«Ein Team macht mehr Druck als eine Einzelperson»

Jobsharing in Regierungsgremien könnte das Schweizer Kollegialsystem strapazieren, sagt Public Management-Experte Adrian Ritz.

Adrian Ritz vom Kompetenzzentrum für Public Management der Universität Bern (Archivbild).

Adrian Ritz vom Kompetenzzentrum für Public Management der Universität Bern (Archivbild).

(Bild: Adrian Moser)

Calum MacKenzie@CalumMacKenzie0

Der Berner Stadtrat diskutiert über Teamkandidaturen und Jobsharing im Gemeinderat. Gibt es das schon irgendwo?
Was wir kennen, sind Teilzeitämter, etwa in Appenzell Innerrhoden. Auch auf Gemeindeebene gibt es Teilzeitämter, weil man sich mehrere Vollzeitämter gar nicht leisten kann oder der Arbeitsaufwand zu gering ist. Aber von Jobsharing, dem Teilen eines Amts, ist mir in der Schweiz und auch im Ausland kein Fall bekannt. Das Modell ist eher in der Unternehmenswelt etabliert. Aber auch da sind die obersten Positionen, CEOs oder VR-Präsidenten etwa, meist nur von einer Person besetzt.

Woher kommt diese Praktik?
Gesellschaftliche Entwicklungen haben zum Bedarf nach Verantwortungsteilung geführt. Heute haben wir andere Vorstellungen was Freizeit und Führung anbelangt. Work-Life-Balance wird wichtiger und man stellt kritischere Fragen an Vollzeitämter. Mehr Menschen wollen heute nicht mehr ihre ganze Lebenszeit für einen Job aufopfern. Zusammenarbeit wird bei der Arbeit immer wichtiger oder die Haltung gegenüber Hierarchien hat sich verändert. Die Zeiten, als ein Mann an der Spitze das Sagen hatte, sind vorbei. Führung verteilt sich aus heutiger Sicht verstärkt auf mehrere Personen.

Eine Position im Gemeinderat ist ja ein ziemlich belastender Job. Warum sollten Exekutivmitglieder von Jobsharing ausgeschlossen werden?
Solche Ämter verlangen belastungsfähige Leute, es sind schliesslich Regierungsfunktionen. Es wäre das falsche Motiv für Jobsharing, die Ämter entlasten zu wollen. Es gibt andere Möglichkeiten, Regierungsämter zu entlasten, wenn dies notwendig ist. Der Frage des Jobsharing in der Exekutive muss man sich aber stellen. Das Modell könnte mehr demokratische Optionen schaffen.

Wie könnten sich Teamkandidaturen denn auf den Wahlkampf auswirken?
Jobsharing in Exekutivgremien hätte den Vorteil, dass mehr Menschen solche Kandidaturen wagen würden – eben jene, die heutzutage kein Vollzeitamt mehr ausüben wollen. Zwei Kandidaten im Team können aber mehr Wahlkampfauftritte und Medientermine wahrnehmen oder sie haben mehr Geld, um den Wahlkampf zu finanzieren. Somit haben Teams gegenüber Einzelkandidaten gewisse Vorteile. Solche Folgen müssen genau geprüft werden. Der Umgang mit Teamkandidaturen im Wahlkampf ist aber nicht das zentrale Problem, wenn die rechtlichen Grundlagen gegeben sind.

Wie effizient ist es, eine Direktionsführung auf zwei Menschen aufzuteilen - sorgt das für Verwirrung oder für gesteigerte Produktivität?
Sharing kann mehr Ideen, besseren Austausch und Meinungsvielfalt bringen. Diversität und die Abstützung von Aufgaben auf mehreren Schultern haben oft einen Mehrwert. Der Koordinationsbedarf ist aber definitiv höher. Auch die Verantwortungszuordnung wird schwerer, wenn es zwei Köpfe sind. Die negativen Folgen der internen Verantwortungsteilung in einer Direktion sehe ich als geringer an als jene der politischen Verantwortungsteilung.

Welche Probleme könnte die Teilung der politischen Verantwortung bringen?
Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Zusammenarbeit im Regierungskollegium und das Führen der politischen Geschäfte die wichtigsten Aufgaben von Regierungsmitgliedern sind. Im schweizerischen Kollegialsystem mit gleichberechtigten Regierungsmitgliedern wird untereinander viel debattiert und verhandelt. Gegenseitiges Vertrauen spielt eine grosse Rolle. Die Dynamik innerhalb dieser Gremien verändert sich, wenn plötzlich ein Player mehr am Tisch sitzt. Ein Team kann grösseren Druck ausüben als eine Einzelperson. Das darf man nicht unterschätzen. Oder denken Sie an die Dynamik, wenn nur drei von fünf Regierungsämter geteilt werden.

Was geschieht, wenn eine Person im Team zurücktritt?
Den Rücktritt könnte man schlank regeln. Wenn man als Team kandidiert, tritt man als Team zurück. Man kann sich nicht mit einem Partner wählen lassen und dann alleine das Amt weiterführen wollen. Das wäre aus demokratischer Sicht problematisch. Das Formale kann man regeln. Bloss im informellen Bereich wo es ums Aushandeln, das Vertrauen und die Beziehungen im Regierungskollegium geht, ist die Doppelbesetzung von Ämtern fraglich.

Welche sind die anderen Möglichkeiten, Regierungsämter zu entlasten?
Man kann Generalsekretariate stärken, Stäbe ausbauen, Aufgaben zwischen den Direktionen verschieben oder auch die Anzahl Mitglieder im Gremium erweitern.

Der Berner Gemeinderat wurde zuletzt von sieben auf fünf Mitglieder verkleinert. Sollte er wieder vergrössert werden?
Aus meiner Sicht hat sich die Verkleinerung bewährt. Zu grosse Leitungsgremien sind schwerfälliger, weniger entscheidungsfähig und sorgen öfters für mikropolitische Konflikte. Im Berner Gemeinderat scheint die Organisation und die Verteilung der Aufgaben ausgeglichen zu sein. Die Verkleinerung hat nicht zur Folge gehabt, dass Personen mit privaten Verpflichtungen das Amt nicht mehr ausführen können. Insofern scheint mir Jobsharing eher eine Forderung aus gesellschaftspolitischer Sicht als aus Notwendigkeit des Amtes zu sein.


Das Berner Parlament will Team-Kandidaturen für die städtische Regierung einführen. Was halten Sie von dieser Idee? Haben Sie gute Erfahrungen gemacht mit Jobsharing? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch»
stadtgespraech.derbund.ch

DerBund.ch/Newsnet

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