun eine Frauenmehrheit.

Komfortabel gewählt wurden die fünf bisherigen Regierungsmitglieder Mario Fehr (SP), Jacqueline Fehr (SP), Ernst Stocker (SVP), Silvia Steiner (CVP) und Carmen Walker Späh (FDP).

Sicherheitsdirektor Fehr belegt mit 173'231 Stimmen den Spitzenplatz, gefolgt von Justizdirektorin Fehr mit 149'104 Stimmen Finanzdirektor Ernst Stocker mit 140'951 Stimmen, Bildungsdirektorin Silvia Steiner mit 135'481 Stimmen und Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh 126'229 Stimmen. Neukom erhielt 121'823 Stimmen, Rickli 116'096 Stimmen. Das absolute Mehr betrug 103'357.

Die Wahlbeteiligung lag bei 32 Prozent.

Deutlich mehr Frauen

Der Frauenanteil ist mit den Wahlen vom Sonntag gestiegen: 71 Frauen zählt das Zürcher Kantonsparlament neu, wie aus der Liste der Gewählten hervorgeht. Bei den Wahlen vor vier Jahren waren es erst 61 weibliche Ratsmitglieder.

Der neue Frauenanteil beträgt 39,4 Prozent. Vor vier Jahren war es erst ein Drittel. Am meisten Frauen in der Fraktion zählt – wenig überraschend – die SP mit 20 Parlamentarierinnen.

Dahinter folgen die Grünliberalen mit 12 Frauen und die Grünen mit 11 weiblichen Vertreterinnen. Die FDP und die SVP stellen neu je 10 Frauen, die AL 3 und die CVP 2. Am Schluss folgen die EDU und die EVP mit je einer Frau.

red/sda

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