Wie es sich anfühlt, Teil der Welt zu sein

Die Kunsthalle Bern zeigt die erste Schau ihres neuen Direktors Fabrice Stroun. Die an vielen Stellen gut gelaunte Gemäldeausstellung «The Old, the New, the Different» wird heute eröffnet – ohne Stroun.

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Ausstellungen müsse man körperlich erfahren, sagte Fabrice Stroun vor wenigen Wochen im Gespräch. Nun öffnet seine erste Ausstellung in Bern – und Stroun ist nicht da. Aus gesundheitlichen Gründen kann er sein Amt vorübergehend nicht ausüben. Die Ausstellung «The Old, the New, the Different» jedoch zeigt, was Stroun gemeint hat. Sie ist ein genussvoller Gang durch die Malerei der jüngsten Vergangenheit und der Gegenwart. Keine kunsthistorische Schau des Zeitgenössischen, sondern eine Aktualisierung der Sinne mit den Mitteln der Malerei – und eine elegante Annäherung an das Gegenteil des Lebens.

Der Hauptsaal der Kunsthalle zum Beispiel ist zum dunklen Prunkraum geworden. Hier hängen grosse schwarze Bilder von Julian Schnabel, Stephen Parrino, Jutta Koehter, Michael Scott und Wade Guyton. Sie beeindrucken und belustigen. «What do you want from me?», fragt Jutta Koehter und zeigt «La femme», die aus einem Dickicht der «Fantasy» steigt. Scott erzeugt durch nichts als Linien einen Schwindel ohne Titel, und Guyton fabriziert seine Gemälde mithilfe der Unzulänglichkeiten seines Druckers.

Menschen und Falten

Die Werke hier sind nicht frei von dekorativer Ironie, aber sie sind, das merkt man beim Betreten des Raums sofort, mehr als das. Schnabels Bild von 1980 ist eine Elegie auf den damals soeben selbst herbeigeführten Tod von Ian Curtis. Es ist das Parallelbild zum fast gleichzeitig entstandenen Cover der letzten Platte von Joy Division, Ian Curtis’ Band. Die hiess «Closer», Schnabel nennt sein Werk «Ornamental Despair».

Er steckt damit die inhaltliche Strecke ab, auf welcher sich die Bilder im Hauptsaal aufreihen: Schmuck und Verzweiflung. Wie das verblüffende Bild aus zwei Leinwänden von Steven Parrino, das gegenständlich und abstrakt zugleich ist, indem es einfach schwarz-weisse Falten und Menschen auf einem Berg in einem zeigt. Parrino kam 2005 bei einem Motorradunfall ums Leben, keine zwei Monate bevor Fabrice Stroun im Mamco in Genf eine grosse Ausstellung zu seinem Werk eröffnete, die unversehens zu einer postumen Retrospektive wurde.

Parrino, in New York geboren, hatte in der Westschweiz eine «zweite Heimat» gefunden, wie das «Frieze Magazin» nach seinem Tod schrieb, und damit ist er einer der Fixpunkte im transatlantischen Koordinatensystem, das Stroun in der Kunsthalle knüpft und nach dem er auch sein eigenes Leben ausrichtet. Er zeigt viele Schweizer und viele Amerikaner, Frauen und Männer, ohne Rücksicht auf ihr Alter. Das älteste Bild wurde 1965 gemalt, die jüngsten von Vittorio Brodmann sind soeben fertig geworden. Er hat sie eigens für diese Ausstellung gemalt.

Introspektion und Besinnung

«The Old, the New, the Different» hat zudem einen Hang zum Populären: Parrinos Bild ist nach «Kitten Natividad» benannt, einer gealterten Heiligen der pornophilen Trash-Filmindustrie in den USA. Neben Natividad und Curtis kommen, als Reverenz an die Populärkultur, Janis Joplin ebenso in der Kunsthalle vor wie die disneyesken Fratzen von Kenny Scharf oder, wenn auch nur dem Namen nach, der experimentelle Mangaka Yuichi Yokoyama im Werk des jungen Schweizer Mathis Gasser. Dort, wo diese Bilder hängen, gibt es nur wenig Schwarz. Im Aaresaal, in den beiden Oberlichtsälen Ost und West, im Entree und selbst im Treppenhaus prangen die Farben.

Strouns Ausstellung ist an vielen Orten gut gelaunt und hat Witz. Sie bezieht ihre Wirkung wesentlich aus der räumlichen Dramaturgie. Stroun setzt die Säle atmosphärisch prägnant voneinander ab, ohne sie thematisch festzuschreiben. Die einzelnen Werke sind sorgfältig gruppiert und kommen trotzdem individuell zur Geltung. Sie sollen ihre eigenen Geschichten erzählen, «Geschichten über die Welt und wie es sich anfühlt, Teil von ihr zu sein», schreibt Stroun. Er will die Malerei nicht analysieren, sondern als Modell der Weltwahrnehmung erlebbar machen.

Wie es anders kommt

Wohin das Wahrgenommene geht und woher dann die Kunst wieder kommt, untersucht die Ausstellung in den unteren Räumen. Die Stimmung ist ebenso konzentriert wie im Parterre, aber ruhiger, weniger ausgelassen. Hier geht es um Introspektion und Besinnung, hier hängen die Bilder von Hans Schärer, der seinen zähen Madonnen Zähne aus Steinen gibt. Daneben auch Seelenlandschaften, drei davon «Before Dying» der Amerikanerin Mamie Holst. Im Untergeschoss habe er die «traurige Schönheit der Vergänglichkeit» einfangen wollen, lässt Stroun ausrichten.

«Wir erwarten ihn spätestens in sechs Wochen zurück. Ich glaube, er kommt sogar früher», sagt Wolf von Weiler, Präsident des Vereins Kunsthalle Bern. Er hat zusammen mit Tenzing Barshee durch die Ausstellung geführt. Gleich unten an der Treppe hängt ein kleines Bild ohne Titel von Daniel Hesidence. Viel wisse er nicht dazu zu sagen, sagt Barshee: «Fabrice Stroun meinte nur, wenn man ein Bild hier an den Fuss der Treppe hängen könne, dann dieses hier, weil es so viel Kraft hat.» Es ist das Porträt einer Frau, der etwas aus dem Körper wächst.

Ob man noch Bilder für die Texte brauche, fragt Barshee in die Presserunde. «Eines der schwarzen oder ein farbiges?» – «Nehmen Sie lieber etwas Positives», sagt von Weiler. In dem Moment fällt einem doch noch ein Joy-Division-Zitat ein, wenngleich es nicht von Ian Curtis stammt, sondern von Matthew Murphy, dem Sänger der Wombats, einer viel jüngeren und wohl auch viel unbedeutenderen Band: «Let’s dance to Joy Division and celebrate the irony. This could all go wrong but we’re so happy.»

Die erste Ausstellung von Fabrice Stroun in Bern zeigt, wie die Welt war und wie sie ist. Und darüber hinaus zeigt sie, wie es dann doch immer anders kommt.

Der Bund

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