Steht Bern am 14. Juni still?

Ist der Spitalbetrieb am Frauenstreiktag garantiert? Drohen den Streikenden Sanktionen? Wir haben bei einigen Berner Arbeitgebern nachgefragt. Ihre Antwort ist eindeutig.

Auch 2011 wurde auf dem Bundesplatz für Lohngleichheit demonstriert. Dieses Jahr wollen die Frauen wieder Hunderttausende mobilisieren.

Auch 2011 wurde auf dem Bundesplatz für Lohngleichheit demonstriert. Dieses Jahr wollen die Frauen wieder Hunderttausende mobilisieren.

(Bild: Keystone)

Die Vorbereitungen beschäftigen auch die Arbeitgeber: Was ist, wenn am 14. Juni Frauen nicht zur Arbeit erscheinen? Trotz vieler Aufrufe zum Frauenstreik zeigt sich: Viele Frauen planen ihre Aktionen rund um die Arbeit herum – und viele Betriebe sind bemüht, «Streik»-Aktivitäten zu ermöglichen. Auch Gewerkschaften gehen nicht bis zum Äussersten, wie eine Umfrage zeigt:

Fordern die Gewerkschaften Frauen zum Niederlegen der Arbeit auf?

«Natürlich können nicht alle Frauen den ganzen Tag streiken», sagt Meret Schindler, VPOD-Sekretärin in Bern. «Streiken tut weh, es ist eine Verweigerung, man hat keinen Anspruch auf Lohn.» Streikende müssen auch mit Konsequenzen rechnen. So weit soll es aber nicht kommen. «Unser Anliegen ist, dass niemandem gekündigt wird», so Schindler. «Wir wünschen uns, dass sich Frauen beteiligen, egal, in welcher Form», sagt die Gewerkschafterin. So sind etwa auch zweiminütige Sitzstreiks mit Trillerpfeife, das Verteilen von Flyern oder das Tragen eines Ansteckknopfs geplant.

Ist der Spitalbetrieb trotz Frauenstreik garantiert?

Bei der Insel-Gruppe gilt laut Medienstelle die Devise, dass Aktivitäten in der arbeitsfreien Zeit stattfinden müssen. Vorgesetzte seien aber angehalten, Wünsche nach einer Teilnahme am Streiktag bestmöglich zu berücksichtigen. Die Insel-Medienstelle verweist auf den Gesamtarbeitsvertrag, der die Mitarbeitenden einer relativen Friedenspflicht unterstellt. Ob ihnen damit die Teilnahme am Frauenstreik verwehrt ist, wird unterschiedlich beurteilt. So gibt es laut Meret Schindler vom VPOD durchaus Argumente, weshalb der Frauenstreik nicht unter dieses Streikverbot fällt – sofern die Betreuung der Patienten gewährleistet ist. In einigen Spitälern ist laut VPOD eine Streikpause geplant. Bei der Spitex Bern können Mitarbeitende ab 15 Uhr aus dem Dienst ausgeplant werden, sofern sie dies frühzeitig der Teamleitung melden, und auch bei Domicil Bern versucht man, Rahmenbedingungen zu schaffen, allerdings sei es derzeit noch schwierig, die Streikabsichten einzuschätzen.

Werden Schüler vor verschlossenen Türen stehen?

Nein. «Nach Gesetz dürfen Lehrpersonen am 14. Juni nicht streiken», sagt Béatrice Stucki, Regionalsekretärin beim VPOD Bern. Der Frauenstreik erfüllt die formellen Erfordernisse an einen Streik gemäss Personalgesetz nicht. Deshalb wird er als eine politische Kundgebung eingestuft. Will eine Lehrperson daran teilnehmen, muss sie freinehmen und eine Vertretung organisieren.

Einzelne Schulen versuchen, sich innerhalb des Kollegiums zu organisieren. Darunter die Schule Spiegel in Köniz. «Die Schule hält sich bei einer allfälligen Aktion an die Empfehlungen von Bildungsdirektorin Christine Häsler», erklärt Co-Schulleiterin Gabrielle Wirth. «Für weibliche Lehrpersonen, welche während einer Lektion die Arbeit niederlegen wollen, werden innerhalb des Kollegiums männliche Lehrpersonen gesucht, welche die Betreuung der Klassen übernehmen.» Ob diese Idee im Kollegium Anklang findet und umsetzbar ist, wird nun abgeklärt. Denn: Im rund vierzigköpfigen Kollegium arbeiten acht Männer.

Kann man am 14. Juni einkaufen gehen?

Ja. Denn bei den grossen Lebensmittelläden ist der Tenor eindeutig: Streikabsichten bitte frühzeitig melden. Wer streiken will, muss dies mit den Vorgesetzten abklären und freinehmen. Beim Kaufhaus Loeb beträgt der Frauenanteil 80 Prozent. «Die Männer könnten den Betrieb nicht allein stemmen», bestätigt Béatrice Zürcher, Mitglied der Geschäftsleitung. Wie viele Frauen sich am Streik beteiligen wollen, sei bis jetzt schwer abzuschätzen. Das Mitstreiken soll aber möglichst allen Interessierten ermöglicht werden.

Auch bei Migros und Coop gilt dieser Streik als Freizeitbeschäftigung. «Wir sind überzeugt, dass unsere Mitarbeiter Verständnis dafür haben, dass der Betrieb weiterlaufen muss», schreibt die Migros auf Anfrage. Was aber, wenn Mitarbeiterinnen doch ohne Vorwarnung fernbleiben? «Wenn jemand unentschuldigt nicht zur Arbeit erscheint, liegt es im Ermessen des Vorgesetzten, ob die üblichen arbeitsrechtlichen Konsequenzen eingeleitet werden. Wir werden hier sicher nicht überreagieren», heisst es von der Migros.

Ist es 1991 zu grossen Sanktionen gekommen?

Eine solche «Überreaktion» der Arbeitgeber blieb auch 1991 aus. «Damals haben Arbeitgeber massiv versucht, Arbeitnehmerinnen im Vorfeld des Streiks einzuschüchtern», sagt Leena Schmitter von der Gewerkschaft Unia. «Schliesslich gab es aber kaum Sanktionen, oder sie wurden zurückgenommen.» Je grösser der Streik, desto mehr Sicherheit, schliesst die Gewerkschafterin.

Eindeutig ist die Rechtslage nicht. Seit 1999 ist das Streikrecht zwar in der Bundesverfassung verankert. Ein Gesetz, welches Rahmenbedingungen definiert, fehlt jedoch. Die Verfassung hält fest, dass Streiks zugelassen sind, «wenn sie Arbeitsbeziehungen betreffen und wenn keine Verpflichtungen entgegenstehen, den Arbeitsfrieden zu wahren oder Schlichtungsverhandlungen zu führen.» Bei der öffentlichen Verwaltung will man auf jeden Fall für klare Verhältnisse sorgen: Die Stadt Bern liess mitteilen, dass der Gemeinderat die Teilnahme am Frauenstreik unterstütze – sofern sie zulasten von Überstunden und Ferien geht.

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