Schule in der Stube – auch ohne Patent

Immer mehr Eltern wollen ihre Kinder selber unterrichten. Für die Schule zu Hause ist der Kanton Bern besonders geeignet – es braucht nicht einmal ein Lehrerpatent.

Das Wohn- wird auch Schulzimmer: Immer mehr Eltern setzen auf Homeschooling.

Das Wohn- wird auch Schulzimmer: Immer mehr Eltern setzen auf Homeschooling.

(Bild: Keystone)

Die Veränderung ist markant, der Trend zeichnet sich ab. Immer mehr Eltern schicken ihre Kinder nicht mehr auf eine öffentliche Schule: Von etwa 110'000 schulpflichtigen Kindern im Kanton Bern werden im laufenden Schuljahr 576 zu Hause unterrichtet – dreimal mehr als noch vor zehn Jahren (der«Bund» berichtete). Schweizweit sind es etwa 1500. Homeschooling, der Unterricht zu Hause, ist ein neuer Bildungsweg. Doch wer wählt ihn? Und warum?

Abschliessend kann das Andrea Liniger nicht beurteilen. Fünf Kinder hat sie, vier hat sie mindestens phasenweise zu Hause unterrichtet. Im Berner «FreiLernRaum» versammelt sie Eltern und Kinder aus der Region zum Austausch, die sich ebenfalls dazu entschieden haben. Begonnen hat sie den Individualunterricht aufgrund einer längeren Reise als Experiment, geblieben sind die positiven Aspekte und die Erkenntnis: «Auch eine hoch entwickelte Volksschule kann der Individualität unserer Kinder oft nicht ganz gerecht werden.»

Abkehr von der Volksschule?

Individualität, Eigenverantwortung, Flexibilität. Der Jargon in der Homeschooling-Szene ist blumig und erinnert an ein rechtschaffenes Stelleninserat. Der «FreiLernRaum» will «von und miteinander lernen», als «Privatschule des kleinen Mannes» versteht der Dachverband «Bildung zu Hause Schweiz» die alternative Form der Wissensvermittlung.

Es ist vielseitiges Bedürfnis, welches die Homeschooling-Bewegung zu stillen scheint. Nicht nur eines nach Individualität, sondern auch eines nach Kontrolle, nach einer bewussten, gelenkten sozialen Prägung. Mit der Abkehr von der Volksschule scheint auch ein gewisses Grundmisstrauen gegenüber traditionellen Institutionen einherzugehen. Das Vertrauen in den Staat war in der Gesellschaft bestimmt schon grösser. «Mir geht es weniger um die Kritik an der Institution Schule», sagt Liniger, «sondern mehr um die freiheitlichere Gestaltung des Unterrichts.»

Tomas Bascio, Gymnasiallehrer und Dozent sowie Forscher an den Pädagogischen Hochschulen in Zürich und Bern, sieht die Werte der Volksschule durch den Unterricht zu Hause nicht bedroht. «Das muss man entspannt betrachten. Ich finde es grundsätzlich gut, dass unsere Gesellschaft auch experimentelle Ansätze in dieser Richtung ermöglicht.» Bedenken hat er einzig bezüglich der sozialen Entwicklung der Kinder. «Die Fähigkeit, in einer Gemeinschaft zu bestehen, ist bei Individualunterricht nur schwer zu simulieren», sagt Bascio. «Das Leistungsdenken in der Schule empfinde ich als störend», meint Liniger.

Rein vom Stoff her ist das Homeschooling-Modell wenig experimentell – der Lehrplan hat auch da seine Gültigkeit. Schulpflicht in der Schweiz ist mehr als Bildungspflicht zu verstehen. «Die Schulpflicht kann auch im Rahmen einer Privatschule oder einer privaten Schulung erfüllt werden», steht in den allgemeinen Bestimmungen des Schweizer Schulgesetzes. Wie eine solche «private Schulung» genau auszusehen hat, steht wie so oft im Ermessen der Kantone.

Die liberale Insel Bern

Bern präsentiert sich im eidgenössischen Vergleich sehr liberal. Wer seine Kinder lieber zu Hause unterrichten möchte, kann einen Antrag beim zuständigen Schulinspektorat stellen. Möglicherweise gibt es ein klärendes Gespräch, vielleicht ein erster Hausbesuch, in aller Regel aber grünes Licht. Andere Kantone, wie etwa Tessin, Uri, Ob- und Nidwalden verbieten den Unterricht zu Hause ganz oder erlauben ihn nur in Ausnahmefällen. In den allermeisten Kantonen der Schweiz ist Homeschooling mit einem Lehrerpatent möglich, in den liberalsten Verwaltungen wie eben Bern oder etwa der Waadt sogar ohne.

Gemeinhin scheint der bürokratische Aufwand sehr gross. In Bern erhält jeder unterrichtende Elternteil eine beratende Lehrperson zur Seite gestellt, bald wollen die Schulkreise einen Inspektor anstellen, der sich nur mit den Homeschoolern beschäftigt. Er redet bei der Jahresplanung mit, hat Einblicke in Berichte und Hefte. Liniger bietet mittlerweile Coachings für Alleinunterrichtende an. Ein bisschen viel Staat für den Schritt weg vom Staat? «Der Aufwand ist beträchtlich, vor allem auch für die Eltern, finanziell und administrativ», sagt Bascio. Nicht jede Familie kann sich Homeschooling leisten, ein Elternteil muss sich fast komplett dem Unterrichten widmen. «Mir ist es das wert», sagt Liniger.

Ein gängiges Klischee ist die Vorstellung von Eltern aus der evangelikalen Ecke, die ihre Kinder vor unerwünschten Einflüssen schützen wollen. «Es gibt schon Leute mit religiösem Hintergrund unter den Homeschoolern», gibt Liniger zu, «ihre Gründe für den Unterricht zu Hause dürften aber verschieden sein.»

Immer mehr Eltern in Bern unterrichten Kinder daheim – Homeschooling boomt. Im Trend liegt die Begründung, den Kinder fehle der Freiraum. Nun wollen wir von Ihnen wissen: Was halten Sie vom sogenannten Homeschooling? Haben Sie sich auch schon überlegt, Ihr Kind daheim zu unterrichten? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch».

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