Lärm, Umsatzeinbussen und eine Fee im orangen Kleid am Eigerplatz

Eine Grossbaustelle dominiert das Mattenhofquartier. Noch bis Mitte September wird Tag und Nacht gebaut. Wie erleben die Menschen im Quartier den Baubetrieb?

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Naomi Jones

Bagger rumpeln über den aufgerissenen Grund. Ein Kran schwenkt seinen Arm und lässt dabei die dicke Eisenkette rasseln. Im Graben der Kanalisation spritzt ein Bauarbeiter Wasser mit Hochdruck aus einem Schlauch.

Ein anderer zersägt Armierungseisen, dass die Funken sprühen. Irgendwo hämmert ein Schlagbohrer. Die Baumaschinen am Eigerplatz in Bern dröhnen von morgens um sechs bis abends um zehn Uhr. Das sind zwei Schichten hintereinander. Manchmal wird sogar die ganze Nacht hindurch gearbeitet.

«Die Baustelle ist eine Katastrophe», sagt Ruedi Hubacher. Er ist Wirt des Cafés Calypso. Die Baustelle habe ihn Kundschaft gekostet, sagt er. Obwohl das Lokal nicht unmittelbar am Eigerplatz liegt, ist der Lärmpegel hoch. Die Gäste sitzen trotzdem draussen. Etwa Evelyn: Sie löst ein Kreuzworträtsel und raucht eine Zigarette.

«Die Baustelle ist eine Katastrophe»Ruedi Hubacher, Calypso-Wirt

Evelyn kommt regelmässig ins Calypso. Heute sei der Lärm erträglich, sagt sie. Sie kritisiert vor allem die Verkehrsführung an der Baustelle. Diese sei unübersichtlich. Ein älterer Herr aus der Nachbarschaft setzt sich mit der Zeitung ans Nebentischchen und bestellt ein Bier. Er möchte über die Baustelle lieber gar nicht reden: «Ich kann nicht mehr», sagt er entnervt. Nun suche er eine Ferienwohnung.

Warten auf Kundschaft

Am Philosophenweg führt Adelheid Rohrer ein Coiffeurgeschäft. Sie hat soeben einer Kundin die Haare gefärbt und muss die Farbe einwirken lassen. Das Interieur des Geschäfts wirkt, als sei die Zeit in den 80er-Jahren stehen geblieben. Im Radio werden Schlager gespielt.

Wie Hubacher beklagt auch sie einen Rückgang der Kunden: weniger Laufkunden und weniger Stammkunden. «Die Leute finden keinen Parkplatz.» Wenn Rohrer keine Kunden hat, löst sie Kreuzworträtsel und wartet. Oder sie setzt sich auf die Treppe vor dem Laden und schaut den Bauarbeitern zu. «Ich würde auch gerne arbeiten», sagt die 60-Jährige.

Einer, der auf der Baustelle arbeitet, ist Eddy Flury. Und es macht ihm sichtlich Freude. «Ich wollte schon immer ein ferngesteuertes Auto haben», sagt der Bauarbeiter mit Langenthaler Dialekt. Nun habe er gar einen ferngesteuerten Lastwagen erhalten. Er grinst verschmitzt. Flury führt einen Saugbagger, ein riesiges Ungetüm, das seinen Rüssel in die Erde bohrt und pro Ladung acht Kubikmeter Schutt einsaugt.

«Achtung, nun wird es laut!»Eddy Flury, Bauarbeiter

«Es ist ein Staubsauger mit 480 PS», erklärt Flury stolz. Er steht mit seiner Fernsteuerung hinter dem Lastwagen, während dieser führerlos ein Stück rückwärts rollt. Als wäre der Wagen ein blauer Elefant, rollt er das Saugrohr aus und steuert behutsam Richtung Loch. «Achtung, nun wird es laut!», warnt Flury und beginnt, Erde aus einem Loch im Trottoir an der Belpstrasse 67 zu saugen. Es tönt wie ein Staubsauger mit 480 PS.

Baustellentelefon bei Sorgen

Unmittelbar hinter dem Loch, das Bauarbeiter Flury saugt, liegt das Café Simpel. Es ist zu, so wie die meisten Geschäfte an diesem Strassenabschnitt: das Chinesische Restaurant Tien Tien mit der Drachenbar, der Kostümverleih Häxebäse und die Brasserie Eiger. Ausser der Brasserie, der ein Wirtewechsel bevorsteht, machen sie alle Betriebsferien. Wer noch nicht weg ist, will bald gehen.

So Yasar Akgün, der Fotograf des Fotostudios Elite, oder die Belegschaft der Pizzeria Da Nino. Zwar schliesse er den Laden jedes Jahr im Juli während einer Woche, sagt der Patron Antonio Buccolo. Doch wegen der Baustelle mache er nun länger Ferien. «Wir haben sechs Angestellte und Umsatzeinbussen von rund 50 Prozent», sagt der Pizzaiolo.

Bei der Stadt ist man sich bewusst, dass die Baustelle eine grosse Belastung für das Quartier ist. «So gut es geht, richten wir uns nach den Bedürfnissen der Anwohner», erklärt Simon Bühler vom städtischen Tiefbauamt. Er ist Leiter des Projekts Eigerplatz. So würden zum Beispiel die Kanalisationsanschlüsse der Häuser möglichst dann saniert, wenn der Laden im Erdgeschoss ferienhalber geschlossen habe.

Müsse das Wasser abgestellt werden, achte man darauf, dass dies an einem Montag geschehe – dann arbeiten die Coiffeure nicht. Über das sogenannte Baustellentelefon könnten sich Anwohner und Geschäftsinhaber direkt an ihn wenden, sagt Bühler.

Allerdings könne die Stadt nicht die Umsatzeinbussen der Händler ausgleichen. «Einmal müssen wir die Infrastruktur sanieren, die auch sie benutzen.» Ausserdem werde der Eigerplatz nachher schön und viele hätten dadurch einen neuen Standortvorteil.

Nicht alle Anwohner und Händler leiden unter der Grossbaustelle. Vor der Pizzeria Da Nino steht Lilian Barbier mit ihren Kindern Thierry und Carla. Der dreijährige Knirps kommt angesichts der vielen Baufahrzeuge aus dem Staunen fast nicht heraus und kann sich kaum stillhalten.

Das Baby hängt derweil zufrieden in der Traghilfe an Mamas Bauch. Sie besuche die Baustelle mit den Kindern mindestens einmal pro Tag, erzählt Lilian Barbier, die in Sichtweite des Eigerplatzes wohnt. Zudem geniesse sie es, dass das Quartier wegen der Baustelle «quasi verkehrsberuhigt» sei. «Ich mag diesen Ausnahmezustand.»

Baufee im Schaufenster

Auch die Schneiderin Franziska Zech nimmt die Bauerei gelassen. «Ich bin hier seit 14 Jahren von Baustellen umzingelt», sagt sie. Ihr Atelier liegt etwas abseits der Baustelle an der Mühlemattstrasse. Doch auch sie hört den Baulärm und muss einen Umweg in Kauf nehmen, wenn sie mit dem Bus zur Arbeit kommt.

Als Handwerkerin habe sie aber Verständnis für die Arbeiter. Für das Schaufenster hat sie ein Abendkleid aus Bauarbeiterstoff genäht. Sie nennt die Schneiderpuppe mit dem orangen Kleid «Baufee». Es sei ihr Beitrag zum Grossprojekt. «Schliesslich identifiziere ich mich mit dem Eigerplatz», sagt sie.

Gelassen dank Stammkunden

Ein weiterer Laden trotzt dem Lärm und bleibt offen: der Coiffeursalon Hairness von Claudia Seiler und Yvanka Maibach an der Belpstrasse 71. Der Salon ist hell, kühl und modern eingerichtet. Vom Lärm ist wenig zu hören, solange die Türe zu ist. Dafür ist die Stimmung im Innern geschäftig. Die Mitarbeiterin Silvia Jost wäscht einer Kundin die Haare. Yvanka Maibach föhnt eine andere, und Claudia Seiler begrüsst eine dritte herzlich mit drei Küsschen.

Anders als die Nachbarn kämpfen die Frisörinnen nicht mit fehlender Kundschaft. Denn sie leben vor allem von Stammkunden. Auch Angela Yee, die im Büro RB-Reiseberatung ornithologische Reisen organisiert, verzeichnet keinen Geschäftsrückgang aufgrund der Grossbaustelle. «Wir verkaufen ein Nischenprodukt», sagt sie.

Plötzlich ist es ruhig. Es ist Mittag. Die wenigen Mitarbeiter der umliegenden Büros, die noch nicht in die Sommerferien verreist sind, suchen den Weg rund um die Baustelle zum nächsten offenen Restaurant oder Take-away. Dabei lachen und schwatzen sie. Die Baumaschinen stehen still, und die Zieglerstrasse, ursprünglich zweispurig befahrbar, ist eine Sackgasse und weitgehend Autofrei. Hier und da macht ein Bauarbeiter im Schatten Pause. In den Bäumen zwitschern die Vögel.

Der Bund

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