Wider den Sprachwahn – aber welchen genau?

Eine deutsche Petition will den «Gender-Unfug» beenden. Und tut damit genau das, was sie kritisiert.

Salome Müller@SalomeMller

Sprache ist ein heiliger Garten, in dem gerade sehr viele Leute rumtrampeln. So sieht es wohl der Verein Deutsche Sprache um Professor Walter Krämer, der in diesen Tagen eine Petition gegen den «Gender-Unfug» lanciert hat – 30'000 Personen sollen sie schon unterzeichnet haben.

Anstoss gab die Stadtverwaltung Hannover, die künftig geschlechterneutrale Sprache nutzen will. Sie wird nicht mehr von «Wählern» schreiben, sondern von «Wählenden»; nicht mehr von «Bürgerinnen und Bürgern», sondern von «Bürger*innen». Alle sollen sich angesprochen fühlen und nicht nur mitgemeint. Es ist ein Anliegen, das den Kern von Sprache trifft. Sie gehört den Menschen, also müssen sie darin auch vorkommen.

Neuschöpfungen werden sich durchsetzen

Für die selbst ernannten Sprachretter markiert diese Änderung allerdings jenen Moment, in dem «fundamentalistische Feministinnen und Queer-Theoretiker» über den Zaun in den heiligen Garten gestiegen sind. Die «Gender-Ideologie ist auf dem Vormarsch zur Staatsdoktrin», schreiben sie in der Petition. Ihre Argumente: Die sprachlichen Eingriffe sind von oben verordnet, Gender-Stern wie Binnen-I sind unästhetisch, und geschlechtergerechtes Sprechen ist ohnehin nie möglich, weil Geschlecht und Gerechtigkeit verschiedene Kategorien sind. In einem Interview mit der NZZ sagte Krämer: «Für die Befürworter reicht es nicht, eine Bürgermeisterin zu haben. Es braucht auch einen Bürgerinnen- und Bürgermeister und eine Bürgerinnen- und Bürgermeisterin. Das ist der Gipfel der Lächerlichkeit.»

Lächerlich ist eher, das Anliegen für eine gerechtere Sprache derart ins Absurde zu drehen, um die echte Auseinandersetzung zu verhindern. Weil die Sprache etwas Alltägliches ist, werden sich jene Neuschöpfungen durchsetzen, die sich als praktikabel erweisen. Wenn die Sprache sich so weit öffnet, dass die Bürgermeisterin und die Bürgermeister*innen Platz finden, ist ein grosser Schritt getan. Die Angst vor einer Bürgerinnen- und Bürgermeisterin aber bleibt unbegründet, weil sie eine konstruierte Horrorvision der Gegner ist.

Sprache lässt sich nicht verordnen

Mit seinem Sprechen reagiert der Mensch auf Umstände und drückt seine Gedanken aus. Krämer tut es ja auch, wenn er mit «Genderitis» sagen will, das ständige «Gendern» sei lästig. Aber ist «Genderitis» ästhetischer als all der «Gender-Neusprech»? Wer entscheidet darüber?

Gemäss dem Verein Deutsche Sprache sind es die Personen, welche die Petition unterschrieben haben. Dazu gehöre die «Crème de la Crème des Kulturbetriebs» – die Bildungselite, die ihren Sprachgeschmack diktiert. Was für ein Unfug.

Das Gute ist: Sprache lässt sich nicht verordnen, weder von Ämtern noch Professoren. Am Ende setzt sich durch, was die meisten Mensch*innen überzeugt.

Redaktion Tamedia

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